22. Mai 1995: Vortrag vor der Erasmus-Universität Rotterdam während des offiziellen Besuchs des Bundeskanzlers im Königreich der Niederlande


Herr Ministerpräsident,
Herr Bürgermeister,
Herr Universitätspräsident,
Magnifizenz,
meine Damen und Herren Professoren,
Exzellenzen und vor allem:
liebe Studentinnen und Studenten,

[...] Ich habe mich auf meinen Besuch in diesem stolzen Land gefreut, das vor 400 Jahren in einem langen Freiheitskampf zur Nation geworden ist. Der Name Rotterdam steht für Weltoffenheit. Mit ihm verbindet sich der Gedanke an freien internationalen Handel. Der hiesige Hafen ist auch für Deutschland ein Tor zur Welt. Wer könnte hier aber nicht auch an Hugo Grotius denken, der in dieser Stadt einmal Ratspensionär gewesen ist? Erasmus, der Namensgeber Ihrer Universität, wurde zum Inbegriff für Kampf gegen Intoleranz, Krieg und Gewalt, für Anerkennung der freien Selbstbestimmung des Menschen. Die Niederlande haben Erasmus ganz Europa geschenkt. Er war in vielen Ländern zu Hause. Sein bahnbrechendes Gedankenwerk prägte das gemeinsame geistige Erbe Europas mit. Wir begreifen dieses Erbe heute als Fundament für die politische Einigung unseres Kontinents.

Das Jahr 1995 ist für uns alle in besonderem Maße ein Jahr des Gedenkens und der Besinnung. Wie sehr die Erinnerung an die Zeit vor 50 Jahren uns heute noch zu Herzen geht, ist uns gerade in den vergangenen Wochen wieder besonders stark bewusst geworden. Ich bin mit Bewegung und Dankbarkeit zu Ihnen gekommen. Ihre Stadt Rotterdam wurde im Mai 1940, also vor fast genau 55 Jahren, das Opfer barbarischer Zerstörung durch deutsche Bombenflugzeuge.

Ich komme soeben vom „Stad Zonder Hart"-Denkmal. Dort habe ich die Opfer des deutschen Luftangriffs geehrt. Unschuldige Männer, Frauen und Kinder kamen ums Leben. Das Herz der Stadt wurde vernichtet. Dieser Angriff war verbrecherisch, die Besetzung der Niederlande war es, der gesamte von Hitler entfesselte Krieg war es.

Ich möchte an dieser Stelle einen Brief sprechen lassen, der mich vor wenigen Tagen erreichte. Er stammt von einem deutschen Geschwisterpaar, das 1940 als Kinder in Rotterdam lebte. An diesem furchtbaren Tag verlor es seinen Vater. Die Geschwister schrieben mir: „Der Angriff auf die Niederlande und die Zerstörung der Stadt sind uns bis heute sehr nahe geblieben. Der Angriff war ein trauriges Ereignis, das Menschenleben und eine friedliche Welt zerstört hat. Wir sind in Rotterdam geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Wegen der politischen Entwicklung hat unser Vater uns von der deutschen Schule auf eine niederländische Schule gehen lassen. Uns ist immer noch das Bild vor Augen, wie wir nach tagelangem, ergebnislosen Suchen in der brennenden Stadt uns am Friedhof einreihten, um Gewissheit über das Schicksal unseres Vaters zu bekommen und unserer Mutter zu überbringen."

Der Brief endet so: „Herr Bundeskanzler, bitte finden Sie in Ihrer Ansprache ein Wort, dass es auch Deutsche gab, die Scham empfanden und sich solidarisch fühlten mit den Menschen in der zerstörten Stadt und einem besetzten Land."

Ich verstehe nicht nur diese Bitte, sondern es ist auch meine Bitte. Ich verstehe sehr gut, dass die Erinnerung an die Zeit vor 50 Jahren, an die deutsche Besetzung Ihres Lands, schmerzlich ist. Ich denke besonders an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger in den Niederlanden. Noch heute wird das Tagebuch von Anne Frank von Millionen Menschen in aller Welt mit Erschütterung gelesen - auch bei uns in Deutschland.

Wir wollen dieses Leiden und Sterben, den Schmerz und die Tränen nicht vergessen. Das schulden wir den Opfern. Nur so kann die Erfahrung der damals allgegenwärtigen Unmenschlichkeit einen Sinn ergeben und uns Mahnung sein. Die Erinnerung an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft muss weitergegeben werden, um uns gegen die Wiederholung des Bösen stark zu machen.

Was geschehen ist, kann niemals ungeschehen gemacht werden. Aber an die nachwachsenden Generationen - also an Sie, liebe Studentinnen und Studenten, und an Ihre Kinder - können und müssen wir die alles entscheidende Lehre aus der Barbarei des Jahrhunderts weitergeben: Friede beginnt mit der Achtung der unbedingten und absoluten Würde des einzelnen Menschen. Dies sage ich mit Nachdruck in der Stadt des Erasmus, dem geistigen Vater des Humanismus.

Wir dürfen jedoch nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben - sonst hätte die Vergangenheit ja letztlich gesiegt! Es gibt ja nicht nur die Versuchung, Gewesenes zu verdrängen. Genauso schlimm ist es, vor dem Leid der Zeitgenossen die Augen zu verschließen.

Mit Recht hat Ihr Ministerpräsident gesagt: Zurückblicken ist kein isolierter Wert, darf auch keine ausschließlich nationale Angelegenheit sein. Unsere Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden überall in Europa haben sich noch nicht erfüllt. Im ehemaligen Jugoslawien und auch im Kaukasus herrscht blutiger Krieg.

Vor bald fünf Jahren haben wir die Charta von Paris vereinbart. Es bedrück! mich, dass wir Europäer nicht in der Lage sind, ihre Prinzipien überall auf unserem Kontinent durchzusetzen. Nach wie vor gibt es Völker- und Religionshass, nach wie vor gibt es Verfolgung ethnischer und religiöser Minderheiten. Wir dürfen uns damit nicht abfinden, und wir dürfen auf keinen Fall in unseren Anstrengungen nachlassen, Frieden und Freiheit - und beides gehört unlösbar zusammen - überall in Europa zu erreichen.

In Westeuropa leben wir seit 50 Jahren in Frieden. Für mein Land ist dies die längste Friedensperiode seiner jüngeren Geschichte. Der Wunsch Konrad Adenauers, Frieden und Freundschaft mit allen unseren Nachbarn zu erreichen, ging in Erfüllung. Die Visionäre von einst haben sich als die großen Realisten unserer Zeit erwiesen!

Die Gedenkfeiern in diesem Monat Mai machen deutlich, dass die allermeisten Menschen die notwendigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen bereit sind. In diesem Bewusstsein richten wir unser Denken und Tun auf die Zukunft eines geeinten und friedlichen Europas. Dennoch können wir nie genug dafür tun, uns gegen Rückfälle in die Vergangenheit zu wappnen. Die Gespenster von Chauvinismus und Fundamentalismus sind eben nicht nur auf dem Balkan oder auf der anderen Seite des Mittelmeers zu Hause. Um den Frieden zu erhalten, müssen wir den Weg zu einem geeinten Europa unumkehrbar machen. Wir brauchen Europa als wetterfestes Haus mit einem stabilen Dach, in dem alle europäischen Völker je nach ihren Bedürfnissen ihre Wohnung finden, und mit einem dauerhaften Wohnrecht für unsere amerikanischen und kanadischen Freunde.

Deswegen wollen wir die politische Einigung Europas, und deswegen kann eine Art gehobene Freihandelszone, wie sie wohl manchem für Europa vorschwebt, nicht unser Ziel sein. Zwar heißt es immer wieder, dass die Einigung Europas nicht vorankomme, ja, dass die Menschen skeptisch und müde seien. Dabei wird jedoch verkannt, welch gewaltige Wegstrecke wir seit jenen Tagen vor 50 Jahren zurückgelegt haben! Wir sollten uns auf unserem Weg nicht von Kleinmut und Bedenken lähmen lassen.

Ich glaube an Europa. Die Nationen haben darin ihren festen Platz. Keine soll und wird ihre Tradition und Eigenart, ihre Identität aufgeben. Dies gut auch für uns Deutsche, so wie Thomas Mann es schon 1930 formuliert hat: „Wir wollen deutsche Europäer und europäische Deutsche sein." Und das. was ich hier sage, gilt selbstverständlich auch für die Niederlande, eine der bedeutenden Nationen Europas, das Modell eines bürgerlichen und liberalen Rechtsstaats.

Ihr Land besitzt eine großartige Tradition. Als ein Hafen der Freiheit sind sie in der Geschichte oft von denen angesehen worden, die Zuflucht vor Tyrannei und Unterdrückung suchten. Wer sich zu emigrieren gezwungen sieht, so stellte Joseph Roth einmal fest, sträubt sich fürs erste, einen großen Sprung zu machen. Er reist lieber in ein Nachbarland als in einen anderen Kontinent. Deshalb - und auch wegen der Sprachverwandtschaft - waren es gerade die Niederlande, die deutschen Emigranten über den ersten Trennungsschmerz hinweggeholfen haben. Etwa 18 000 deutsche Emigranten sind diesen Weg gegangen und haben die Niederlande zu ihrer Exilstätte gemacht. Als es nach dem Krieg darum ging, die Trümmer beiseite zu räumen und unseren Kontinent zu einen, fanden sich in den Niederlanden schon frühzeitig bedeutende Wegbereiter.

Für mein Land wurde der erste große Kongress der Europäischen Bewegung in Den Haag 1948 ein wichtiges Datum auf dem Weg zu seinem heutigen Platz in der europäischen Völkerfamilie: Damals konnten bereits Gäste aus Deutsehland teilnehmen. Ich nenne besonders Konrad Adenauer und Walter Hallstein.

Winston Churchill hieß sie als Vorsitzender mit dem Begrüßungswunsch willkommen, „den alten guten Ruf des deutschen Volkes wiederherzustellen". Dass sie damals eingeladen wurden - nur drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs -, war keineswegs selbstverständlich. Für Konrad Adenauer war es damals der erste Schritt auf die Bühne der europäischen Politik. Auch die Zukunft unseres Kontinents wird im allgemeinen Sprachgebrauch mit dem Namen einer holländischen Stadt verbunden - mit Maastricht.

Im kommenden Jahr wird auf der Regierungskonferenz der Europäischen Union darüber zu befinden sein, wie es in und mit Europa weitergeht. Und im deutschen Sprachgebrauch hat sich in der Diskussion eingebürgert, dass wir sagen: Es geht um Maastricht II. Historische Chancen pflegen oft - wenn überhaupt - erst nach langer Zeit wiederzukehren. Alle müssen wissen, was auf dem Spiel steht. Wir haben die Wahl, Europa jetzt zu einigen oder abzuwarten. Ich glaube nicht, dass die Chance zur europäischen Einigung in absehbarer Zeit wiederkommt, wenn wir sie jetzt verspielen. Es ist eine geschichtliche Stunde - wir müssen jetzt handeln!

Wir müssen uns bewusst werden, dass wir heute - fünf Jahre vor der Jahrtausendwende - vor Herausforderungen und Gestaltungsaufgaben stehen, die das künftige Gesicht Europas entscheidend prägen werden. Ich nenne deshalb als besonders wichtige Themen für die kommenden Jahre:

  • die Vollendung der Wirtschafts- und Währungsunion gemäß den Vorgaben des Maastrichter Vertrages
  • die künftige Finanz-, Agrar- und Strukturpolitik der Europäischen Union
  • die weitere Heranführung der mittel- und osteuropäischen Reformländer an die Europäische Union.

Wir wollen enge partnerschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarregionen im Osten und im Süden aufbauen. Von deren wirtschaftlicher und politischer Stabilität hängt auch unsere Zukunft ab.

Wir wollen ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem weiter ausgestalten, indem wir eine Erweiterung der NATO nach Osten vorbereiten und zugleich eine besondere Partnerschaft mit Russland und der Ukraine erarbeiten.

Nicht zuletzt wollen wir das transatlantische Verhältnis, das heißt vor allem die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada, langfristig absichern und vertiefen.

Der Erfolg dieser Konferenz hängt mit davon ab, dass wir uns stets vergegenwärtigen und darüber verständigen, was die gemeinsame europäische Erinnerung ausmacht. Im Vertrag von Maastricht ist vom „europäischen Bewusstsein" die Rede, von der „Identität" Europas und der Europäischen Union. Bei der großen Europa-Debatte, die gegenwärtig stattfindet, geht es letztlich um diese zentralen Begriffe. Je mehr geistige Offenheit diese Debatte prägt, desto reicher wird deren Ertrag sein.

Europäische Einigung sollte im übrigen auch bedeuten, dass wir im Bildungsbereich an die Tradition des Erasmus anknüpfen. Zu seiner Zeit war es noch fast selbstverständlich, das eigene Studium an mehreren europäischen Hochschulen zu absolvieren! Wir müssen nur wieder die Verhältnisse wiederherstellen, wie wir sie in Europa 1910 hatten. 1910 war alles das, was wir jetzt mühsam zu erreichen versuchen, etwa im Kontakt zwischen Universitäten und bei der Anerkennung der gegenseitigen Diplome, ganz selbstverständlich.

Ich bin sehr froh, dass es in unseren beiden Ländern bei der Gestaltung des europäischen Einigungsprozesses ein besonders großes Maß an Übereinstimmung gibt. Unsere Länder haben viele gemeinsame Probleme. Wir haben in manchem auch eine gemeinsame Mentalität. Wir können viele Probleme nur noch gemeinsam lösen; Migrations- und Umweltfragen, Bekämpfung der Kriminalität, soziale Probleme.

Ich weiß, es gibt in den Niederlanden noch manche Zurückhaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, und ich verstehe die Gründe sehr wohl. Umgekehrt gibt es ja auch in Deutschland Unkenntnis über die Niederlande. Es gibt aber doch auch viele gutnachbarliche und freundschaftliche Beziehungen. Darüber sollten wir mehr miteinander sprechen. Vor allem sollten wir offen aufeinander zugehen.

Gute Beispiele haben ihre Wirkung: Auf der Frankfurter Buchmesse vor zwei Jahren waren die Niederlande und Flandern das Schwerpunktthema. Ich habe diese Ausstellung besucht und weiß, welche Wirkungen sie auf deutsche Leser hatte. Diese Buchmesse hat den deutschen Lesern die zeitgenössische niederländische Literatur in eindrucksvoller Weise nahegebracht. Das Thema wurde zu einem überzeugenden Erfolg!

In Münster ist vor wenigen Tagen ein „Haus der Niederlande" eröffnet worden. Dort wird in Zukunft das deutsche Zentrum für Niederlande-Studien seine Heimat haben. Es handelt sich um das Gebäude, das 1648 die niederländische Delegation beim Westfälischen Friedensschluss beherbergte. Ende August wird, ebenfalls in Münster ein deutsch-niederländisches Korps in Dienst gestellt. Auch auf diese Weise werden die gutnachbarlichen und vertrauensvollen Beziehungen vertieft. Zugleich wird das Nordatlantische Bündnis gestärkt. Wir können gemeinsam noch mehr tun, beispielsweise bei Kultur und Wissenschaft und im Jugendaustausch. Wo ich helfen und unterstützen kann, bin ich bereit, das zu tun. Es muss aber nicht unbedingt alles immer in staatlicher Regie geschehen. Hier ist noch Raum für Eigeninitiative, beispielsweise der Universitäten oder von Unternehmen, die über die Grenze zwischen unseren beiden Ländern hinweg verflochten sind. An die niederländische Jugend appelliere ich: Kommt zu uns, lernt das Deutschland des Jahres 1995 kennen, macht Euch selbst ein Bild von eurem Nachbarn!

Ihre Majestät, Königin Beatrix, hat in ihrer Thronrede im vergangenen Jahr in eindrucksvoller Weise auf die fundamentale und unumkehrbare Wende in unseren Beziehungen heute gegenüber der Zeit vor 50 Jahren hingewiesen. Ich bin ihr hierfür dankbar. Ebenso danke ich Ihrem Ministerpräsidenten, Ihrem Außenminister und vielen anderen für ihre freundschaftlichen und nach vorn gerichteten Bekundungen guter Nachbarschaft und Partnerschaft.

Ich habe die Chance, hier vor Studenten zu sprechen. Deswegen erlauben Sie mir ein sehr persönliches Wort zum Schluss: Sie sind jetzt um die 20, 25 Jahre alt. Sie gehören zu einer Generation, die mit größter Wahrscheinlich keil die Mitte des kommenden Jahrhunderts erlebt. Sie haben die Möglichkeit, weitere 50 Jahre in Frieden und Freiheit für die Niederlande und für Europa tätig zu sein. Meine Bitte an Sie ist, dass Sie nie vergessen - bei all dem, was Sie selbstverständlich tun müssen, Ihr Studium erfolgreich beenden, möglichst einen guten Anschluss ins Berufsleben zu finden --, dass das alles wichtig und gut ist, dass es aber zu wenig ist, wenn wir nicht in jeder Generation Männer und Frauen finden, die die Vision Europas in sich tragen und in diesen nächsten Jahren daran arbeiten, dass man in 50 Jahren im Rückblick sagen kann: Es waren 100 Jahre Frieden und Freiheit in Europa. Ich glaube, dies ist eine phantastische Vision. Das aus dieser Vision Wirklichkeit wird, können wir von jenen Visionären aus der Zeit vor 50 Jahren lernen. Sie haben das Gestalt werden lassen, was wir heute vorfinden.

Ich wünsche den Studentinnen und Studenten, den Professoren und Bürgerinnen und Bürgern der Stadt eine gute Zukunft für die Niederlande und für Europa. Für Sie alle ganz persönlich auf Ihrem Lebensweg Gottes Segen!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 44 (31. Mai 1995).