Quelle: BPA

Wulff, Christian

* 19.06.1959 Osnabrück

Jurist, Landesvorsitzender, Ministerpräsident, Bundespräsident, Dr. h.c., rk.

1975 CDU (seit 2010 ruhend)
1978-1980 Bundesvorsitzender der Schüler-Union und Mitglied des CDU-Bundesvorstands
1979-1983 Mitglied im JU-Bundesvorstand
1980 Abitur
1980-1986 Studium der Rechtswissenschaften in Osnabrück
1983-1985 Landesvorsitzender der JU Niedersachsen
1986-2001 Mitglied des Rats der Stadt Osnabrück
1987 Erstes juristisches Staatsexamen
1989-1994 Vorsitzender der CDU-Fraktion im Rat der Stadt Osnabrück
1990 Zweites juristisches Staatsexamen
1990 Rechtsanwalt
1990-1994 Vorsitzender des Bezirksverbands Osnabrück-Emsland
1994-2010 Mitglied des Landtags Niedersachsen
1994-2003 Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion
1994-2008 Landesvorsitzender der CDU in Niedersachsen
seit 1998 stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU (seit 2010 ruhend)
seit 2003 Mitglied im Vorstand der Konrad-Adenauer-Stiftung (seit 2010 ruhend)
2003-2010 Ministerpräsident von Niedersachsen
2007 Ehrendoktor der Tongji-Universität Shanghai
2010-2012 Bundespräsident

Biographischer Werdegang

Angemessenes Rechtsbewusstsein, Gesprächsbereitschaft in Konfliktsituationen und sachliches Argumentieren - diese Eigenschaften werden bereits dem Pennäler Christian Wulff in einem Schulgutachten zugeschrieben. Sie charakterisieren den Berufspolitiker Wulff bis heute. Sein politischer Aufstieg beginnt bereits mit 16 Jahren, als der Gymnasiast zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der niedersächsischen Schüler-Union gewählt wird. Zwei Jahre später wird er deren Bundesvorsitzender und damit Mitglied des CDU-Bundesvorstands. Diese Mitgliedschaft lässt ihn einerseits mit CDU-Größen wie Helmut Kohl und Kurt Biedenkopf zusammentreffen, andererseits macht er durch sein überlegtes Auftreten, seine Tiefgründigkeit und seine Redegewandtheit auf sich aufmerksam. Die außergewöhnliche Reife des jungen Mannes hängt stark mit einem schwierigen familiären Umfeld zusammen, welches Wulff früh zwingt, Verantwortung zu übernehmen. Die leiblichen Eltern trennen sich, als er zwei Jahre alt ist. Sein Stiefvater verlässt die fünfköpfige Familie, als die Mutter schwer erkrankt. Der Sohn übernimmt nicht nur die häusliche Pflege, sondern setzt sich auch juristisch für Unterhalt und Wohnrecht der Mutter ein. Um die Pflege fortführen zu können, entscheidet er sich nach dem Abitur für ein Jurastudium in seiner Heimatstadt Osnabrück. Zu einem politischen Förderer und väterlichen Vorbild des Katholiken Wulff wird der langjährige niedersächsische Minister und CDU-Fraktionsvorsitzende Werner Remmers, der als ein Verfechter der katholischen Soziallehre gilt. Zu den weiteren politischen Stationen Wulffs gehört der Landesvorsitz der Jungen Union Niedersachsen und schließlich 1993 die Aufstellung als Spitzenkandidat für das Ministerpräsidentenamt. Auch wenn sich Wulff bei der Landtagswahl 1994 nicht gegen Amtsinhaber Gerhard Schröder (SPD) durchsetzen kann, gelingt ihm doch der erstmalige Einzug in den Landtag als direkt gewählter Abgeordneter von Osnabrück-West und schließlich die Übernahme des CDU-Fraktionsvorsitzes in einer Kampfabstimmung gegen den bisherigen Fraktionschef Jürgen Gansäuer. Kurz darauf wird er auch zum CDU-Landesvorsitzenden von Niedersachsen gewählt. Innerparteilich auf einen Konsolidierungskurs setzend, kann der lagerübergreifend agierende Wulff steigende Mitgliederzahlen und bei den Kommunalwahlen 1996 deutliche Gewinne der CDU mit einem Vorsprung vor der SPD für sich verbuchen. Parteipolitisch äußert der lange Jahre als „junger Wilder" geltende Wulff gegen Ende der Ära Kohl immer wieder Kritik an der Debattenkultur in der Union und stellt offen dessen erneute Kanzlerkandidatur in Frage. Im Wettstreit um die niedersächsische Staatskanzlei unterliegt Wulff 1998 allerdings ein zweites Mal Gerhard Schröder, wird aber ungeachtet dieser Niederlage im CDU-Fraktionsvorsitz deutlich bestätigt. Erst im dritten Anlauf kann sich der vermeintliche „ewige Herausforderer" bei der Landtagswahl 2003 gegen Sigmar Gabriel durchsetzen und wechselt als Ministerpräsident an die Spitze einer schwarz-gelben Koalition. Wulff avanciert zu einem beliebten Landesvater mit hoher Glaubwürdigkeit. Er führt einen strengen Spar- und Konsolidierungskurs bei gleichzeitigem Bürokratieabbau, investiert aber auch in neue Polizei- und Lehrerstellen. Bildungspolitische Akzente werden von ihm durch die Schaffung eines Zentralabiturs nach 12 Jahren und die Einführung von Studiengebühren gesetzt. Nachdem sich die CDU bei den Wahlen 2008 als stärkste politische Kraft in Niedersachsen behaupten kann, setzt Wulff die Koalition mit der FDP fort. Zu den Erfolgen seiner zweiten Amtszeit gehört die Abwehr einer „feindlichen Übernahme" von Niedersachsens wichtigstem Arbeitgeber Volkswagen durch die Porsche AG. Bundesweite Signalkraft geht von einer Kabinettsumbildung 2010 aus, bei der von ihm mit Johanna Wanka die erste Ostdeutsche in eine westdeutsche Landesregierung und mit Aygül Özkan die erste Muslimin in ein Ministeramt berufen werden. Obwohl in erster Linie Landespolitiker, nimmt Wulff auch immer wieder zu bundespolitischen Themen Stellung. Im gesellschaftspolitischen Bereich steht er für eine Öffnung der CDU bei den Themen Alleinerziehende, Kinderbetreuung und Familienförderung. Sein Verhältnis zu Angela Merkel gilt anfänglich als sehr gut, allerdings verkompliziert es sich durch Wulffs offene Unterstützung von Edmund Stoiber bei der Kanzlerkandidatenfrage 2002. Zudem werden Wulff als erfolgreicher Ministerpräsident und Mitglied des informellen „Andenpakts", eines Netzwerks führender CDU-Politiker, immer wieder Ambitionen auf eine Kanzlerschaft unterstellt, auch wenn er für sich selbst einen solchen Ehrgeiz ausschliesst. Der plötzliche Rücktritt von Horst Köhler als Bundespräsident führt Wulff dann in das höchste deutsche Staatsamt. Als gemeinsamer Kandidat von Union und FDP setzt er sich am 30. Juni 2010 im dritten Wahlgang gegen Joachim Gauck durch. Seine Nachfolge als niedersächsischer Ministerpräsident tritt der bisherige CDU-Fraktionsvorsitzende David McAllister an, den Wulff konsequent zu seinem Nachfolger aufgebaut hat und an den er bereits 2008 den Landesparteivorsitz abgegeben hatte. Der 51-jährige Wulff, der als ausdauernd, kompromissfähig und Mann der Mitte gilt, verkörpert als jüngster Bundespräsident einen Generationswechsel im Schloss Bellevue. Nachdem die Staatsanwaltschaft Hannover "zureichende tatsächliche Anhaltspunkte" und "somit einen Anfangsverdacht wegen Vorteilsannahme bzw. Vorteilsgewährung" gegen ihn während seiner Zeit als Ministerpräsident feststellt und beim Präsidenten des Deutschen Bundestages die Aufhebung der Immunität des Bundespräsidenten beantragt, tritt Christian Wulff am 17. Februar 2012 von seinem Amt zurück.

Literaturhinweise

Neues Denken, neues Handeln für Niedersachsen (1997); Besser die Wahrheit. Ein Gespräch mit Hugo Müller-Vogg (2007). - Karl Hugo Pruys: Christian Wulff - Ich mach mein Ding (2002); Ders.: Christian Wulff - Deutschland kommt voran (2006); Armin Fuhrer: Christian Wulff - Der Marathonmann (2006).

Tim B. Peters