30. August 1995: Ansprache anlässlich der Indienststellung des 1. Deutsch-Niederländischen Korps in Münster


Herr Ministerpräsident,
Herr Generalsekretär,
meine Herren Minister,
Frau Oberbürgermeisterin,
Exzellenzen,
liebe Bürgerinnen und Bürger von Münster,
und vor allem: liebe Soldatinnen und Soldaten,

Fünfzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weitkriegs haben wir uns hier versammelt, um an der Indienststellung des I. Deutsch-Niederländischen Korps teilzunehmen. Der heutige Tag zeigt, welch guten Weg unsere beiden Länder als Partner in Europa in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam zurückgelegt haben. Ich empfinde darüber große Freude und Dankbarkeit.

In diesem Jahr des Gedenkens sind bei vielen schmerzliche Erinnerungen an die Zeit vor 50 Jahren wach geworden. Bei meinem Besuch in den Niederlanden vor wenigen Monaten habe ich dies besonders eindringlich gespürt. Wir dürfen und wir wollen die Lehren der Vergangenheit nicht vergessen, aber wir dürfen auch nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben - sonst hätte die Vergangenheit letztlich gesiegt.

Im Bewusstsein unserer Verantwortung für Frieden und Freiheit richten wir gemeinsam - Niederländer und Deutsche - unser Denken und Handeln auf die Zukunft eines geeinten und friedlichen Europas. Um den Frieden bei uns dauerhaft zu erhalten und um die Freiheit auch im 21. Jahrhundert sichern zu können, müssen und wollen wir den Weg zu einem geeinten Europa unumkehrbar machen. Wir brauchen dieses Europa - unser Europa - als wetterfestes Haus mit einem stabilen Dach, in dem alle europäischen Völker ihre Wohnung finden - und mit einem dauerhaften Wohnrecht auch für unsere amerikanischen und kanadischen Freunde.

Unsere Hoffnungen auf einen dauerhaften Frieden überall in Europa haben sich leider noch nicht erfüllt. Nach wie vor gibt es Völker- und Religionshass, nach wie vor gibt es Verfolgung ethnischer und religiöser Minderheiten. Täglich sehen wir die barbarischen Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien. Tag für Tag müssen wir voller Bestürzung das große Leid der Menschen dort zur Kenntnis nehmen. Wir werden uns damit nicht abfinden, und wir dürfen auf keinen Fall darin nachlassen, uns für Frieden und Freiheit - und beides gehört unlösbar zusammen - überall in Europa einzusetzen.

Wir stehen heute vor vielfältigen sicherheitspolitischen Herausforderungen. Diese können wir nur gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in der Welt bewältigen. Mit der Aufstellung des I. Deutsch-Niederländischen Korps bringen unsere beiden Länder ihren festen Willen zum Ausdruck, sich diesen Herausforderungen gemeinsam zu stellen.

Die heutige Vereinigung wichtiger Teile der deutschen und niederländischen Landstreitkräfte weist weit in die Zukunft. Sie dient dem Ausbau der europäischen Verteidigungs- und Sicherheitsidentität und stärkt zugleich den europäischen Pfeiler in der Atlantischen Allianz.

Ich danke unseren niederländischen Freunden, der niederländischen Regierung, dem niederländischen Parlament und vor allem Ihnen, Herr Ministerpräsident, für Ihre Bereitschaft und für Ihren Einsatz, heute diesen historischen Schritt gemeinsam mit uns Deutschen zu gehen.

Wir begehen dieses Ereignis aus gutem Grund hier in Münster. Die Stadt Münster kann auf eine lange Tradition deutsch-niederländischer Kontakte und Verbindungen zurückblicken. Sie ist nicht zuletzt die Stadt des Westfälischen Friedens. 1648. vor bald 350 Jahren, konnten die Niederlande hier die endgültige völkerrechtliche Anerkennung ihrer staatlichen Unabhängigkeit erreichen.

Im Mai dieses Jahres, verehrte Gäste aus den Niederlanden, ist hier ein „Haus der Niederlande" eröffnet worden, in dem auch das deutsche Zentrum für Niederlande-Studien seinen Platz hat. Ich bin sicher, dass diese schöne und traditionsreiche Stadt und ihre Menschen die rund 500 niederländischen Mitbürger heute und auch künftig herzlich empfangen werden.

Liebe Soldatinnen und Soldaten, die bevorstehende Zusammenarbeit in einem gemeinsamen Korps bedeutet ja nicht nur die Erfüllung sicherheits- und verteidigungspolitischer Aufträge. Sie ist auch für Sie persönlich eine großartige Chance zur Begegnung zwischen Niederländern und Deutschen. Hier kann sich die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern im Alltag bewähren, können im täglichen Umgang miteinander feste Bindungen entstehen.

Für Sie gilt es nun, sich bei der gemeinsamen Ausbildung und in der täglichen Zusammenarbeit untereinander kennenzulernen und sich auf ihre schwierigen Aufgaben vorzubereiten. Ich mochte Sie ermutigen, alle Möglichkeiten zu nutzen, um das jeweilige Partnerland, seine Geschichte, seine Kultur und seine Bevölkerung kennenzulernen. Sie können dann zu Hause mit dazu beitragen, die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern weiter zu vertiefen.

Den Bürgerinnen und Bürgern in den Standorten wird es - dessen bin ich sicher - eine Freude und eine Ehre sein, dazu beizutragen, dass sich die niederländischen Soldatinnen und Soldaten und deren Familien herzlich willkommen fühlen. Ich wünsche mir, dass sich unsere niederländischen Freunde hier wohl fühlen. Sie sollen bei uns ein Stück Heimat finden.

Der Wahlspruch des 1. Deutsch-Niederländischen Korps lautet: „Communitate Valemus" - In der Gemeinschaft sind wir stark. Dieses kluge Wort könnte auch über der europäischen Einigung stehen. Ich wünsche dem I. Deutsch-Niederländischen Korps - den Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien - ein erfolgreiches Miteinander zum Wohle unserer beiden Länder und für eine friedliche Zukunft in Europa und in der Welt.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 68 (13. September 1995).