10. Oktober 1991
Rede anlässlich der Einweihung des Axel-Springer-Verlagshauses in Berlin


I.

Anlass unserer heutigen Zusammenkunft ist nicht allein der 25. Jahrestag der Einweihung dieses Hauses, denn 25 Jahre sind keine allzu große Zeitspanne; wir sind auch deshalb hier versammelt, weil vor einem Vierteljahrhundert ein mutiger Mann für seine Vision ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt hat - dafür, dass die Deutschen sich niemals mit der Teilung ihres Vaterlandes abfinden würden.

Heute ist diese Vision Wirklichkeit. Gut 23 Jahre nach der Einweihung dieses Hauses, am 9.November 1989, haben die Menschen in der ehemaligen DDR mit ihrer friedlichen Revolution Mauer und Stacheldraht überwunden. Menschen in aller Welt haben sich mit uns gefreut über diesen Sieg der Freiheit und durch Zeitungen und elektronische Medien dann auch Anteil genommen an den Feiern der Berliner bei der Öffnung des Brandenburger Tores.

Freiheit und Selbstbestimmung waren der Schlüssel zur Wiedererlangung der Einheit unseres Vaterlands vor gut einem Jahr. Wir alle sind Zeugen einer Zeitenwende, die das Antlitz unseres Kontinents im Zeichen der Menschenrechte grundlegend verändert. Die späten achtziger und die frühen neunziger Jahre dieses Jahrhunderts werden in die Geschichtsbücher eingehen als jene Zeit, in der Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit über eine menschenfeindliche Ideologie und die auf sie gestützte Diktatur siegten.

Der Eiserne Vorhang existiert nicht mehr, Deutschland und Berlin liegen nicht mehr am Rande des freien Westens, sondern im Herzen eines in Freiheit zusammenwachsenden Europa. Das Verlagshaus Axel Springer hat jetzt, nach dem Fall der Mauer, den Standort, der ihm von Anfang an zugedacht war: mitten in der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland.

II.

Seit seiner Einweihung stellt dieses Haus in der Kochstraße mehr dar als das Verwaltungszentrum eines großen Verlags. Es ist Ausdruck der patriotischen Grundüberzeugung, die Axel Springer so formulierte: „Es lohnt sich nicht, auf dieser Welt hohe Häuser zu bauen, wenn man nicht eine Idee hat, die größer ist als wir es selbst sind: Freiheit für alle Deutschen in einem Vaterland mit der rechtmäßigen Hauptstadt Berlin inmitten eines friedlichen Europa." [...] Axel Springer ist für sein leidenschaftliches Engagement von vielen kritisiert, von nicht wenigen geschmäht worden. Um seine Gegner von einst ist es still geworden. Er hat recht behalten - und mit ihm alle, die das Ziel der Einheit unseres Vaterlands in Freiheit niemals aus den Augen verloren haben.

So ist das Verlagshaus, das Mauer und Stacheldraht eindrucksvoll überragte, zu einem Symbol der Standfestigkeit geworden. Und so wurde es auch bei zahlreichen Staatsbesuchen im damals noch geteilten Berlin gewürdigt. Berlin ist in der Nachkriegszeit Brennpunkt deutscher Teilung gewesen. Zugleich verkörperte es für alle Welt sichtbar die Mahnung, die Teilung Deutschlands und Europas zu überwinden.

Wenn ich heute den Jubiläumstag des Verlagshauses zum Anlass genommen habe, Berlin zu besuchen, so drückt sich darin auch meine Anerkennung für die Lebensleistung Axel Springers aus. Er war nicht nur ein herausragender Verleger und erfolgreicher Unternehmer, er war ein überzeugter deutscher Patriot und Demokrat.

Mit großer Leidenschaft hat sich Axel Springer für die Aussöhnung zwischen Christen und Juden, für die Verständigung zwischen Deutschland und den Juden in aller Welt eingesetzt. Nach dem Völkermord unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft war für ihn oberstes Gebot, jeder Verharmlosung der in deutschem Namen und von deutscher Hand begangenen Verbrechen entgegenzutreten.

Zu allen Zeiten trat er unbeirrt für das Existenzrecht des Staates Israel ein. Darin hat ihn zeit seines Lebens der Ratschlag Konrad Adenauers bestärkt: „Bleiben Sie ein getreuer Freund der Juden und des Staates Israel." Dieses Vermächtnis Konrad Adenauers ist auch für das vereinte Deutschland verpflichtend.

III.

Offenheit, Toleranz, Sachlichkeit und Fairness - dies müssen Markenzeichen der Berichterstattung bei uns in Deutschland sein. Ich weiß, wir leben in einer Zeit, in der manche sich wie die Goldgräber fühlen - in der einige glauben, man könne mit billigen, vordergründigen und populistischen Thesen an das Geld der Menschen kommen, die noch wenig Erfahrung im Umgang mit der Freiheit haben. Es gibt hierfür manch schändliches Beispiel, auch und nicht zuletzt bis in den Bereich der Medien hinein.

Aus aktuellem Anlass auch diese Bemerkung: Wenn wir über die Vollendung der inneren Einheit Deutschlands sprechen, scheint es mir in diesen Tagen wichtig, auch daran zu erinnern, dass Fremdenfeindlichkeit das letzte ist, was sich Deutschland erlauben kann und erlauben sollte. Ich will auch hier unterstreichen: Deutschland ist ein weltoffenes und ausländerfreundliches Land und muss es bleiben. Wir brauchen unsere ausländischen Mitbürger. Denn wie wollen wir eigentlich das Bruttosozialprodukt dieses Landes erwirtschaften und angesichts der demographischen Entwicklung unsere sozialen Sicherungssysteme leistungsfähig erhalten ohne die Hilfe unserer ausländischen Mitbürger?

In diesem Zusammenhang ist auch die andere Frage anzusprechen, in der ich immer noch auf einen Pakt der Vernunft unter allen demokratischen Parteien hoffe, nämlich die Frage des Umgangs mit dem Grundrecht auf Asyl. Was immer dazu zu sagen und zu entscheiden ist - eines muss außerhalb jeder Diskussion stehen: Das, was die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat - Carlo Schmid genauso wie Theodor Heuss oder Konrad Adenauer - aus ihrer in der Zeit der Nazi-Barbarei gemachten Erfahrung heraus gedacht und formuliert haben, nämlich das Recht auf Asyl für politisch, rassisch, religiös Verfolgte, ist ein heiliges Recht. Es darf nicht angetastet werden.

Wer in seiner Heimat aus den genannten Gründen verfolgt wird, muss auch künftig Zuflucht bei uns finden. Was wir jetzt erreichen müssen, ist eine vernünftige Lösung für Menschen aus jenen Teilen der Erde, in denen die wirtschaftliche Lage als unerträglich empfunden wird, in denen die Menschen aufbrechen, um anderswo eine neue Heimstatt zu finden. Wir können die Probleme dieser Erde eben nicht bei uns zu Hause lösen. Das heißt aber auch: Wir müssen bereit bleiben, diesen Ländern Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Wer eine neue Volkerwanderung vermeiden will, der muss den Menschen eine Perspektive in ihrer Heimat geben.

Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat sind allen Deutschen anvertraut. Wir alle wissen, dass politische Extremisten, dass die Feinde der Freiheit unserem Volk in der Vergangenheit immer nur Unglück gebracht haben. Deshalb dürfen Staat und Gesellschaft nicht vor der Gewalt weichen - gegen wen auch immer sie sich richtet. Es darf keine Toleranz gegenüber der Intoleranz geben.

Wer Hass gegen Ausländer schürt, kann für sich niemals in Anspruch nehmen, ein guter Patriot zu sein. Axel Springer hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der „Respekt vor den Völkern dieser Erde... die Frucht des richtig verstandenen Selbstrespekts" ist. Und er fugte hinzu: „In diesem Sinne bin ich ein leidenschaftlicher Patriot." In der Tat: Patriotismus bedeutet immer auch Achtung vor der Vaterlandsliebe des Nachbarn und damit die Ablehnung jeder Form nationaler Überheblichkeit.

IV.

Wir haben die Wiedervereinigung unter dem gemeinsamen europäischen Dach verwirklicht. Aber wir würden vor der Geschichte und ihren Herausforderungen versagen, wenn wir uns mit der deutschen Einheit begnügen würden. Das Zeitalter des Nationalstaats in Europa ist vorbei, auch wenn dies in vielen Amtsstuben, auch in Westeuropa, immer noch nicht begriffen wird. Gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern wollen wir unseren Beitrag zum Bau der Vereinigten Staaten von Europa leisten. Auf dem Weg dorthin werden wir bereits zum Ende des nächsten Jahres den großen europäischen Binnenmarkt mit 340 Millionen Menschen vollenden - einen Raum ohne Grenzen für Menschen, Dienstleistungen und Waren.

Wir werden noch in diesem Jahrzehnt erleben, dass diese Europäische Gemeinschaft sich öffnet, dass Österreich und Schweden vielleicht 1995 hinzutreten, dass dann mit einer großen Wahrscheinlichkeit Norwegen und Finnland in diesem Jahrzehnt sich in Bewegung setzen. Und es muss dann unser Interesse sein, nicht zuletzt das Interesse der Deutschen, dass unsere Nachbarn im Osten, die CSFR, Polen und Ungarn, in einer überschaubaren Zeit - die nicht die gleiche sein wird wie bei den eben genannten EFTA-Ländern - die Möglichkeit zum Beitritt finden.

Es ist vor allem wichtig für die Deutschen, dass die Grenze zu Polen keine dauerhafte Wohlstandsgrenze wird - das wäre eine schlimme Sache. Auch darf sie nicht die Abgrenzung zwischen dem künftigen vereinten Europa und Polen werden. Warschau, aber auch Prag und Budapest gehören genauso zu Europa wie Paris, London und Rom, aber auch Wien, Stockholm, Oslo und Helsinki.

V.

Wir leben in einer Zeit, in der wir von Ereignissen geradezu überschwemmt werden, von denen jedes einzelne überragende historische Bedeutung hat. Das sollten wir uns immer wieder bewusst machen. Wir dürfen die Fähigkeit zum Staunen und zur Dankbarkeit nicht verlieren. Sonst laufen wir Gefahr, den Sieg der Freiheit schließlich als etwas Selbstverständliches hinzunehmen.

Es ist wahr, wir haben Probleme. Wenn wir die deutsche Einheit nicht erreicht hätten, könnte ich heute einen komfortablen Haushaltsbericht für die Bundesrepublik Deutschland vorlegen. Unsere Probleme sind die unausweichliche Folge einer Entwicklung, die wir über Jahrzehnte herbeigesehnt haben. Ich bin froh, dass wir jetzt gemeinsam die uns aus dieser Entwicklung zugewachsenen Aufgaben anpacken und lösen können und dass wir jetzt die innere Einheit Deutschlands vollenden und die europäische Einheit bauen. [...] In 40 Jahren Bundesrepublik war doch vieles sehr festgefahren. Wenn wir jetzt auf Grund der historischen Veränderungen die Chance haben, uns einmal neu zu besinnen, dann ist das, wie ich denke, ein zusätzliches Geschenk der Geschichte an uns.

Wenn wir die Chancen, die sich uns allen heute bieten, beherzt nutzen, dann können wir unseren Kindern und Enkeln ein Europa dauerhaften Friedens und gesicherter Freiheit hinterlassen. Winston Churchill hat 1946 in seiner berühmten Züricher Rede darauf hingewiesen, dass dabei etwas sehr Einfaches von uns verlangt wird. Alles Große ist letztlich einfach. Er sagte damals im Blick auf seine Vision eines in Freiheit vereinten Europa: „Es ist nichts weiter dazu nötig, als dass Hunderte von Millionen Männern und Frauen Recht statt Unrecht tun und Segen statt Fluch ernten."

Das ist nicht nur die Botschaft Winston Churchills aus dem Jahre 1946, das ist ein Signal auch für die neunziger Jahre. Ich möchte uns herzlich einladen, es aufzunehmen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 116 (18. Oktober 1991).