31. August 1995: Ansprache anlässlich des vierzigjährigen Bestehens der Bundeswehr, gehalten während eines Empfangs für Bundeswehrangehörige im Palais Schaumburg in Bonn


Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Zivilangehörige der Bundeswehr,
liebe Soldatinnen und Soldaten.

die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist eine junge und auch dramatische Geschichte. In diesem Haus - deswegen habe ich Sie zu diesem Empfang bewusst hierher eingeladen - fanden viele wichtige Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte statt. Wie Sie wissen, haben hier Konrad Adenauer. Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und - in der ersten Hälfte seiner Amtszeit - auch Helmut Schmidt gearbeitet.

Ich habe zu meiner Freude gehört, dass viele von Ihnen die Gelegenheit wahrgenommen haben, ein Stockwerk höher das original wiederhergestellte Dienstzimmer Konrad Adenauers zu besichtigen. Wenn Sie sich dort alles genau angesehen haben, beispielsweise die alten Telefonapparate oder die schmale Aktenmappe, mit der er Tag für Tag in den Dienst ging, dann ist an diesen mehr äußerlichen Dingen erkennbar, wie sehr der Geist der Bescheidenheil und Pflichterfüllung den Weg unserer Bundesrepublik geprägt hat.

Ich finde es deswegen gut, dass wir dieses Haus nicht nur für repräsentative Empfänge nutzen, sondern Besuchern - darunter vielen Schulklassen - zugänglich machen. Trotz großer zeitlicher Beanspruchung leiste ich mir ab und zu das Vergnügen, mit einer Schulklasse dort oben im Zimmer Konrad Adenauers zu stehen. Dann erlebe ich. wie die Kinder der Enkel- und zum Teil der Urenkelgeneration mit großer Bewegung und größtem Interesse die Dinge und die Atmosphäre In diesem Raum zur Kenntnis nehmen.

In diesem Haus fanden auch Begegnungen der früheren Bundeskanzler mit allen amerikanischen Präsidenten jener Jahre und Jahrzehnte statt. Alle wichtigen internationalen Gäste wurden hier empfangen. Heute sind Sie hier zu Gast. Das finde ich gut so. und ich begrüße Sie hier sehr, sehr herzlich.

Ich habe Sie eingeladen als Repräsentanten unserer Bundeswehr, stellvertretend für die halbe Million aktiver Soldatinnen und Soldaten und ziviler Mitarbeiter sowie deren Familien, für die vielen Reservisten und für die ehemaligen Angehörigen der Bundeswehr. Ich möchte Ihnen für Ihre Leistungen im Dienste unserer freiheitlichen Demokratie meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen - und dies kann ich gewiss auch im Namen der großen Mehrheit unseres Volkes tun.

Es war nicht zuletzt Ihre Leistung - gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden - und Ihr Erfolg, dass wir gestern Abend in Münster eine so eindrucksvolle Stunde erleben konnten: die Indienststellung des I. Deutsch-Niederländischen Korps. Ich habe aus den Reaktionen, ja aus der Bewegung unserer niederländischen Gäste und Freunde, allen voran des niederländischen Ministerpräsidenten, einmal mehr vor Augen geführt bekommen, welch guten Weg wir in den vergangenen 50 Jahren als Partner und Freunde zurückgelegt haben.

Wenn ich die Soldaten und die Zivilbediensteten anspreche, dann möchte ich auch ein Wort des Dankes an die Ehefrauen aussprechen. Wenn sie den normalen Lebensablauf eines Soldaten - eines Berufssoldaten - betrachten, dann ist eines klar: Von keinem Beruf in unserem Land sind - vor allem bedingt durch die häufigen Ortswechsel - die Ehefrauen und auch die Kinder in ihrer Lebensplanung ähnlich stark betroffen. Der gemeinsame Lebensweg erfordert häufig große Flexibilität und persönliche Opferbereitschaft. Dies verdient unser aller Anerkennung.

1995 ist das Jahr der Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Vor fünfzig Jahren begann die längste Friedensperiode der neueren deutschen Geschichte - und wir haben alle Grund zur Zuversicht, dass Frieden und Freiheit unserem Volk erhalten bleiben, wenn wir den Willen haben, unsere Freiheit zu verteidigen. Es ist ein bei manchen verbreiteter Irrtum, dass Frieden - wirklicher Frieden - ohne Freiheit möglich sei. Frieden und Freiheit bedingen einander, sie sind unlösbar miteinander verbunden. Freiheit aber hat ihren Preis: Wir müssen wachsam bleiben. Will man Frieden und Freiheit für unser Volk und für unsere Freunde erhalten, muss man bereit sein, diesen Preis auch zu zahlen. Nur so können wir letztlich unsere Freiheit verteidigen.

Die Bundeswehr hatte und hat entscheidenden Anteil daran, dass wir Deutschen schon seit Jahrzehnten in Frieden (eben. Ohne die Entscheidung der Bundesrepublik Deutschland für die politische und militärische Integration in die westliche Gemeinschaft wäre dies nicht denkbar gewesen.

Heute blicken wir zurück auf 40 Jahre Bundeswehr, aber auch auf fünf Jahre Armee der Einheit. Wir werden diesen wichtigen Anlass Ende Oktober im entsprechenden Rahmen feierlich begehen: Ich werde eine Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag abgeben, zuvor werden wir mit einem Empfang und einem Großen Zapfenstreich diesen Anlass feiern.

Wir können stolz sein auf diese Bundeswehr. Ihre Einsatzbereitschaft und ihr hoher Ausbildungsstand finden internationale Anerkennung. Mehr als acht Millionen Männer - und auch Frauen - haben in den vergangenen Jahrzehnten ihren Beitrag zur Sicherung des Friedens und der Freiheit geleistet. Darunter waren seit fünf Jahren bereits über 200 000 Wehrpflichtige aus den neuen Bundesländern.

Bei der Verwirklichung der inneren Einheit Deutschlands ist die Bundeswehr von Anfang an ein Vorbild und Vorreiter gewesen. Sie hat im Einigungsprozess Beispielhaftes geleistet - im zwischenmenschlichen Bereich ebenso wie in der militärischen Integration. Seit dem 3. Oktober 1990 hat sie gezeigt, was erreichbar ist, wenn Deutsche aus Ost und West aufeinander zugehen und sich mit Tatkraft einer gemeinsamen Aufgabe stellen. Ich finde, von dieser positiven Leistung wird viel zu wenig gesprochen. Das ist schade, denn auch hier - wie in vielen anderen Bereichen - gilt der einfache Satz, dass ein gutes Beispiel zu guten Taten anspornt.

Die Bundeswehr muss sich heute zugleich auf vielfältige neue Aufgaben einstellen. Dies erfordert einen schwierigen Prozess der Umgliederung. In der Öffentlichkeit wird auch diese Tatsache viel zu wenig gewürdigt. Deshalb will ich hier unterstreichen, dass es sich auch hierbei um eine Leistung handelt, die hohe Anerkennung verdient. Vergleicht man damit die Widerstände, auf die der notwendige Strukturwandel in anderen Bereichen unserer Gesellschaft stößt, dann ist diese Bereitschaft zum Umdenken alles andere als selbstverständlich!

Es ist im übrigen schon bemerkenswert, dass nach teilweise jahrelangen Klagen und Protesten - beispielsweise über Manöverschäden - in den Standorten jetzt der Wirtschaftsfaktor Bundeswehr entdeckt wird. Dies gilt im übrigen nicht nur für die Bundeswehr. Jahrzehntelang konnte ich beispielsweise auch in meiner Heimat, der Pfalz, in den Standorten die törichte Parole „Ami go home" an den Wänden lesen. Jetzt fordern viele Gemeinden den Verbleib unserer amerikanischen Freunde und Partner. So ändern sich die Zeiten.

Vor wenigen Wochen haben Bundesregierung und Bundestag den Einsatz von Bundeswehreinheiten zum Schutz und zur Unterstützung der Schnellen Eingreiftruppe im früheren Jugoslawien beschlossen. Unsere Soldatinnen und Soldaten erfüllen dort im Rahmen der Verfassung und des Parlamentsbeschlusses eine Pflicht, die das vereinte Deutschland im Rahmen der Völkergemeinschaft wahrzunehmen hat. Sie leisten damit einen Dienst für uns alle - vor allem jedoch für die unmittelbar Betroffenen, die leidenden Menschen dieser Region. Anerkennung verdienen sie nicht zuletzt auch für ihre zahlreichen Hilfseinsätze bei Sturmfluten, Schneekatastrophen, Waldbränden und Überschwemmungen.

Wer ais Soldat durch Gelöbnis oder Eid bekundet, unserer Bundesrepublik treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, hat Anspruch auf die Unterstützung aller gesellschaftlichen Kräfte. Denn von ihm wird letztlich erwartet, dass er bereit ist, Gefahren für Leib und Leben in Kauf zu nehmen.

Wir sollten nicht vergessen: Es ist die junge Generation unseres Landes, die in der Bundeswehr ihren Dienst leistet - und aus der Sicht meiner Generation kann ich sagen: Es ist die Armee unserer Söhne. Als verantwortungsbewusste und engagierte Mitbürger stellen sie sich für uns alle einer besonderen Pflicht. Die Wehrpflicht ist und bleibt Ausdruck der Bürgerverantwortung in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Der Wehrdienst ist deshalb die vom Grundgesetz vorgesehene Normalität; die Verweigerung des Wehrdiensts aus Gewissensgründen ist die Ausnahme. Ich sage das so bewusst, weil es ja manche in unserem Land gibt, die dies genau andersherum haben möchten.

Wer Rechte hat, hat auch Pflichten! Es gehört zum Erziehungsauftrag unserer Bildungseinrichtungen - aber auch der Medien - an diese einfache Wahrheit immer wieder zu erinnern. Ich füge dabei ausdrücklich hinzu: Ich habe großen Respekt vor denen, die Ersatzdienst leisten. Diejenigen, die ihren Dienst in Krankenhäusern, in einer Intensivstation oder in Pflegeeinrichtungen für Schwerstbehinderte tun, verdienen unsere Anerkennung. Gleichwohl wiederhole ich: Der Wehrdienst ist die vom Grundgesetz vorgesehene Normalität!

Ich wünsche mir für diese Wochen der Erinnerung an 40 Jahre Bundeswehr, dass möglichst viele in Deutschland einmal darüber nachdenken, welchen Weg wir in diesen vier Jahrzehnten genommen hätten, wenn die Bundeswehr ihre Pflicht nicht erfüllt hätte. Die Soldaten der Bundeswehr- in Heer, Luftwaffe und Marine - haben ihren Einsatzwillen und ihre Leistungsfähigkeit für uns und unser Land in den letzten Jahren immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Das persönliche Engagement aller Bundeswehrangehörigen - der Männer und der Frauen, der Grundwehrdienstleistenden, der Zeit- und Berufssoldaten, der Beamten und der Arbeitnehmer - muss und wird sicher auch in Zukunft die Einsatzbereitschaft garantieren, ohne die Friede und Freiheit gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern in der Allianz nicht gesichert und garantiert werden können.

Wir haben Grund, stolz zu sein auf diese Bundeswehr - unsere Armee des Friedens!

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 68 (13. September 1995).