8. Juni 1995: Vortrag vor der Hebräischen Universität in Jerusalem anlässlich der Umbenennung des Instituts für Europäische Studien in „Helmut-Kohl-Institut für Europäische Studien"


Herr Ministerpräsident,
Herr Präsident der Universität,
meine Damen und Herren Professoren,
Hebe Studentinnen und Studenten,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich danke Ihnen sehr herzlich für diese hohe Ehrung. Die Verbindung des Instituts für Europäische Studien der Hebräischen Universität mit meinem Namen ist für mich eine große Ehre und Auszeichnung. Ich freue mich von Herzen darüber. Ich sage Ihnen ganz offen, ich hatte in meinen kühnsten Träumen nicht davon geträumt, dass ich heute hier als Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland stehen würde, um eine solche Ehrung zu empfangen.

Diese Hochschule hat in den 70 Jahren ihres Bestehen einen ganz wesentlichen Beitrag zum Aufbau in Palästina und später in Ihrem Staat, im Staat Israel, geleistet. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat diese Universität eine Pionierrolle im wissenschaftlichen Dialog zwischen dem Staat Israel und der Bundesrepublik Deutschland wahrgenommen. Heute arbeiten mehr als 500 deutsche Wissenschaftler mit Kollegen von der Hebräischen Universität zusammen. Die sehr vielfältigen Beziehungen und Kooperationsvereinbarungen mit deutschen Universitäten und Stiftungen sind ein wichtiger Beitrag zum wissenschaftlichen und kulturellen Miteinander unserer beiden Länder.

Sicher, Fragen der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sind in unserer heutigen auf Arbeitsteilung basierenden Welt von fundamentaler Bedeutung. Aber ich glaube, es würde ein armes 21. Jahrhundert sein, wenn die kulturelle und wissenschaftliche Dimension daneben verkümmerte und wir all das, was das Leben lebenswert macht, sozusagen nebenher laufen ließen oder ganz als ein Werk von Spezialisten betrachteten. Ich freue mich daher über jeden weiteren Schritt der Zusammenarbeit zwischen deutschen und israelischen Universitäten, auch Ihrer Universität.

In diesem Jahr besonderen Gedenkens an das Ende des Zweiten Weltkriegs und der NS-Gewaltherrschaft erinnere ich mit besonderer Dankbarkeit und großer Bewegung an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel vor 30 Jahren. Für den Staat Israel, in dem viele Überlebende der Shoah eine neue Heimat fanden, war dieser Schritt alles andere als selbstverständlich. Er brachte uns - nur 20 Jahre nach dem 8. Mai 1945 - auf dem von Nahum Goldmann, David Ben Gurion und Konrad Adenauer eingeschlagenen Weg der Verständigung ein großes Stück voran.

Unsere Beziehungen sind ein besonderer Weise von der Vergangenheit geprägt. Das den europäischen Juden von den Deutschen in den Jahren der Barbarei der NS-Zeit zugefügte Leid ist ein unauslöschlicher Teil deutscher Geschichte. Wir können aus dem Grauen dieser Vergangenheit für uns und künftige Generationen nur die Lehre ziehen, die Würde des Menschen und sein Lebensrecht als höchstes Gut zu schützen und zu verteidigen.

Unsere beiden Länder haben bei aller Verschiedenheit vieles gemeinsam. Wir sind gleichen auf Demokratie, Recht und Freiheit beruhenden Werten verpflichtet. Im Blick auf diese gemeinsamen Ziele ist das deutsch-israelische Verhältnis immer auch und ganz nachdrücklich auf die Zukunft gerichtet. Gemeinsam wollen wir uns für die Schaffung und Festigung eines sicheren Friedens einsetzen.

Ich betrachte die heutige Ehrung nicht so sehr als eine Auszeichnung für eine bestimmte Person, sondern als eine Anerkennung für die Politik der europäischen Einigung, die seit Konrad Adenauer neben der Freundschaft mit unseren Partnern in Amerika zum Herzstück der deutschen Außenpolitik gehört. Das außenpolitische Vermächtnis Konrad Adenauers ist schon in seiner ersten Regierungserklärung nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 1949 deutlich geworden, als er damals von der Aussöhnung mit den Gegnern und Feinden des Kriegs sprach. Er nannte drei Staaten, mit denen die Deutschen aus historischen Gründen eine politische Beziehung besonderer Qualität haben müssten. Er sprach vom Verhältnis zu Frankreich, zu Polen und zum Staat Israel. Das war und bleibt Maxime deutscher Politik, auch und gerade weil es die Lektion deutscher und europäischer Geschichte beinhaltet.

Die europäische Integration, die in jenen Tagen begann, war die Antwort weitsichtiger Männer und Frauen auf die schrecklichen Erfahrungen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Sie war immer gedacht als eine Abkehr von der nationalstaatlichen Machtpolitik des vergangenen Jahrhunderts, einer Politik auf der kein Frieden ruhte. Die Politik der rein hegemonialen Betrachtung hat bis zur Mitte dieses Jahrhunderts immer wieder zu gefährlichsten Instabilitäten geführt, sie hat zu den europäischen Bruderkriegen beigetragen.

Auch und gerade nach dem Ende des Kalten Kriegs und auch und gerade nach der deutschen Wiedervereinigung halten wir Deutsche entschieden an der Fortführung der europäischen Einigung fest. Es gilt jener knappe Satz Konrad Adenauers, wonach Deutsche Einheit und europäische Einigung zwei Seiten derselben Medaille sind. Wir Deutschen haben mehr Nachbarn als alle anderen in Europa. Was in unserer Nachbarschaft geschieht, berührt uns sehr unmittelbar, und das gilt auch umgekehrt. Gerade deshalb haben wir ein ganz besonderes elementares nationales Interesse an einer Europäischen Union, der eines Tags alle unsere Nachbarn angehören.

Diese Union muss ein festes Haus sein. Ein lockerer Zusammenschluss, etwa nach der Art einer gehobenen Freihandelszone, ist mit Sicherheit keine Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft. Sie birgt vor allem das Risiko in sich, dass plötzliche Stimmungsschwankungen oder natürliche Gegensätze, die auch unter Freunden und Partnern auftreten, einzelne Länder in die Isolation fuhren mit den negativen Konsequenzen, die wir endlich überwunden haben wollen.

Die Europäische Union hat die machtpolitischen Rivalitäten in Europa überwinden helfen. Wir sind jetzt dabei, in den nächsten zwei Jahren mit dem Folgevertrag von Maastricht den Prozess des Baus des Hauses Europa irreversibel zu machen. „Irreversibel" heißt für mich, dass man später wohl über das Tempo der Integration in einzelnen Politikbereichen diskutieren kann, dass sich aber die Richtung nicht mehr verändern lässt. Das ist unser und vor allem mein ganz persönliches Ziel.

Sie wissen, ich komme aus der deutsch-französischen Grenzregion, der Pfalz. In dieser Landschaft haben die Menschen über 200 Jahre hindurch Generation auf Generation Zerstörung und Wiederaufbau erlebt. Oft genug haben die Menschen nach vielen Rückschlägen resigniert und ihre Zuflucht in der Auswanderung in die Neue Welt gesucht. In unserer Generation ist aus Feindschaft und törichtem Gegeneinander Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen gewachsen, und zwar nicht nur zwischen Regierungen, sondern zwischen den Völkern und nicht zuletzt zwischen vielen Franzosen und Deutschen.

Ich denke dies ist auch eine Botschaft für die Menschen hier. Die Botschaft, dass es trotz aller Widrigkeiten, Hass, Not und Leid möglich ist, einen neuen Anfang zu wagen. Wir möchten Sie auf diesem Weg unterstützen. In diesem Jahr des Gedenkens wird den Menschen bei uns auf besonders eindringlicher Weise bewusst, was es heißt, schon 50 Jahre in Frieden zu leben. Es ist die längste Friedensperiode in der jüngsten Geschichte. Um diesen Frieden zu erhalten, wollen wir den Weg zu einem geeinten Europa unumkehrbar machen. Wir wollen dieses Haus Europa als ein wetterfestes Haus, in dem alle europäischen Völker, je nach ihren Bedürfnissen, ihre Wohnung haben. Ich füge hinzu: Wir wollen in diesem Haus auch ein dauerhaftes Wohnrecht für unsere amerikanischen Freunde haben.

Unsere Hoffnungen auf Frieden in Europa haben sich noch nicht überall erfüllt. Tag für Tag und Abend für Abend sehen wir die schrecklichen Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien, und auch im Kaukasus herrscht blutiger Krieg. Es bedrückt mich, dass wir Europäer nicht in der Lage sind, die von uns in vielen Dokumenten feierlich bekräftigten Prinzipien für ein gedeihliches Zusammenleben überall auf unserem eigenen Kontinent durchzusetzen. Nach wie vor gibt es Chauvinismus und Fundamentalismus, nach wie vor gibt es Verfolgungen ethnischer und religiöser Minderheiten. Wir werden uns nicht damit abfinden, und wir werden nicht in unseren Anstrengungen nachlassen, Frieden und Freiheit überall in Europa zu erreichen.

In Europa und im Nahen Osten ist nach dem Ende des Ost-West-Konflikts das Bewusstsein dafür gewachsen, dass in der Welt von morgen beide Regionen sehr viel stärker als bisher voneinander abhängig sein werden. Friede, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Gerechtigkeit sind ebenso ein gemeinsames Anliegen wie der verantwortliche Umgang mir Rohstoffen, Energiequellen und unserer Umwelt.

Israel hat dabei eine Schlüsselrolle. Ich möchte Ihnen darum meine Botschaft erneuern: Wir, die Deutschen, engagieren uns mit großem Nachdruck für eine enge Zusammenarbeit der Europäischen Union mit Ihren Land. Ich freue mich darüber, dass es auch dank unserer Initiative gelungen ist, auf dem Europäischen Rat im vergangenen Spätherbst in Essen auf diesem Weg ein gutes Stück voranzukommen. Der europäische Rat hat in seinen Schlussfolgerungen auf meinen Vorschlag hin klar und deutlich festgehalten: „ [...] dass Israel in Anbetracht seines hohen Entwicklungsstandes auf der Grundlage der Gegenseitigkeit und des gemeinsamen Interesses im Verhältnis zur Europäischen Union einen privilegierten Status erhält". Das ist ein klares Wort. Diesen Beschluss gilt es nun in praktische Politik umzusetzen. Sie können fest damit rechnen, dass wir, die Deutschen, und auch ich selbst alles tun werden, um gemeinsam mit Ihrer Regierung rasch zu praktischen Ergebnissen zu kommen.

Der Mittelmeerraum stellt für die Europäische Union ein Gebiet von schicksalhafter Bedeutung dar. Bei einer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, wie sie im Vertrag von Maastricht verankert ist, wird die künftige Mittelmeerpolitik eine zentrale Bedeutung haben. Natürlich müssen die Staaten in dieser Region zunächst selbst ihren eigenen Beitrag leisten für einen dauerhaften und gerechten Frieden. Dazu gehört nicht zuletzt der Abbau des zum Teil dramatischen sozialen Gefälles in und zwischen den verschiedenen arabischen Ländern. Armut und Übervölkerung sind überall - und das ist eine Lektion der Geschichte - Brutstätten des politischen Extremismus. Dieser Extremismus hat bis heute schon einen viel zu hohen Blutzoll gefordert. Die Bundesregierung ist bereit, auch in Zukunft bilateral und gemeinsam mit unseren Partnern das in unseren Kräften Stehende zu tun, um zu ökonomischer, sozialer und politischer Stabilität in dieser für Europa und Deutschland so wichtigen Region beizutragen.

So wichtig wirtschaftliche Fragen auch sind, so sollten wir gleichwohl auch den kulturellen und geistigen Zusammenhang zwischen unseren Völkern und den Menschen die hier leben, nicht vergessen. Mir liegt dabei ein Thema besonders am Herzen: der Dialog zwischen den großen monotheistischen Weltregionen. Wir wissen aus der Erfahrung der Geschichte, dass keine Religionsgemeinschaft frei ist von der Gefahr des Fanatismus. Wer zum Dialog über die Grenze der eigenen Religion hinweg bereit ist, wirkt dieser Gefahr entgegen. Aber Dialog setzt immer auch Verständigungsbereitschaft auf beiden Seiten voraus, und die Anerkennung bestimmter Grundregeln.

Im Interesse des Friedens brauchen wir das Gespräch zwischen Juden, Christen und Muslimen. Ich nenne bewusst die großen Religionsgemeinschaften, die hier in Ihrer Region ihren Ursprung haben und die durch grundlegende Überzeugungen miteinander verbunden sind, vor allem durch den gemeinsamen Glauben an den einen Gott und gemeinsame ethische Überzeugungen. Ich weiß natürlich um die großen Unterschiede, die immer wieder Quelle von Missverständnissen, ja Konflikten sind. Aber gerade deshalb ist es gut. sich immer wieder daran zu erinnern, dass es auch Gemeinsamkeiten gibt. Juden und Christen und Muslime gehören als Kinder Abrahams zu einer großen Familie. Ich finde, das sollten wir nicht vergessen. Nur im gemeinsamen Dialog und indem wir lernen, stärker aufeinander zuzugehen, können wir bisher Trennendes wirklich überwinden.

Ich bin sicher, dass die gute Tradition der Hebräischen Universität auch in diesem Sinne fortgeführt wird. Lassen Sie uns das Gespräch miteinander pflegen, auszubauen und vertiefen. Wir reden ja jetzt soviel von modernster Kommunikation und sogar von sogenannter Datenautobahnen. Ich habe gelegentlich das Gefühl, dass wir darüber oft vergessen, ganz einfach miteinander zu reden. Dieses möchte ich für uns gemeinsam einfordern.

Erlauben Sie mir, noch ein Wort an die Studentinnen und Studenten zu richten. Alles das, was jetzt mit Mut und Klugheit getan wird, um hier in Ihrer Region Frieden zu schaffen, und alles. was getan wird um das Haus Europa zu bauen und einen dauerhaften Frieden in diesem alten Kontinent zu schaffen, macht nur einen Sinn, weil wir das Staffelholz an Sie, die nächste Generation, weitergeben werden. Denn Sie sind die Zukunft.

Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft viel Glück und Gottes Segen. Ich wünsche Ihnen vor allem, dass Sie in einer friedlichen Zeit Ihr ganz persönliches privates Glück finden. Ich wünsche Ihnen aber auch, dass Sie erkennen, wie sehr Ihr privates Glück davon abhängig ist, dass Sie sich über Ihr eigenes Ich hinaus gemeinsam mit anderen für das Ganze, für das Wohl Ihres Landes einsetzen. Ich wünsche den Professoren und Studenten des Instituts für Europäische Studien viel Glück bei Ihrer Arbeit. Ich wünsche dieser Universität, dass der Weg in die Zukunft gesegnet sei.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 50 (20. Juni 1995).