23. Juni 1996: Ansprache anlässlich der Verabschiedung von Papst Johannes Paul II. am Brandenburger Tor in Berlin


Heiliger Vater,
liebe Berlinerinnen und Berliner,
liebe Landsleute von nah und fern,
verehrte Gäste,

dies ist ein Tag der Freude für unser Land, insbesondere für die deutsche Hauptstadt Berlin! Heiliger Vater, Sie sind ein Freund der Deutschen. Sie kennen unser Land, Sie kennen seine Menschen. Sie sind uns in Deutschland immer herzlich willkommen!

Als Sie 1980 und dann 1987 die Bundesrepublik als Oberhaupt der katholischen Kirche besuchten, war Deutschland noch geteilt. Das polnische Volk, Ihr Volk, lebte noch unter kommunistischer Diktatur. Heute, Heiliger Vater, sind wir zusammen durch das Brandenburger Tor gegangen. Die Mauer ist verschwunden. An der Überwindung der totalitären und glaubensfeindlichen Ideologie, durch die unser Kontinent, unser Land und diese Stadt Berlin gespalten wurden, haben Sie einen entscheidenden Anteil. So haben Sie ganz wesentlich mit dazu beigetragen, dass der Traum von der Wiedervereinigung Deutschlands in Erfüllung ging. Wir Deutsche verdanken Ihnen viel.

Sie haben sich nie mit der widernatürlichen Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang abgefunden. Gerade Sie haben Millionen von Menschen, die bis vor wenigen Jahren unter dem kommunistischen Regime leben mussten, ermutigt, die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit nicht aufzugeben. Sie haben der Freiheitsbewegung in Polen, aber auch in anderen Staaten Mittel- und Osteuropas moralischen Rückhalt und damit immer wieder Selbstvertrauen gegeben. Sie wussten, dass das scheinbar unerschütterliche kommunistische System vor der Geschichte letztlich keinen Bestand haben konnte, weil es dem Wesen des Menschen widerspricht.

Wir sind soeben gemeinsam durch das Brandenburger Tor gegangen. Für uns alle war das ein tief bewegender Augenblick. Es ist keine sieben Jahre her, da stand hier noch die Berliner Mauer, eine der unmenschlichsten Grenzbefestigungen der Geschichte. Sie fiel wie die Mauern von Jericho - vor allem durch den lauten Ruf nach Freiheit. Heute symbolisiert das Brandenburger Tor Freiheit, Verständigung, Völkerfreundschaft und Frieden.

Heiliger Vater, Sie haben heute in einer feierlichen und unvergesslichen Zeremonie im Olympiastadion zwei Märtyrer aus unserem Volk seliggesprochen - Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner. Beide stehen für einen unerschrockenen, lebendigen Glauben auch während der dunkelsten Jahre unserer Geschichte. Nur wenige Schritte von hier entfernt setzte sich Dompropst Lichtenberg für die verfolgten Juden ein, die Sie, Heiliger Vater, einmal die „älteren Brüder" der Christen genannt haben. Die Besinnung auf diese beiden herausragenden Persönlichkeiten unserer Kirche wird dazu beitragen, die Erinnerung an das andere, an das bessere Deutschland wach zu halten, das auch die Nazi-Barbarei nicht zerstören konnte. Ich denke in dieser Stunde auch an herausragende Zeugen der evangelischen Kirche. Stellvertretend für viele nenne ich Dietrich Bonhoeffer.

Die Erinnerung an den Widerstand gegen Unrecht und Unterdrückung gehört zum moralischen Fundament unserer Bundesrepublik Deutschland. Ganz bewusst haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes die „Verantwortung vor Gott und den Menschen" an den Beginn unserer Verfassung gestellt, die heute die Verfassung unseres wiedervereinigten Vaterlands ist. Auf diesen Satz sollten wir uns immer wieder neu besinnen.

Wir müssen gemeinsam dafür Sorge tragen, dass die Freiheit in unserer Gesellschaft nicht in Orientierungslosigkeit umschlägt. Freiheit - das ist die Erfahrung der Geschichte dieses Jahrhunderts, und man soll gerade an diesem Platz darüber sprechen - bedeutet immer auch Verantwortung, sonst schlägt sie in neue Formen der Abhängigkeit um. Gelebte Verantwortung braucht die Besinnung auf das eigene Gewissen, auf den Mitmenschen und vor allem auf Gott. Gerade in diesem besonderen Sinne ist die Stimme der christlichen Kirchen auch in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft unverzichtbar. Die Frohe Botschaft Christi ist eine Quelle der Kraft; sie gibt Menschen Orientierung und Halt.

Ich wünsche mir, Heiliger Vater, dass von Ihrem Besuch in Deutschland ein Signal ausgeht - ein Signal der Ermutigung für Christen, Verantwortung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu übernehmen. Christenpflicht und Bürgerpflicht sind untrennbar miteinander verbunden. Das gilt nicht zuletzt für die große Aufgabe unserer Zeit, die Einigung Europas. Es waren vor allem in ihrem Glauben tief verwurzelte, der Ökumene verpflichtete Christen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs darangingen, im freien Teil unseres Kontinents die Europäische Gemeinschaft aufzubauen. Sie handelten in vollem Bewusstsein der geistig-kulturellen Traditionen, die alle Völker Europas miteinander verbinden. Wir wollen und dürfen niemals aus den Augen verlieren, dass wir in Europa vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft bilden. Sie selbst, Heiliger Vater, haben dies ausgedrückt, als Sie einmal vom „Genius Europas" sprachen.

Ich wünsche mir, dass die katholischen und die evangelischen Christen noch stärker als bisher die neuen Chancen zum Dialog mit den orthodoxen Christen in Europa nutzen. Es geht gewissermaßen für die Zukunft Europas darum, einen Ökumenischen Bogen von den Klöstern und Kapellen Irlands bis hin zu den Kirchen und Kathedralen von Kiew und Moskau zu schlagen. Für eine gute Zukunft unseres Kontinents ist es ebenso wichtig, dass sich die drei großen monotheistischen Wellreligionen - Judentum, Christentum und Islam - auf ihre gemeinsamen Wurzeln besinnen und vom Geist der Brüderlichkeit leiten lassen.

Jetzt, am Ende dieses Jahrhunderts, das hier in Berlin, in Deutschland, in Europa und in der Welt so viel Leid und Elend gesehen hat, haben wir die großartige Chance, das Haus Europa wetterfest für die Zukunft zu bauen. Das ist die beste Voraussetzung für Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert. Ich setze darauf, dass die christlichen Kirchen die Menschen überall in Europa ermutigen, sich an diesem Friedenswerk zu beteiligen.

Heiliger Vater, Sie haben mit Ihrem Besuch bei uns in Deutschland Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs gesetzt. Sie haben vielen Menschen in Paderborn, hier in Berlin und in ganz Deutschland Freude gebracht und Mut gemacht. Ihr Zuspruch hat vielen Kraft für die Zukunft gegeben. Ich danke Ihnen im Namen meiner Landsleute für Ihren Besuch. Wir wünschen Ihnen Gottes Segen.

Quelle: Bulletin des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung Nr. 55 (27. Juni 1996).