20. September 1996
Ansprache anlässlich der Grundsteinlegung für den Neubau der Deutschen Schule in Puebla


Sehr geehrter Herr Gouverneur, Herr Vorsitzender des Schulvorstandes,

Herr Direktor, liebe Eltern,

liebe Schülerinnen und Schüler,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich, bei Ihnen in Puebla zu sein. Dies ist eine gute Stunde für Puebla, für Mexiko und für Deutschland, vor allem aber für die Zukunft von vielen jungen Leuten, die heute und in Zukunft diese Schule besuchen werden.

Die Beziehungen zwischen unseren Ländern sind gut; aber auch das, was gut ist, kann noch verbessert werden. Ihr Präsident und ich haben deshalb beschlossen, der Verbindung zwischen unseren Ländern in den nächsten Monaten und Jahren eine neue Qualität zu geben - sie sollen noch intensiver werden. Es geht darum, in diesen Jahren gemeinsam das Richtige zu tun, damit diese Kinder, die uns eben mit einem Ständchen erfreut haben, eine gute Zukunft haben.

Puebla - dieser Ort ist gut gewählt, um hierfür ein Zeichen zu setzen. Hier wird seit Jahren die deutsch-mexikanische Zusammenarbeit und Freundschaft groß geschrieben! Die heutige Grundsteinlegung für den Bau einer neuen größeren deutsch-mexikanischen Schule hier in Puebla ist eine großartige Sache. Ich begrüße unsere mexikanischen Freunde und Partner sehr herzlich. Zugleich möchte ich an dieser Stelle auch ein Wort des Dankes an unsere deutschen Landsleute richten, die hier leben und arbeiten, vor allem an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter deutscher Firmen, sowie an die Lehrerinnen und Lehrer der Deutschen Schule. Ich danke Ihnen allen herzlich für Ihre tägliche Arbeit und Ihr Engagement - auch als Repräsentanten unseres Landes! Ich überbringe Ihnen herzliche Grüße aus Deutschland, aus dem wiedervereinten Deutschland.

Wir Deutschen erinnern uns dankbar daran, daß unsere mexikanischen Freunde in den Jahrzehnten der Teilung mit uns gemeinsam immer an der Idee der Einheit unserer Nation festgehalten haben. Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet dafür, daß Sie uns vor allem in den dramatischen Jahren 1989 und 1990 mit Sympathie und Freundschaft unterstützt haben.

Nach über vierzig Jahren Teilung haben wir das Geschenk der Einheit erhalten. Alles, was jetzt geschieht und noch geschehen muß, erfordert Kraft, Mut und viel Verständnis füreinander. Vieles aus der Zeit der gewaltsamen Trennung hat sich tief in die Erinnerungen und die Erfahrungen der Menschen eingegraben. Diejenigen von Ihnen, die in den letzten Jahren in Deutschland waren, auch in den neuen Ländern, werden den dramatischen Wandel gespürt haben. Doch bei allen Sorgen und Problemen, die uns dabei begleiten - wir sind auf einem guten Weg. Ich bin ganz sicher, daß die Menschen in Deutschland gemeinsam die enormen wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen werden. Dies erfordert Geduld. Aber um erfolgreich zu sein, brauchen wir einen langen Atem.

Eine zweite Botschaft ist mir sehr wichtig: Wir in Deutschland haben die Lektion der Geschichte gelernt. Am Ende dieses Jahrhunderts, das so viel Not, Elend und auch Schlimmes erlebt hat, sind wir aufgebrochen, um das Haus Europa zu bauen. Wir wissen dabei ganz genau, daß der Friede und die Freiheit unseres Landes und unseres Kontinents auf Dauer nur in einem vereinten Europa möglich sein werden. Gemeinsam mit unseren Nachbarn wollen wir die Zukunft unseres Kontinents gestalten.

Mit der heutigen Grundsteinlegung wird ein langjähriges Vorhaben des "Colegio Humboldt" - der Humboldt-Schule - nun Wirklichkeit. Die großzügige Bereitstellung des Baugrundstücks hat dies möglich gemacht. Ihnen, Herr Gouverneur, und allen, die dazu beigetragen haben, daß mit dem Bau der Humboldt-Schule heute begonnen werden kann, spreche ich meinen Dank und meine Anerkennung aus. Sie alle haben mit Ihrem Engagement - ich nenne hier ausdrücklich auch den Schulverein - eine großartige Leistung vollbracht.

Meine Damen und Herren, wir stehen heute hier noch auf einer grünen Wiese. Man braucht aber nur wenig Phantasie, um sich die neuen Schul- und Sportanlagen vorzustellen, die hier entstehen werden. Viele junge Menschen - Mexikaner und Deutsche - werden künftig hier zur Schule gehen. Sie werden hier ihr Rüstzeug fürs Leben mitbekommen. Sie werden sich aber auch - wie der Namensgeber der Schule vor bald 200 Jahren - im übertragenen Sinne auf "Entdeckungsreise" begeben können. Gemeinsam mit ihren Mitschülern werden sie die jeweils andere Sprache erlernen und viel über beide Länder und ihre Kulturen erfahren. Deutsche und Mexikaner werden sich hier schon in jungen Jahren begegnen, sich kennen- und verstehenlernen und Freundschaft schließen.

Die neue Humboldt-Schule wird damit einen wertvollen, unschätzbaren Beitrag für die Freundschaft zwischen unseren beiden Ländern leisten. Die Bundesregierung wird sie darin unterstützen. Unsere Auslandsschulen sind und bleiben eines unserer ältesten und wichtigsten Instrumente der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik. Auch in Zeiten knapper finanzieller Mittel muß und wird die Bundesregierung der Förderung deutscher Auslandsschulen einen hohen Stellenwert beimessen.

Meine Damen und Herren, mit meinem Besuch in Ihrem Land, möchte ich ein Zeichen setzen. Ein Zeichen für die Verbundenheit unserer Völker und für den festen Willen, unsere gemeinsame Freundschaft zu pflegen und zu vertiefen. Ich wünsche allen Anwesenden, vor allem aber auch den Schülern und Lehrern, die künftig an der neuen Humboldt-Schule miteinander und voneinander lernen werden, alles Gute und für ihren persönlichen Lebensweg Glück und Erfolg.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 80. 11. Oktober 1996.