3. Oktober 1990: Die deutsche Einheit - Grundstein für eine konstruktive deutsch-sowjetische Partnerschaft

Interview mit Anatoli Karpichev, veröffentlicht in der russischen Zeitung „Prawda"

PRAWDA: Die staatliche Vereinigung Deutschlands ist geschehen, ist Tatsache geworden. Wie beurteilen Sie, Herr Bundeskanzler, dieses Ereignis für das deutsche Volk, für Europa und für die Welt?

KOHL: Für uns Deutsche verwirklicht sich ein Traum, wenn wir jetzt - am 3. Oktober 1990 - nach 45 Jahren der Trennung im Einvernehmen mit allen unseren Nachbarn - in West und Ost - unsere Einheit wiedergewinnen. Dies ist zugleich eine einmalige historische Chance, durch eine verantwortliche Politik dazu beizutragen, dauerhaften Frieden auf unserem Kontinent zu begründen, alte Wunden zu heilen und der nachwachsenden Generation die konkrete Perspektive zu bieten, dass sie ein Leben in Frieden und Freiheit und mit dem Recht auf persönliches Glück fuhren kann. [...]

PRAWDA: Welche Faktoren haben Ihrer Meinung nach den Erfolg des Vereinigungsprozesses vorausbestimmt? Welche Etappen halten Sie für die wichtigsten auf diesem Weg? Konnten Sie sich eine so schnelle deutsche Vereinigung im Einvernehmen mit allen ohne die Politik der Perestroika und Glasnost in der Sowjetunion vorstellen?

KOHL: Ohne die Reformpolitik von Präsident Gorbatschow und ohne das „neue Denken" in der sowjetischen Außenpolitik wäre die deutsche Einigung, so rasch und so harmonisch, wie sie verwirklicht wurde, kaum vorstellbar gewesen. [...]

Die wichtigsten Etappen auf unserem Wege zur Einheit waren - in Deutschland selbst - der Fall der Berliner Mauer am 9. November des letzten Jahres, die ersten freien Wahlen in der ehemaligen DDR am 18. März dieses Jahres, die Verträge über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und als Höhepunkt mein Treffen mit Präsident Gorbatschow im Juli dieses Jahres in Moskau und Archys, wo wir - wie Michail S. Gorbatschow selbst formulierte - harte Nüsse geknackt und den Weg in eine deutsch-sowjetische Zukunft der guten Nachbarschaft, der Partnerschaft und der engen Zusammenarbeit geöffnet haben.

PRAWDA: Was verlangte Ihre größte Aufmerksamkeit und Ihr größtes persönliches Engagement im genannten Prozess? Weiche Entscheidung war dabei für Sie psychologisch am schwierigsten?

KOHL: Meine größte Aufmerksamkeit, mein größtes Engagement richtete sich ohne Zweifel darauf, von allen Seiten alles zu tun, damit die friedliche Revolution der Menschen in Ost-Berlin, in Leipzig, in Dresden auch friedlich blieb - und den Menschen zugleich die berechtigte Hoffnung zu vermitteln, dass ihr Wunsch nach freier Selbstbestimmung und nach Einheit in naher Zukunft erfüllt werden würde. Wäre dies nicht gelungen, so wären die Menschen zu Hunderttausenden in die Bundesrepublik Deutschland übergesiedelt - und die Chancen, die ehemalige DDR politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich rasch auf die Beine zu bringen, wäre in ferne Zukunft gerückt. [...]

PRAWDA: Wie stellen Sie sich das vereinte Deutschland und seine Rolle im neuen Europa und in der internationalen Gemeinschaft vor? Worin sehen Sie seine wichtigste Verantwortung vor der Welt und Geschichte?

KOHL: Ich glaube, dass die Rolle, die unser Land und Volk in Europa und in der Welt zu spielen hat, sich aus unserer Geographie, aus unserer Geschichte und aus unserem Gewicht herleitet. Als Volk der Mitte Europas, als Land der traditionellen Verbindungswege zwischen Ost und West, zwischen Nord und Süd, sind wir in besonderem Maße einer Politik der Vermittlung, des Augenmaßes und der richtigen Proportion verpflichtet - das bedeutet immer auch: in unserer Politik die Wünsche, die Sorgen und Interessen unserer Nachbarn mit im Auge zu behalten. Wir sind zu einer Politik gehalten, die sich als Brückenbau versteht und vermittelt, die Menschen zusammenbringt, die dem Handel und Wandel die Tür öffnet und die den Austausch von Ideen, von Kultur und Wissenschaft fördert.

Aus unserer Geschichte haben wir gelernt, dass wir eine besondere Verantwortung für Frieden, Sicherheit und Stabilität im Herzen Europas tragen. Dieser Verantwortung werden wir am besten durch klare Verhältnisse gerecht: als zuverlässige Freunde, als treue Verbündete und als zu engster Zusammenarbeit bereite Partner. [...]

Schließlich sind wir uns voll und ganz bewusst, dass das wachsende Gewicht des vereinten Deutschlands für uns die Pflicht zu verstärkter Verantwortung innerhalb der Völkergemeinschaft bedeutet. Wir werden selbstverständlich weiterhin - und noch verstärkt -Solidarität üben gegenüber denjenigen Ländern, die unter Armut, Krankheit, Unterentwicklung, Überbevölkerung und Überschuldung leiden.

PRAWDA: Die deutsche Frage ist immer sensibel für unser Volk gewesen. Wie sehen Sie, Herr Bundeskanzler, die Zukunft der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und vereinigtem Deutschland, zwischen unseren Volkern? Welche Bedeutung messen Sie dabei dem neuen großen Vertrag zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland bei, unter dem eine der Unterschriften erwartungsgemäß die Ihre sein wird?

KOHL: Ich habe immer wieder betont - und wiederhole es auch an dieser Stelle -, dass ich gerade angesichts der leidvollen Geschichte der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts größtes Verständnis habe, wenn die Menschen in vielen Ländern, insbesondere Menschen der älteren Generation, die deutsche Einheit mit Skepsis sehen.

Um so größer ist unsere Aufgabe, gerade diese Menschen durch Wort und Tat zu überzeugen, dass die deutsche Einheit auch zu ihrem Vorteil ist. Genau dies ist meine Politik auch im Verhältnis zu den Völkern der Sowjetunion. Nachdem Ihr Land einen so bedeutenden Beitrag zur Überwindung der deutschen Teilung geleistet hat, ist jetzt der geschichtliche Augenblick gekommen, den deutsch-sowjetischen Beziehungen - in voller Verantwortung vor der Geschichte - eine neue, zukunftsgewandte Qualität zu verleihen.

Dabei hat der von Ihnen erwähnte „große Vertrag", den wir mit Ihrem Land bereits ausgehandelt haben, eine Schlüsselbedeutung: als Beginn einer vertrauensvollen Partnerschaft in allen Bereichen und -für die Menschen in beiden Ländern vielleicht noch wichtiger - als Schlussstrich unter die unglücklichen Kapitel der Geschichte und als Appell zur Versöhnung. [. ..]

PRAWDA: Das „Zwei-plus-Vier"-Verfahren war nicht einfach, aber erfolgreich. Was könnte man aus dieser Erfahrung für die Abrüstung, für das „europäische Haus", den Ausbau der Sicherheitsstrukturen und die Zusammenarbeit in Europa gebrauchen?

KOHL: Die „Zwei-plus-Vier"-Gespräche haben gezeigt, dass heute - wenn alle Partner mit dem Willen zur Einigung zusammenkommen und ihrer historischen Verantwortung gemäß handeln - auch sehr schwierige Fragen [...] glücklich und einvernehmlich gelöst werden können. [...]

Geben Sie uns die Chance, gemeinsam mit Ihnen wieder an die guten Traditionen unserer langen Geschichte anzuknüpfen, an die Jahrhunderte der freundschaftlichen Verbundenheit, der engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und des befruchtenden Austauschs in Kultur und Wissenschaft. Sie eröffnen damit den deutsch-sowjetischen Beziehungen die bedeutenden Zukunftsperspektiven, die wir alle wünschen.

Wir Deutsche wissen, dass unser Weg zur Einheit mit einer besonders schwierigen Etappe der Reformen in Ihrem Lande zusammenfällt: Ich versichere, dass wir Ihnen gerade jetzt helfen möchten. Die Chancen des vereinten Deutschlands sind dafür ungleich größer. Unsere Völker können jetzt in Gemeinschaft mit allen anderen Völkern Europas einen langen Weg des Friedens, der Zusammenarbeit und der guten Nachbarschaft gehen.

Quelle: Pressemitteilung Nr. 394/90 des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung (3. Oktober 1990).