Herrhausen, Alfred


* 30.01.1930 Essen
† 30.11.1989 Bad Homburg vor der Höhe

Bankmanager, Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Dr. rer. pol., rk.

Quelle: picture-alliance/dpa

1952
1955
Studium der Betriebs- und Volkswirtschaft in Köln
Examen als Diplomkaufmann
Promotion zum Dr. rer. pol.
1952 Direktionsassistent bei der Ruhrgas AG
1955 Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) in Dortmund
1956 Finanzanalytiker und Kreditsachbearbeiter bei der Empire Trust Company in New York
1956-1968 Lehrauftrag an der Dortmunder Sozialakademie
1967 VEW-Vorstand für Finanzressort
1969 Deutsche Bank AG
1971 Ordentliches Mitglied des Vorstandes der Deutsche Bank AG, u.a. zuständig für die Abteilungen "Volkswirtschaft" und "Außenhandelsfinanzierung"
1985 Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG

Vor fünfundzwanzig Jahren wurde der Vorstandssprecher der Deutschen Bank und enge wirtschaftspolitische Berater Bundeskanzler Helmut Kohls ermordet.

Das Attentat

Die Bilder gehören zu den bekanntesten und zu den erschütterndsten der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Ein strahlend schöner Novembertag steht in einem denkbar großen Kontrast zu dem Trümmerfeld des Attentats im Kurviertel von Bad Homburg. Am 30. November 1989 verübten die Terroristen der sogenannten Rote-Armee-Fraktion (RAF) ein Sprengstoffattentat auf den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Dr. Alfred Herrhausen, sowie auf seine Begleiter. Die ausgelöste Detonation zerstörte den gepanzerten Dienstwagen. Herrhausen selbst hatte keine Überlebenschance. Sein Fahrer konnte – von Glas- und Metallsplittern blutüberströmt – schwerverletzt gerettet werden. Mehrere Augenzeugen des Mordes erlitten einen Schock.

Die Abscheu und das Entsetzen über die Grausamkeit des Attentates waren bedeutend und zeugten von einer parteiübergreifenden Absage an den „Klassenhass“. Bei einem spontanen Trauermarsch durch das Frankfurter Bankenviertel bekundeten Menschen ihre Solidarität mit den Opfern und ihren Angehörigen – ein nicht risikoloses Unterfangen in Zeiten des Terrorismus. Darüber hinaus griff aber auch Ratlosigkeit über die „Ohnmacht der Sicherheitsexperten“ (Maren Richter) um sich. Deprimiert sprach der vor Ort sichernde Polizeibeamte Erwin Paske von einer „Niederlage“ gegen den Terrorismus.

Triumph und Tragödie lagen in diesen Herbsttagen des Jahres 1989 für die Bundesregierung und für ihren – angesichts der Trauernachricht außerordentlich bedrückten – Bundeskanzler Helmut Kohl dicht beieinander. Gerade einmal zwei Tage trennten seine berühmte Regierungserklärung zum „Zehn-Punkte-Programm“ von dem Attentat, bei dem sein langjähriger und auch menschlich nahestehender Berater Alfred Herrhausen ermordet wurde. Helmut Kohl erinnerte sich: „Mein Freund und Ratgeber war tot – menschlich wie politisch war das ein schwerer Schlag für mich.“ Und weiter: „Alfred Herrhausen war mir ein ebenso guter Freund gewesen wie Hanns-Martin Schleyer. Er war ein aufrechter Patriot, auf dessen klugen Rat im Wiedervereinigungsprozeß ich gesetzt hatte.“

Zum einen war der Vorstandssprecher der Deutschen Bank ein klassisches Opfer der Terroristen geworden. In seiner Funktion als führender Vertreter des deutschen Wirtschaftslebens galt Herrhausen den Fanatikern ungeachtet der Person per se als Ziel, war er nach ihrer Lesart doch ein Teil des so verhassten freiheitlich-demokratischen „Systems“. So musste bereits zuvor sein Kollege von der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, sterben. Viele weitere Vertreter aus Ministerialbürokratie, Politik und Wirtschaft rückten in das Fadenkreuz. Der schon früh formulierte Leitsatz der RAF „Natürlich kann geschossen werden.“ nahm grundsätzlich den Tod anderer Personen wie beispielsweise Polizisten und unbeteiligter Zivilisten billigend in Kauf.

Zum anderen richtete sich der Hass der Terroristen (und ihrer Helfershelfer) möglicherweise besonders eindringlich auf Herrhausen. Mit seinem Berufs- und Lebensweg stellte der führende Bankier der Bundesrepublik Deutschland ein deutlich erkennbares Gegenbild zur Ideologie von Klassenkampf und Unterdrückung dar. Vielmehr verkörperte Herrhausen den Willen, dieInteressen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern miteinander zu verbinden – zum Wohle der gesamten Volkswirtschaft und der in ihr lebenden Individuen.

Der Mensch Alfred Herrhausen – Herkunft und Studium

Alfred Herrhausen wurde 1930 in Essen mit seiner Zwillingsschwester Anna als Kind des Ruhrgebietes in gesicherten, jedoch nicht besonders begüterten Verhältnissen geboren. Der Vater war Vermessungsingenieur, so dass ein späteres Studium auch für Alfred nahelag.

1942 bis 1945 besuchte Herrhausen die nationalsozialistische „Reichsschule“ in Feldafing (Bayern) und kam so als Kind mit der verheerenden Ideologie in Berührung. Dessen ungeachtet wurde er nach dem Krieg „durch das Erlebnis von Freizügigkeit und Freiheit“ zu einem „glühenden Verfechter der Demokratie“ (Andreas Platthaus). Dabei spielten auch die ethisch-moralischen, von dem christlichen Menschenbild geprägten Vorstellungen des Katholiken eine wichtige Rolle. Schon zu Studienzeiten lauteten die Namen der Ideengeber u.a. Teilhard de Chardin, José Ortega y Gasset oder Romano Guardini.

Sein Studium der Betriebswirtschaftslehre (1949 bis 1952) führte Herrhausen an die Universität zu Köln. Da er an der ganzen Breite des ökonomischen Studiums interessiert war, konnte es nicht überraschen, dass ihn die Zusammenhänge von Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspolitik besonders interessierten. Rückblickend waren es gerade die ordoliberalen Grundvorstellungen der Sozialen Marktwirtschaft, die ihn ansprachen. Es ging ihm also nicht zuletzt um die Spannungsfelder von Freiheit und Verantwortung sowie von Gesamtwirtschaft und Individuum. Sein Kölner Doktorvater Gerhard Weisser entstammte dann auch dem Freiburger Kreis. Herrhausen wurde bei ihm 1955 mit einer Arbeit über den „Grenznutzen als Bestandteil des Marginalprinzips“ promoviert.

Berufliche Anfänge

Parallel dazu hatte 1952 sein beruflicher Aufstieg als Direktionsassistent bei der Ruhrgas AG begonnen, wo er dem Vorstandsmitglied Fritz Gummert zugeordnet wurde. 1955 erfolgte dann die Anstellung als kaufmännischer Leiter bei der Vereinigte Elektrizitätslehre Westfalen AG (VEW). Zwei Jahre später wurde er dort Handlungsbevollmächtigter, nochmals zwei Jahre später – keine dreißig Jahre alt – erhielt er Prokura, 1960 erfolgte schließlich die Ernennung zum Direktor. Familiäre Beziehungen dürften den Aufstieg erleichtert haben – alleine erklären können sie ihn jedoch nicht. Herrhausens berufliche Tätigkeit wurde mit spezifischen Erfahrungen ergänzt, die zur damaligen Zeit noch ungewöhnlich anmuteten, sich perspektivisch aber in unterschiedlicher Weise als bedeutsam erweisen sollten: Ein längerer beruflicher Fortbildungsaufenthalt bei einer New Yorker Bank und ein Lehrauftrag an der (sozialdemokratisch geprägten) Dortmunder Sozialakademie. Das eine wies auf seine spätere Karriere im Bankwesen, das andere ließ erahnen, dass er den offenen Austausch mit allen parlamentarisch-demokratisch orientierten Gruppen suchte.

Mit strategischer Herangehensweise und „mit dem steten Willen zur Umwälzung des Metiers“ arbeitete Herrhausen an der „Pionierprivatisierung“ in der damals noch stark korporatistisch geprägten Energieversorgungsbranche: „Bei diesem Einsatz sollte er sich die Sporen verdienen, die ihn dazu prädestinierten, bei der Deutschen Bank in den Sattel zu kommen.“ (Platthaus)

Karriere in der Deutschen Bank

1970 wurde Herrhausen – vier Tage vor seinem vierzigsten Geburtstag – in den Vorstand der Deutschen Bank berufen (ab 1971 dann als ordentliches Mitglied). Förderer war einer der beiden damaligen Vorstandssprecher Friedrich Wilhelm Christians, der Herrhausen über seine Aufsichtsratstätigkeit bei der VEW kennengelernt hatte und ihn nun als „Führungsreserve für die achtziger Jahre“ (Platthaus) in das Bankwesen holte. Dieser Quereinstieg konnte und musste für einen Kaufmann aus der Industrie als ungewöhnlich gelten. Zur operativen Ebene hin musste erst noch Vertrauen erworben werden.

Zu einer der ersten firmeninternen Maßnahmen Herrhausens gehörte die Einrichtung der Unternehmenseinheit „Strategische Planung“, bald „Unternehmensplanung“ – ein Ressort, das offenkundig auf ihn und sein langfristiges Denken abgestimmt war. „Das (Durch-)Stehvermögen des Alfred Herrhausen“ (Handelsblatt) auf der Hauptversammlung im Juli 1972 machte ihn erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das „Einstehen“ für eigene Positionen und das klare „Dafürstehen“ für seine eigene Auffassung sollten Schlüsselbegriff für sein Agieren werden. (Platthaus) Eine modernisierte und professionalisierte Öffentlichkeitsarbeit ergänzte im Laufe der achtziger Jahre diesen Eindruck.

1985 wurde der junge Hoffnungsträger selbst ein Vorstandssprecher der größten deutschen Bank, 1988 schließlich seit vielen Jahren der erste alleinige Vorstandssprecher. In seine Zeit fällt die forcierte Internationalisierung des Unternehmens – eine zukunftsweisende Entscheidung, begann sich doch in diesen Jahren die Globalisierung der Finanzmärkte rasant zu beschleunigen. Noch 1989 gelang mit der Übernahme des britischen Bankhauses Morgan Grenfell und mit der Berufung des Briten John Craven in den Vorstand der Einstieg in die Londoner City. Insgesamt erfolgte ebenfalls auf nationaler Ebene ein stetiger und auch in seiner Geschwindigkeit bemerkenswerter Ausbau der Deutschen Bank. Das „Allfinanz“-Konzept, mit dem das Unternehmen unterschiedliche Finanzdienstleistungen (bis hin zu Lebensversicherungen und Immobiliengeschäften) gleichzeitig anbieten konnte, ermöglichte rasche Zuwächse. Richtungsweisende Beteiligungen wie die an Unternehmensberatungen zahlten sich aus.

Zwischen Wirtschaft und Politik

Erstaunen (um es vorsichtig zu umschreiben) bei nicht wenigen Kollegen erntete schließlich Herrhausens publikumswirksamer Vorschlag, einen partiellen Teilerlass für hochverschuldete Länder aus dem Bereich der Entwicklungszusammenarbeit zu überlegen. Über das internationale Kreditgeschäft war Herrhausen bereits in den siebziger Jahren eingehender mit der prekären Schuldenlage z.B. Mexikos konfrontiert worden. Im September 1987 plädierte er schließlich ganz offen bei der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Washington für einen umfassenden Schuldenerlass. Durch Ideen wie einen Zinsausgleichsfonds und eine Schuldenumwandlung in Beteiligungskapital unterstrich er gleichzeitig, dass dies nicht bedingungslos zu verstehen war, sondern nach seinem Dafürhalten mit einer seriösen Zukunftsperspektive verbunden werden musste. In seiner systematischen Gesamtschau ging es angesichts der verfahrenen Lage nicht mehr nur um finanzielle Aspekte, sondern um die Lösung eines schwierigen Gesamtproblems aus ökonomischen und politischen Gesichtspunkten: „Die Zeit ist reif für einen neuen Versuch. Für alle Beteiligten steht mehr auf dem Spiel als Kapital und Zinsen“, so Herrhausen in einem Interview im Handelsblatt am 30. Juni 1989. Es kann nicht überraschen, dass Herrhausen mit dieser Einstellung auch die Moskau-Politik Helmut Kohls in den späten achtziger Jahren begleitete.

Wirtschaft und Politik waren für Herrhausen keine getrennten Sphären. Ökonomische Gestaltungsmacht verpflichtete seiner Auffassung nach auch zur Verantwortung für das parlamentarisch-demokratische Gemeinwesen, ja für die Nation. Er spürte in den achtziger Jahren eine schleichende Entfremdung zwischen Bürgern und Politik sowie die gesellschaftliche Tendenz hin zum Rückzug in das private Glück – und er sah die daraus resultierenden Gefahren für die freiheitliche Demokratie, die von der aktiven Beteiligung ihrer Bürger lebt. Seine Botschaft an die Verantwortungsträger in Politik und Wirtschaft war deutlich: „Wir müssen das, was wir denken, auch sagen. Wir müssen das, was wir sagen, auch tun. Und wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“ Für Herrhausen war klar, daß das Handeln in Führungspositionen eine Vorbildfunktion beinhalten musste, sollte das in einem freiheitlichen und offenen System so wichtige Vertrauen der Bevölkerung in Parteien, Banken, Unternehmen etc. bestehen bleiben. Eine der Schlussfolgerungen aus diesen Überlegungen war die Ermutigung, talentierte und verantwortungsbewusste junge Menschen entschlossen zu fördern: „Es ist kein Luxus, große Begabungen zu fördern. Es ist Luxus, und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun.“ Bundeskanzler Kohl führte dazu in seiner Trauerrede für Herrhausen im Frankfurter Dom aus: „Die zweite deutsche Demokratie darf nicht ersticken an Sattheit, geistiger Trägheit und moralischer Gleichgültigkeit. Alfred Herrhausen war einer von denen, die diese Gefahr erkannt haben. Er, der erfolgreiche Unternehmer, wußte, daß der Mensch eben nicht vom Brot allein lebt und daß sich – jenseits vom Angebot und Nachfrage – für jeden von uns die Frage nach einem sinnerfüllten Leben und unserer Verantwortung in der Welt stellt.“

Für den Vorstandssprecher der Deutschen Bank war klar, dass Wirtschaft und Politik in gegenseitiger Ergänzung arbeiten mussten. Für ein wechselseitiges Herabsehen von Parteien auf der einen Seite und Banken auf der anderen Seite oder gar für eine populistische Instrumentalisierung des jeweils anderen hätte er kein Verständnis gehabt. Wichtig war ihm stattdessen seine beratende Tätigkeit für die Bundesregierung, und hier nicht zuletzt für Helmut Kohl. Kritikern der hervorgehobenen Rolle der Deutschen Bank entgegnete Herrhausen: „Natürlich haben wir Macht. Es ist nicht die Frage, ob wir Macht haben oder nicht, sondern die Frage ist, wie wir damit umgehen, ob wir sie verantwortungsbewusst einsetzen oder nicht.“

Literaturhinweise

Klaus Dreher, Helmut Kohl. Leben mit Macht, Stuttgart 1998.
Matthias Klien (Hrsg.), Das Herrhausen-Attentat von Bad Homburg. Zeitzeugen berichten, Frankfurt a.M. 2011.
Helmut Kohl, Eine große Gestalt der Deutschen: zum Abschied von Alfred Herrhausen, in: Ders.: Deutschlands Zukunft in Europa. Reden und Beiträge des Bundeskanzlers, Herford 1990, S.37-43.
Ders., Erinnerungen 1982-1990, München 2005.
Ders., „Ich wollte Deutschlands Einheit“. Dargestellt von Kai Diekmann und Ralf Georg Reuth, Berlin 1996.
Andreas Platthaus, Alfred Herrhausen. Eine deutsche Karriere, Berlin 2006.
Maren Richter, Leben im Ausnahmezustand. Terrorismus und Personenschutz in der Bundesrepublik Deutschland (1970-1993), Frankfurt a.M./New York 2014.

Georg S. Schneider