2. November 1996
Rede anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Keio Universität in Tokio


Herr Universitätspräsident,

meine verehrten Damen und Herren Professoren,

Exzellenzen, meine Damen und Herren

und vor allem: liebe Studentinnen und Studenten,

ich freue mich, heute bei Ihnen zu sein. Die Ehrendoktorwürde dieser Universität empfinde ich als besondere Auszeichnung. Sie steht für die enge Freundschaft unserer beiden Länder und Völker. Ich überbringe Ihnen die herzlichen Grüße der Deutschen.

Die Keio Universität gehört zu den angesehensten Ihres Landes. Viele bekannte und wichtige Männer und Frauen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft haben an dieser Hochschule studiert. Von Beginn an hat die Keio Universität den Austausch mit ausländischen Hochschulen - darunter sind auch mehrere deutsche Universitäten - gefördert und ausländische Wissenschaftler bei sich aufgenommen.

Ihre Hochschule steht für die Weltoffenheit der japanischen Gesellschaft. Sie steht zugleich für geistige Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Diese Tugenden sind Teil jenes Erfolges, der Japan nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer der großen Wirtschaftsnationen hat werden lassen.

Diese Entwicklung fiel nicht vom Himmel. Sie war vor allem auch das Werk des Fleißes, der Tatkraft, des Mutes und der Disziplin vieler Menschen hier. Innerhalb einer Generation wurde ein großartiges Aufbauwerk geleistet. Ich sage das hier deswegen auch mit großem Respekt, weil ich selbst den Aufbau in unserem Land nach dem Krieg miterlebt habe. All dies konnte hier in Japan aber letztlich nur geschehen, weil das Gemeinwesen hier in festen Traditionen wurzelt.

Aber die Menschen in Japan blicken nicht nur auf das eigene Land. Von ganz zentraler Bedeutung war und ist das Interesse vieler Japaner für das Ausland. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehören die Japaner zu den reisefreudigsten Völkern der Welt - übrigens eine Eigenschaft, die sie mit den Deutschen teilen! Ich weiß nicht, welches unserer Länder in diesem Jahr durch mehr Touristen in der Welt vertreten war. Aber ich würde sagen, im olympischen Maßstab stehen Japaner und Deutsche ganz oben auf dem Treppchen.

Viele japanische Studenten studieren außerhalb ihres Landes - viele in Nordamerika, leider weniger in Europa und auch bei uns in Deutschland. Deswegen habe ich bei diesem Besuch mit Ihrem Ministerpräsidenten vereinbart, daß wir die Beziehungen zwischen unseren Ländern mit einer neuen Dynamik versehen wollen und ihnen im Bereich der Wirtschaft, der Wissenschaft, im kulturellen Bereich und nicht zuletzt im Jugendaustausch eine neue Qualität verleihen wollen.

Ich hoffe darauf, daß auch aus dieser Universität in den nächsten Jahren und Jahrzehnten möglichst eine größere Zahl von Studenten den Weg nach Deutschland findet. Ich könnte mir vorstellen, daß sich auch meine Heimatuniversität Heidelberg oder Ihre Partneruniversität München und die Technische Hochschule in Aachen freuen, wenn sich in diesem Sinne die Dinge noch günstiger entwickeln.

Japan hat es stets verstanden, das zunächst Fremde, das "Neue", in sich aufzunehmen, ohne die feste Verbundenheit mit der eigenen Tradition, Geschichte und Kultur aufzugeben. Schon früh entstand eine enge Freundschaft zwischen unseren Völkern, die von gegenseitiger Anerkennung und von großem Respekt getragen ist. Gerade auch der kulturelle Austausch hat uns - Deutsche und Japaner - bereichert. Bis heute ist der Einfluß des Deutschen in Rechtswissenschaft, Philosophie und auch in der Medizin spürbar.

Wer je als Deutscher nach Japan gekommen ist, hat unmittelbar empfunden, welch einen Einfluß hier europäische und vor allem auch deutsche Musik ausübt, wie viel von den Werken Bachs, Beethovens und Mozarts bekannt ist. Heute gehört ihre Musik zum festen Bestandteil des japanischen Kulturlebens. Japanische Musikkünstler sind - auch bei uns in Deutschland - aus dem Bereich der klassischen Orchester- und Kammermusik nicht mehr wegzudenken.

Die Werke deutscher Schriftsteller wie Hermann Hesse und Thomas Mann erscheinen hier in Japan in immer neuen Auflagen. Diese Universität hat kürzlich eine der wenigen noch erhaltenen Gutenberg-Bibeln erworben. Auch dies ist ein Zeichen des großen Interesses an deutscher Kultur.

Auch die japanische Kunst und Kultur erfreut sich bei uns in Deutschland wachsender Beliebtheit. Ich nenne hier nur die Werke von Kawabata Yasunari oder von Oé Kenzaburo. Der japanische Film hat bei uns ein treues und großes Publikum. Japanische Malerei und Kalligraphie, Tuschmalerei und Keramik haben bei uns hohe Wertschätzung gefunden. Die Gartenbauarchitektur Ihres Landes und die Kunst des "Bonsai" werden bei uns bewundert und zum Teil nachgeahmt.

Die Bedeutung dieser Begegnungen mit dem anderen Land, mit seinen Menschen und seiner Kultur kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir wollen und müssen uns daher bemühen, hier noch mehr als bisher zu tun. Die Arbeit der japanischen Kulturinstitute und der Goethe-Institute in unseren Ländern leistet einen wertvollen Beitrag für das bessere Kennenlernen und das Verständnis unserer beiden Länder untereinander.

Das Studienfach Japanologie erfreut sich an unseren Universitäten einer großen Nachfrage. Die Germanistik kann hier in Japan auf eine hundertjährige Tradition zurückblicken. Viele japanisch-deutsche Gesellschaften fördern durch ihren - oft ehrenamtlichen - Einsatz unsere kulturellen Beziehungen.

Meine Damen und Herren, unsere beiden Länder sind wirtschaftlich eng miteinander verflochten. Deutschland ist Japans wichtigster Handelspartner in Europa und damit in der Europäischen Union. Japan - der drittgrößte Binnenmarkt der Welt - ist Deutschlands bedeutendster Handelspartner in Ostasien. Ich halte daher vielfältige Kontakte zwischen deutschen und japanischen Firmen für außerordentlich nützlich.

Um die Kontakte zwischen Deutschland und Japan zu intensivieren, haben Ihr damaliger Premierminister Miyazawa und ich 1993 den deutsch-japanischen Kooperationsrat für Hochtechnologie und Umwelttechnik ins Leben gerufen. Ich freue mich über die guten Projekte und Fortschritte - etwa im Bereich der Nutzung der Solarenergie -, die wir hier bereits gemeinsam gemacht haben. Auch die Arbeit des Deutsch-Japanischen Gesprächsforums ist ein wichtiger Schritt für eine weitere Intensivierung unserer Beziehungen - vor allem in den Bereichen von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft.

Herr Universitätspräsident, meine Damen und Herren, wir haben im vergangenen Jahr der Beendigung des Zweiten Weltkriegs vor 50 Jahren gedacht. 50 Jahre ist es am morgigen Tag her, daß die japanische Verfassung proklamiert wurde.

Deutschland und Japan empfinden - nicht zuletzt vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen geschichtlichen Erfahrung - eine besondere Verantwortung für den Frieden in der Welt. Ich habe das sehr empfunden, als Sie eben in Ihrer Begrüßungsansprache das Thema Frieden in den Mittelpunkt Ihrer Überlegungen stellten. Gerade unsere jüngere Geschichte gebietet es, daß wir - gemeinsam mit unseren Partnern und Freunden in der Welt - unseren Beitrag dafür leisten, daß Frieden und Freiheit, Menschenrechte und Demokratie weltweit eine Chance haben. Unsere beiden Länder übernehmen hier zunehmend Verantwortung.

Wir sind froh darüber, in Japan einen so guten und zuverlässigen Partner und Freund zu haben. Gemeinsam leisten wir in der Weltgemeinschaft unseren Beitrag dafür, die großen Zukunftsaufgaben zu lösen. Ich nenne die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, den Kampf gegen die internationale Kriminalität, gegen den Drogenhandel und die Bewahrung unserer Umwelt, des Schatzes der Natur, für uns und für kommende Generationen. Denn ich bin zutiefst davon überzeugt, daß wir, die jetzt lebende Generation, die moralische Pflicht haben, das, was uns treuhänderisch für die Spanne unseres Lebens an Wäldern, an Ozeanen und Flüssen anvertraut ist, im bestmöglichen Zustand an nächste Generationen weiterzugeben.

Im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern nehmen Japan und Deutschland ihre Verantwortung seit langer Zeit wahr. Auch dies ist eine moralische Verpflichtung. Ich habe noch eine sehr konkrete Erinnerung daran, was es bedeutet hat, daß wir als junge Leute, als Schüler über Nacht im Krieg halb verhungert waren und Hilfe bekamen, die uns das Überleben gesichert hat. Deutschland wie auch Japan gehören heute bei all ihren Sorgen - und diese haben wir auch - zu den reichsten Ländern der Welt. Ich denke, es ist mehr als nur eine moralische Pflicht, daß wir aus unseren Möglichkeiten heraus auch anderen, die sich selbst nicht helfen können, helfen.

Deutschland und Japan haben zudem ein elementares Interesse daran, wirtschaftliches Wachstum weltweit zu fördern und den freien Welthandel gegen alle protektionistischen Versuchungen zu verteidigen. Deswegen sage ich auch, wenn wir jetzt das Haus Europa bauen, wird es keine Festung Europa sein.

Es ist nicht Sinn unserer Politik, die nationalen Grenzen in Europa abzubauen, um dann aus diesem Europa heraus neue Grenzen zu bauen. Wir wollen den freien Welthandel. Wir wollen die offene Konkurrenz. Wir wollen, daß Fenster und Tore geöffnet sind und frische Luft hereinkommt, weil frische Luft nicht nur für den einzelnen und seine Gesundheit wichtig ist, sondern auch für das Leben und die wirtschaftliche Existenz unserer Völker.

Im Zeitalter der Globalisierung, der weltumspannenden modernen Informationstechnik und der Internationalisierung von Produktionsstandorten haben Konfrontation, aber auch Isolation keinen Platz mehr. Dies gilt nicht nur für den wirtschaftlichen Bereich. Jedes Land sollte die Zusammenarbeit mit anderen suchen und auf Machtdemonstrationen verzichten.

Meine Damen und Herren, vor wenigen Wochen haben wir Deutsche der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes gedacht. Seit nunmehr sechs Jahren leben wir in Frieden und Freiheit wieder in einem gemeinsamen Staat. Es ist ein Geschenk, und ich empfinde es jeden Tag neu als Geschenk, daß wir ohne Krieg und ohne Blutvergießen und mit Zustimmung all unserer Nachbarn unsere Einheit erhalten haben. Das ist ein Grund zu Freude und Dankbarkeit. Sie wäre nie ohne die Hilfe und Unterstützung vieler unserer Partner und Freunde im Ausland verwirklicht worden.

Das japanische Volk hat die deutsche Wiedervereinigung mit tiefer Sympathie begleitet. Alle japanischen Regierungen haben uns in dieser nationalen Schicksalsfrage stets unterstützt. Dafür sind und bleiben wir dankbar.

Meine Damen und Herren, Konrad Adenauer hat einmal - bereits in den frühen Jahren seiner Regierung - den Satz geprägt, daß Deutsche Einheit und europäische Einigung wie zwei Seiten derselben Medaille seien. Dieser Satz ist zu einem Leitmotiv deutscher Politik geworden.

Am Ende dieses Jahrhunderts - vier Jahre vor der Jahrtausendwende - blicken unsere beiden Völker zurück. Wir erinnern uns an das unermeßliche Leid und die Zerstörung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Unsere beiden Völker haben aber auch erlebt, wie aus Feindschaft und bitterem Haß Begegnung, Verständigung und Freundschaft erwuchsen. So wurden in Europa aus sogenannten Erbfeinden nach Jahrhunderten kriegerischer Auseinandersetzungen enge Freunde.

Für mich ist das das Wunderbarste an der europäischen Einigung. Sie ist vor allem das großartige Friedenswerk jener Männer und Frauen, die auf den Trümmern der Vergangenheit und mit der Erinnerung an die Zeit der Nazi-Barbarei ein neues, ein besseres Europa aufbauten.

Es sollte und soll ein Europa sein, in dem junge Menschen nie wieder in den Krieg ziehen müssen und nie wieder gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Wir haben seitdem gemeinsam einen weiten Weg zurückgelegt. Einen Weg, von dem unsere Eltern und Großeltern nicht einmal zu träumen wagten. Heute bauen wir das Haus Europa. Wir wollen dafür sorgen, daß Meinungsverschiedenheiten, die es - wie im privaten Leben auch - immer geben wird, auch künftig und für alle Zeit gemeinsam und nicht in kriegerischer Auseinandersetzung gelöst werden. Manche sagen angesichts der ständigen weltweiten Konflikte und Spannungen, daß diese Gefahr für Europa sehr gering sei. Die schrecklichen Bilder vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien haben uns in bestürzender Weise gezeigt, daß dies nicht so ist.

Wir wollen und müssen daher den Bau des Hauses Europa unumkehrbar machen. Das ist, gerade für uns Deutsche und auch für mich persönlich, die große Zukunftsaufgabe.

Unser Land lebt - wie Japan auch - vom Handel und vom wirtschaftlichen Austausch. Um so wichtiger ist es, daß die Prinzipien des freien Welthandels in möglichst vielen Ländern verwirklicht werden. Ich begrüße die zunehmende Entwicklung hin zu regionaler Zusammenarbeit und zu einer möglichst engen Verflechtung der großen Wirtschaftsregionen der Welt. Im asiatisch-pazifischen Raum, aber auch in der transatlantischen Hemisphäre zeichnet sich dies bereits deutlich ab. Ich hoffe, wir werden in den nächsten Jahren diesen Weg konsequent weitergehen.

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns alle gemeinsam jetzt unsere Kräfte bündeln und handeln - für eine Welt, in der mehr Freiheit herrscht, der Frieden sicherer ist und soziale Gerechtigkeit und Wohlstand dem einzelnen und seiner Familie einen guten Lebensweg sichern. Alle diese Ziele, alle unseren gemeinsamen Vorhaben dienen vor allem einem Zweck: Wir wollen den jungen Menschen in unseren Ländern und auf dieser Welt eine gute Zukunft sichern. Deswegen möchte ich jetzt ein Wort an die Studentinnen und Studenten dieser Universität richten:

Sie sind die Hoffnung und die Zukunft Ihres Landes. Alles, was jetzt geschieht und entschieden wird, wird Ihre Zukunft bestimmen und prägen. Diese Tatsache ist für all jene, die jetzt in politischer Verantwortung stehen, eine große Herausforderung. Ihr Leben wird Sie weit hineinführen in das 21. Jahrhundert. Es wird nicht immer leicht sein, auch das ist wahr. Die Sorgen des Alltags werden auch in Zukunft nicht kleiner sein. Sie werden Höhen und Tiefen, Siege und Niederlagen erleben. Das gehört zum Leben.

Aber Sie stehen heute am Ende dieses Jahrhunderts, das so schwierig und leidvoll für viele Menschen war, vor Chancen und Möglichkeiten, wie sie junge Menschen noch nie hatten. Sie gehören einer Generation an, die zum ersten Mal die Chance hat, keinen Krieg mehr erleben zu müssen. Wer weiß, daß dieses Gebäude, diese Häuser und diese Universität vor über 50 Jahren zerstört wurden, der weiß auch, welch ein Glück es ist, in einer friedlicheren Zeit zu leben.

Nutzen Sie die Chance! Nehmen Sie das Leben fest in Ihre Hände und machen Sie etwas daraus. Gehen Sie hinaus in die Welt und leisten Sie gemeinsam mit Ihren Mitmenschen, mit Ihren Nachbarn und Freunden - in Asien, in Europa und überall auf der Welt - Ihren ganz persönlichen Beitrag für eine gute Zukunft - für Ihre Angehörigen und Familien, aber auch für Ihr Land Japan.

Aus der ältesten japanischen Lyrikanthologie - dem Manyoshu - ist uns ein Gedicht von Kaiser Tenchi überliefert, das mir gut gefällt. Es beschreibt diesen Aufbruchsgeist mit den folgenden Worten:

In jedem Boden ist Reichtum genug, der Früchte tragen kann. Senke nur tief in ihn deiner Taten Pflug, denke nur immer daran: Soweit über die Erde reicht der Sonne Flug, bewährt sich allein der, der sät und handelt - der schaffen kann!

Ich wünsche Ihnen, daß Sie säen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie schaffen können. Ich wünsche Ihnen allen, den Lehrenden und den Lernenden dieser Universität und allen Menschen hier in Japan, viel Erfolg, Gesundheit und Glück für den persönlichen Lebensweg. Lang lebe die deutsch-japanische Freundschaft! Lang lebe Japan!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 95. 25. November 1996.