28. August 1991
Erklärung bei der Unterzeichnung der Urkunden über die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen


Wir erleben in diesen Tagen historische Veränderungen. Estland, Lettland und Litauen gehen gemäß dem erklärten Willen ihrer Völker nunmehr wieder den Weg in die volle Unabhängigkeit. Die nach dem Hitler-Stalin-Pakt zwangsannektierten baltischen Republiken gewinnen ihre Freiheit und Selbständigkeit zurück.

Das geschieht in einem Augenblick, in dem nach dem misslungenen Putsch in der Sowjetunion die Relikte des alten Systems überwunden und die Weichen in Richtung auf eine umfassende demokratische Erneuerung gestellt werden. Dies belegen auch die Erlasse des russischen Präsidenten Jelzin, mit denen die RSFSR die Unabhängigkeit der Baltenrepubliken anerkennt und andere Staaten auffordert, diesem Beispiel zu folgen.

Es wird nunmehr darauf ankommen, in Verhandlungen die noch offenen Fragen der Ausgliederung zukunftsgewandt zu lösen, insbesondere die künftige wirtschaftliche Zusammenarbeit und die Achtung der Menschen- und Minderheitenrechte.

Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Partner in der Europäischen Gemeinschaft wollen mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen an eine Zeit des friedlichen Miteinander anknüpfen.

Wir Deutsche können auf eine seit den Zeiten der Hanse gewachsene Tradition des friedlichen Handels und Wandels im Ostseeraum zurückblicken. Um so mehr freuen wir uns auf eine neue Chance fruchtbarer Zusammenarbeit auf der Grundlage der „Charta von Paris" für ein vereintes Europa.

Die Bundesrepublik Deutschland und ihre Partner in der Europäischen Gemeinschaft sollten mit den baltischen Staaten, wenn diese das wünschen, Verhandlungen über Assoziierungsverträge aufnehmen.

Wir sollten damit den unvermeidlichen Anpassungsprozeß an marktwirtschaftliche Verhältnisse nach besten Kräften erleichtern. [...] Den drei baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen gelten auf ihrem sicher nicht einfachen Weg unsere besten Wünsche und unsere Solidarität.

Den Menschen in Estland, in Lettland und in Litauen gelten in dieser Stunde unsere besonders herzlichen Grüße. Es ist für sie ein großer Augenblick der Geschichte, den sie in diesen Tagen erleben. Es wird ein nicht einfacher Weg sein. Dies wissen wir auch aus den deutschen Erfahrungen nach der Wiedervereinigung. Aber ich bin voller Zuversicht und überzeugt, dass Sie die Chance wahrnehmen werden. [...]

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 90 (30. August 1991).