10. September 1992
Rede zur Eröffnung der 2. Internationalen Aids-Ethik-Konferenz auf dem Petersburg in Königswinter


Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Ich darf Sie alle sehr herzlich zu diesem sehr wichtigen internationalen Kongress bei uns in der Bundesrepublik Deutschland hier auf dem Petersberg begrüßen.

Es ist eine bedeutsame Angelegenheit, eine wichtige Sache, der Sie gemeinsam dienen, und ich will vorweg mein herzliches Dankeschön dafür sagen, dass Sie hierhergekommen sind - vor allem aber auch für die Arbeit, die Sie leisten und deren Bedeutung man gar nicht hoch genug einschätzen kann.

Auf dem Weltwirtschaftsgipfel 1987 in Venedig haben sich die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrieländer mit dem Thema Aids befasst. 1989 hat dann der französische Staatspräsident, François Mitterrand, zu der 1. Aids-Ethik-Konferenz nach Paris eingeladen. Damals wurden vor allem ethische Fragestellungen der Forschung, der Sozial- und Wirtschaftspolitik und des Umgangs mit Informationen behandelt. Bei dieser zweiten Konferenz stehen ethische Aspekte der Aids-Bekämpfung in den Entwicklungsländern im Mittelpunkt.

Innerhalb des letzten Jahrzehnts hat sich diese Krankheit in dramatischer Weise auf allen Kontinenten weiter verbreitet. Heute sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über 10 Millionen Menschen weltweit infiziert, allein in Afrika sind es etwa 7 Millionen Menschen. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation könnte es bis zum Jahr 2000 weltweit mindestens 40 Millionen infizierte und 18 Millionen Erkrankte geben, die zu über 90 Prozent in der Dritten Welt leben. Wir dürfen auch nicht das Schicksal jener Waisen vergessen, deren Eltern an Aids gestorben sind.

Nach wie vor verfügt die Medizin trotz intensiver Bemühungen über keinen Impfstoff, immer noch steht keine wirklich erfolgreiche Therapie zur Verfügung. Überall auf der Weit hat diese Krankheit schrecklichste Folgen für den einzelnen, für seine Familie und seine Umgebung. In allen Ländern der Erde stellt sie Gesellschaft und Staat vor große ethische und soziale Aufgaben und Probleme.

Und dennoch wirkt sich diese Krankheit in den Industrie- und den Entwicklungsländern unterschiedlich aus. Die Industrieländer verfügen über eine ausgebaute Infrastruktur im Gesundheits- und Beratungswesen, über differenzierte Erhebungsverfahren und mit Hilfe der Medien über ganz andere Möglichkeiten der Informationen und Aufklärung. In Deutschland hat auch dies dazu beigetragen, dass die ursprünglich vorhergesagte Zahl von Aids-Infizierten und Aids-Erkrankten nicht erreicht wurde.

Anders sieht es in den Entwicklungsländern aus. Dort ist vielerorts das Gesundheitssystem bereits mit der Bekämpfung von Krankheiten der Armut überfordert. Es fehlt an medizinischer Versorgung, aber auch und vor allem an Möglichkeiten der intensiven Aufklärung und der Prävention. Die Folgen sind schon heute alarmierend. In einigen Regionen Afrikas ist wegen der vielen Aids-Kranken und Aids-Toten die wirtschaftliche - und hier vorrangig die landwirtschaftliche - Produktion zurückgegangen. Das Problem der Armut wird dort durch Aids weiter verschärft.

Unser Augenmerk muss sich in diesen Ländern - neben der intensiven Unterstützung für die medizinische Versorgung - besonders auf die Prävention richten. Dies setzt auch viel Einfühlungsvermögen voraus. Aufklärung und Prävention müssen auf den jeweiligen sozialen und kulturellen Hintergrund Rücksicht nehmen, damit sie auch wirklich von den Menschen angenommen werden.

Von der UN-Konferenz „Umwelt und Entwicklung" im Juni dieses Jahres in Rio ist eine Botschaft ausgegangen: die Botschaft der Solidarität, der Gleichberechtigung und Partnerschaft aller Völker und der gemeinsamen Verantwortung für die eine Welt. Wir, die reichen Industrieländer der nördlichen Hemisphäre, sind zur Solidarität mit den Menschen in den Entwicklungsländern verpflichtet. Diese muss über direkte Hilfeleistung hinausgehen. Ich denke hier insbesondere an die GATT-Verhandlungen: Die Entwicklungsländer müssen in die Lage versetzt werden, an der arbeitsteiligen Weltwirtschaft und damit an der Wohlstandsmehrung aus eigener Kraft teilzunehmen. Dazu gehört dann auch der Aufbau eines leistungsfähigen Gesundheits- und Sozialsystems. Die Bundesregierung wird alles in ihren Kräften Stehende tun, um dieser Verantwortung gegenüber den Menschen in den Ländern der Dritten Welt gerecht zu werden.

Von dieser Konferenz auf dem Petersberg muss ein Signal der Solidarität und Hilfe für die Aids-Erkrankten in aller Welt, namentlich in den Staaten Afrikas und Asiens, ausgehen.

In diesem Sinne wünsche ich der Konferenz erfolgreiche Beratungen.

Quelle: Bulletin des- Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 96 (15. September 1992).