11. September 1995: Rede vor Abgeordneten beider Häuser des südafrikanischen Parlaments in Kapstadt während des offiziellen Besuchs des Bundeskanzlers in der Republik Südafrika


Herr Staatspräsident,
meine Herren Vizepräsidenten,
meine Damen und Herren Parlamentspräsidenten,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst sehr herzlich für Ihr freundliches Willkommen bedanken. Über die freundliche Geste von Ihnen, mich hier in meiner Muttersprache zu begrüßen, habe ich mich besonders gefreut.

Es ist für mich eine große Ehre und Freude, heute hier vor Ihnen, den Mitgliedern beider Häuser des südafrikanischen Parlaments, sprechen zu können. Es war ein großartiger geschichtlicher Augenblick, als das Volk von Südafrika zum ersten Mal seine Vertreter in einer freien Wahl bestimmen konnte. Zugleich freue ich mich, Herr Präsident, dass ich Sie von dieser Stelle aus herzlich zu einem Besuch in die Bundesrepublik Deutschland einladen darf.

Mein Besuch in Ihrem Land ist der erste eines deutschen Bundeskanzlers in Südafrika. Ich bin der Einladung Ihres Präsidenten Nelson Mandela gern gefolgt. Ich überbringe dem Volk Südafrikas die herzlichen Grüße des deutschen Volkes. Der friedliche Wandel in Ihrem Land, die Hinwendung der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung und ihrer Vertreter zu einer Politik der nationalen Versöhnung sind bei uns in Deutschland mit großer Anteilnahme und tiefer Sympathie verfolgt worden.

Die Politik des Dialogs und der Wille zum Kompromiss zwischen den maßgeblichen politischen Kräften Ihres Lands haben Veränderungen, ja Umbrüche möglich gemacht, die vor wenigen Jahren unerreichbar schienen. Über die Gräben der Vergangenheit wurden Brücken geschlagen. Die große geschichtliche Wende in Ihrem Land ist, auch vielen skeptischen Stimmen und Erwartungen zum Trotz, friedlich verlaufen. Ich beglückwünsche die Bürger Südafrikas zu diesem Friedenswerk. Ihr Land hat damit für viele Menschen in der Welt ein vorbildliches Zeichen für friedliche Veränderungen und friedlichen Wandel gesetzt - ein Zeichen der Hoffnung. Dies ist, gerade in eine Zeit dramatischer regionaler Konflikte, die so viel Leid und Bitterkeit hervorrufen, ebenso wichtig wie ermutigend.

Der Friedensnobelpreis, der Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk verliehen wurde, hat die staatsmännische Leistung, die Geduld und die Klugheit beider politischen Führer gewürdigt. Zugleich aber würdigt er auch die Leistung aller politischen Persönlichkeiten und Kräfte Ihres Lands, die zu diesem großen Werk der Versöhnung beigetragen haben.

Die Geschichte - vor allem die jüngere Geschichte - kennt nur ganz wenige Beispiele für einen so friedlichen Übergang. Wie viel Leid wäre anderen Ländern und Völkern auch in unseren Tagen erspart worden, hätten deren politisch Verantwortliche ähnlich einsichtsvoll gehandelt! Ohne ihr Engagement, ohne ihren Friedenswillen, aber auch ohne die Bemühungen vieler anderer in ihrem Land wäre dies nicht möglich gewesen. Dabei wissen wir: Manche Wunden verheilen nur langsam. Die Erinnerung an vergangenes Unrecht wird wach bleiben. Dennoch möchte ich Ihnen aus der Erfahrung unseres Volks zurufen: Wir dürfen nicht Gefangene der Vergangenheit werden, sonst hatte diese letztlich gesiegt. Der eigentliche Sinn der Erinnerung ist es, wachsam zu bleiben für die Zukunft. Zugleich lehrt die Erinnerung uns, die Würde des Menschen als höchstes Gut zu achten und zu schützen.

Wir - Südafrikaner und Deutsche - können offen und unbefangen auf die in Jahrhunderten gewachsenen Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern und ihren Menschen zurückblicken. Deutsche waren unter den ersten Europäern, die hier am Kap siedelten. Sie kamen damals aus einem Deutschland, das in furchtbarer Weise durch den Dreißigjährigen Krieg verwüstet war. Sie fanden hier Zuflucht und ein neues Zuhause.

Auch in den folgenden Jahrhunderten haben sich viele Deutsche - oft wegen wirtschaftlicher Not und widriger politischer Umstände im eigenen Land ausgewandert - hier in Südafrika eine neue Existenz aufbauen können. Deutsche Missionare haben hier Bildungseinrichtungen geschaffen, die über Rassenschranken hinweg segensreich wirkten. Deutsche Kaufleute und Unternehmer haben Pionierdienste beim wirtschaftlichen Aufbau geleistet. Deutsche Unternehmen haben sich, später auch in schwieriger Zeit, hier dauerhaft engagiert. Sie haben vielen Menschen, gerade auch aus den diskriminierten Bevölkerungsschichten, Arbeit geben und erhalten können - und damit auch ein Stück Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Die gemeinsame Rückbesinnung auf enge historische Verbindungen und vor allem auf die umwälzenden Entwicklungen gerade in der jüngsten Zeit bietet für die Zukunft ein gutes Fundament. Auf diesem Fundament wollen wir mit Mut, mit Festigkeit und mit großer Zuversicht die erneuerte Freundschaft und die Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern weiter ausbauen.

Für uns in Deutschland ist die Republik Südafrika einer der wichtigsten Partner auf Ihrem Kontinent. Auch die Europäische Union engagiert sich hier in besonderem Maße. Im Rahmen der Berliner Konferenz von 1994 wurde eine engere Zusammenarbeit mit den Ländern der regionalen Entwicklungsgemeinschaft der Staaten des Südlichen Afrikas vereinbart. Der Beitritt Südafrikas gerade zu diesem Zusammenschluss im vergangenen Jahr hat mich mit großer Freude erfüllt. Wer hätte von einer solchen Entwicklung noch vor kurzer Zeit nur zu träumen gewagt? Wir möchten - dies ist auch mein persönlicher Wunsch - den Dialog zwischen Ihrem und unserem Land auf allen Ebenen verstärken. Er sollte und muss nach Möglichkeit eine große Zahl von Gesprächspartnern aus allen gesellschaftlichen Gruppen einbeziehen. Ich nenne hier vor allem die Parlamente, die Kirchen und den Bereich der Kultur.

Unsere kulturelle Zusammenarbeit ist bereits seit geraumer Zeit intensiv und gut. Wir legen besonderen Wert darauf, dass möglichst breite Bevölkerungs- schichten einbezogen werden. Ebenso liegt uns die Förderung des künstlerischen Nachwuchses in Ihrem Land am Herzen. Diese bewährte Zusammenarbeit möchten wir mit einem neuen deutsch-südafrikanischen Kulturabkommen auf eine gute Grundlage stellen. Die Eröffnung eines deutschen Kulturinstituts - eines Goethe-Instituts - in Johannesburg ist fest geplant. Aber auch viele Menschen in meinem Land wünschen sich für die Zukunft eine stärkere kulturelle Präsenz Ihres Landes bei uns in Deutschland.

Ich wünsche mir, dass möglichst viele Bürger aus unseren beiden Ländern zusammenkommen, sich kennenlernen und besser verstehen. Dies ist in meinen Augen über die staatliche Zusammenarbeit hinaus langfristig die beste Investition in unsere gemeinsame Zukunft.

Im wirtschaftlichen Bereich können wir auf vielfältigen und gewachsenen Verbindungen unserer beiden Länder aufbauen. Ihr Land ist unser wichtigster Wirtschaftspartner in Afrika. Im Handelsaustausch stand Deutschland 1994 an der Spitze Ihrer Partnerländer. Natürlich weiß ich, dass im Warenaustausch noch Ungleichgewichte bestehen. Wir wollen uns gemeinsam um deren Abbau bemühen. Wir unterstützen zugleich das Anliegen Ihres Landes, seinen Zugang zum europäischen Markt zu erweitern. Hierfür treten wir auch bei den Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Südafrika nachdrücklich ein.

Ihr Land steht mit seiner Reformpolitik auch im wirtschaftlichen Bereich vor großen Aufgaben. Sie haben sich einschneidende Maßnahmen und notwendigerweise tiefgreifende strukturelle Veränderungen vorgenommen, ebenso wie Anpassungen im Bereich der Gesetzgebung. Viele Schwierigkeiten müssen überwunden werden, und Sie werden viel Geduld brauchen. Wer lange genug im politischen Leben steht, weiß, dass Geduld zu üben in der Politik eine der schwierigsten Tugenden ist. Doch die Mühe lohnt sich, und ich denke, Sie haben die Weichen in Ihrem Land richtig gestellt: Wiederaufbau und Entwicklung kommen voran, das Wirtschaftsklima hat sich im letzten Jahr insgesamt spürbar verbessert. Der Trend zeigt nach oben.

Ich möchte Sie - als Freund Ihres Landes - ermutigen, den von Ihnen eingeschlagenen Weg Schritt für Schritt weiterzugehen. Nur so können soziale Ungleichgewichte allmählich abgebaut werden und Stabilität und Wohlstand möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern Ihres Lands zuteil werden. Wir Deutschen sind gerne bereit, Sie hierbei nach Kräften zu unterstützen, wenn Sie dies wünschen. Dies gilt insbesondere für den Aufbau eines beruflichen Aus- und Fortbildungswesens. Eine gute Ausbildung ist für junge Leute von existentieller Bedeutung. Sie ist die Grundlage ihres beruflichen Fortkommens und damit auch ein Teil ihres privaten und persönlichen Glücks.

Ihr Land verfügt über ein großartiges Zukunftspotential. Ich meine damit nicht nur seine Bodenschätze und seine herrliche Natur, sondern vor allem seine Menschen. Sie werden die Zukunft Ihres Landes gestalten. Ein Volk, das die Kraft gehabt hat, auf friedlichem Wege die Apartheid zu überwinden, hat nach meiner Überzeugung auch die Kraft, gemeinsam eine gute Zukunft zu gestalten!

Ihr Land hat sich nach seinem friedlichen Wandel und der Wiederherstellung seiner vollen Rechte in der Völkergemeinschaft als ein besonders verantwortungsvoller Partner und Freund erwiesen. Seine Politik der guten Nachbarschaft, aber auch sein Bemühen um Frieden in der Region haben Ihrem Land Respekt und berechtigte Anerkennung verschafft. Südafrika und Deutschland können und werden - ein jeder nach seiner besonderen Verantwortung - die an sie gestellten Herausforderungen annehmen und bewältigen. Im Bereich weltweiter Problemfelder wollen wir - die Deutschen - eng mit Ihrem Land zusammenarbeiten, Dies ist ja bereits kürzlich bei der Konferenz der Vereinten Nationen über die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrags mit großem Erfolg geschehen.

Gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in der Welt können wir unseren Beitrag zur Lösung der globalen Herausforderungen leisten: beim Kampf gegen Hunger und Armut, gegen Unterentwicklung, gegen Drogenmissbrauch und im Kampf gegen die zunehmende internationale Kriminalität. Vor allem aber wollen und müssen wir dafür Sorge tragen, dass der Schatz der Natur, die Schöpfung, bewahrt und für kommende Generationen erhalten bleibt. Dies ist unsere moralische Pflicht. Kein Staat der Welt ist heute in der Lage, sich diesen Herausforderungen allein zu stellen. Nur gemeinsam können wir letztlich erfolgreich sein. Ein deutsches Wort sagt: Einigkeit macht stark! Wir sind froh, in dem neuen Südafrika einen verlässlichen und starken Partner und Freund zu haben. Sie können sich auch auf uns verlassen.

In wenigen Tagen, am 3. Oktober, feiern wir Deutschen den fünften Jahrestag der Wiedervereinigung unseres Lands nach über 40 Jahren der Teilung. Ich bin sicher, dass wir die ökonomisch-sozialen Aufgaben der Einheit in absehbarer Zeit bewältigen werden. Sehr viel länger wird es auch bei uns dauern, bis in den Köpfen und in den Herzen der Menschen die Einheit unseres Vaterlands fest verankert ist. Aber auch dies wird gelingen. Mit der gleichen Zuversicht möchte ich Sie alle darin bestärken, den Weg des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Aufbaus des neuen Südafrika entschlossen weiterzugehen. Lassen Sie sich durch Schwierigkeiten und Rückschläge nicht entmutigen!

Sie, die ersten frei gewählten Vertreter des ganzen südafrikanischen Volkes, sind berufen, die Grundlagen für das neue, das freie, das demokratische Südafrika zu festigen und weiterzuentwickeln. Für die gemeinsame Arbeit der Abgeordneten und Senatoren, vor allem auch in der verfassunggebenden Versammlung, begleiten Sie unsere besten Wünsche. Sie, Herr Staatspräsident, haben davon gesprochen, „die neugewonnene Freiheit mit Ruhm und Hoffnung auszustatten". Ihre Freunde in der Welt - und insbesondere in Deutschland - wollen und werden Ihnen dabei auch in Zukunft zur Seite stehen. Für diese gewaltige historische Herausforderung und Aufgabe wünsche ich Ihnen viel Erfolg und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 71 (20. September 1995).