19. April 1997
Rede bei der Gedenkfeier anlässlich des 30. Todestages Konrad Adenauers, des ersten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, in Bad Honnef


Sehr geehrte Frau Bundestagspräsidentin,
liebe Frau Dr. Wilms,
Herr Ministerpräsident, Herr Bürgermeister,
meine Damen und Herren Abgeordneten,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren
und vor allem: liebe Familie Adenauer!

Dies ist die Stunde Konrad Adenauers! Hier, in seiner Heimatstadt, gedenken wir heute des dreißigsten Todestages des Gründervaters und ersten Bundeskanzlers unserer Republik.

Viele hier in diesem Saal haben ihn noch gekannt; einige standen ihm sehr nahe. Vor allem die Familienangehörigen bewegen in dieser Stunde sehr persönliche Erinnerungen - die auch in diese Gedenkfeier gehören. Seine Familie hat ihn ja nicht nur auf seinem Weg begleitet, sie hat die Bürde des Amtes mit ihm getragen, manchmal sicherlich auch ertragen - ich kann das aus persönlicher Erfahrung sagen. Deswegen gilt mein besonderer Gruß Ihnen, liebe Familie Adenauer.

Unter uns sind viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die ihm begegnet sind, wenn er morgens ins Büro fuhr oder sonntags in die Kirche ging, die erlebt haben, wie er sich mit den Menschen unterhielt, auch mit dem einen oder anderen stritt - das gehört dazu. Hier an diesem Ort hat er Heimat gefunden. Ich sehe weiter hier im Saal enge Wegbegleiter Konrad Adenauers, die an seiner Seite Politik gestalteten - und ich denke in diesem Augenblick auch an jene, die heute nicht mehr unter uns sind und ohne deren Rat und tatkräftiges Mitwirken er seinen Weg so nicht hätte gehen können.

Wer sich am heutigen Tag die Reden und Gespräche anhört, wer die Gelegenheit hatte - so wie ich -, einen ersten Blick auf die neugestaltete Ausstellung zu werfen, der gewinnt den Eindruck, als sei Konrad Adenauer erst gestern von uns gegangen: Sein Bild steht lebendig vor uns. Und doch: Dreißig Jahre sind eine lange Zeit. Sie können das Werk eines Staatsmannes glanzvoll bestätigen. Sie können aber auch ausreichen, um es weitgehend zu zerstören.

Dreißig Jahre nach dem Tod Otto von Bismarcks, im Jahr 1928, existierte das Kaiserreich nicht mehr, das er mit großer Kraft und Entschiedenheit geschmiedet hatte. Das kunstvolle außenpolitische Geflecht, mit dem er dem Deutschen Reich in seiner prekären Mittellage den Frieden sichern wollte, war längst zerrissen - nicht zuletzt durch die Kurzsichtigkeit und die geistige Enge einer anderen Generation. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren und näherte sich dem Abgrund einer totalitären Diktatur, die den Zweiten Weltkrieg entfesseln sollte.

Welch ein Unterschied, wenn wir heute an das Leben und Wirken Konrad Adenauers erinnern! Man kann es so sagen: Dreißig Jahre nach seinem Tod ist er auf eine beispiellose Weise gegenwärtig. Was er schuf - natürlich nicht allein, sondern gemeinsam mit vielen Männern und Frauen dieser großartigen Gründergeneration -, hat Bestand. Es hat in jener Zeit die Gegenwart geprägt, und es hat uns allen Zukunft geschenkt.

Die Demokratie, in der wir Deutschen heute in gemeinsamer Freiheit zusammenleben, ruht auf einem Fundament, das Konrad Adenauer mitgeschaffen, ja, maßgeblich geformt hat. Das Grundgesetz, unter seinem Vorsitz im Parlamentarischen Rat formuliert, hat sich über Jahrzehnte hinweg hervorragend bewährt; es hat sich allen neuen Entwicklungen gewachsen gezeigt und trägt heute - mit wenigen Änderungen - zuverlässig das vereinte Deutschland. Es ist im übrigen lohnend, heute einmal die Vorhersagen manch kluger Zeitgenossen aus den Jahren 1948/49 über die Zukunft des Grundgesetzes nachzulesen: Fast alle haben sich getäuscht. Das ist für uns heute im Blick auf manche Prognosen Anlaß zur Hoffnung.

Schließlich das Haus Europa, an dem wir arbeiten: Es entsteht nach dem Bauplan, den Konrad Adenauer gemeinsam mit seinen europäischen Partnern gezeichnet hat; gemeinsam mit ihnen schuf er auch Grundmauern und tragende Säulen.

Konrad Adenauer war zeit seines Lebens ein eher skeptischer Mann. Auch kurz vor seinem Tod trieben ihn Ängste und Sorgen um, wie es mit Deutschland weitergehen würde. Dabei war gerade er es, der der Bundesrepublik Deutschland zu ihrer bewunderten Stabilität verhalf. Viele großartige Männer und Frauen wirkten mit, unser Gemeinwesen auszugestalten; aber Adenauer war es, der ganz wesentlich die Maßstäbe setzte und die Richtung wies. Er befestigte das junge Staatswesen nach innen und außen.

Diese Stabilität der deutschen Demokratie begründet und gesichert zu haben ist ohne Zweifel eine der größten staatspolitischen Leistungen Konrad Adenauers. Sie ist wohl nirgendwo eindrucksvoller gewürdigt worden als in dem Brief, den Carl Jacob Burckhardt wenige Tage nach Adenauers Tod an Carl Zuckmayer schrieb. Darin heißt es über den ersten Bundeskanzler: "Die Grundgefahr demokratischer Staatsform, entweder in Anarchie zu versinken oder zur Diktatur zu führen, hat er dadurch überwunden, daß er die Staatsautorität an ihren richtigen Platz stellte und sie durch seine mächtige Persönlichkeit, von Erfolg zu Erfolg, rechtfertigte. In einem Chaos unfruchtbarer theoretischer Erörterungen hat er, dem nachgerade seltensten, dem gesunden Menschenverstand zum Sieg verholfen. Daß sein Denken, sein Instinkt, sein Handeln sich zu vollster Einheit zusammenfanden, hat das schon seit so langer Zeit verschwundene Vertrauen der Welt Deutschland gegenüber wiederhergestellt, und zwar in erstaunlich kurzer Zeit." Ich glaube, man kann es nicht besser formulieren als Carl Jacob Burckhardt.

Erstaunlich war dies alles tatsächlich - wie sehr, läßt sich nur ermessen, wenn man die Ausgangslage betrachtet. Deutschland war nach dem Ende von Krieg und Diktatur ein Land in Schutt und Asche, besetzt und geteilt, tief erschüttert von der politischen und moralischen Katastrophe der nationalsozialistischen Terrorherrschaft. Millionen von Menschen litten Hunger und Not, viele suchten nach Angehörigen, unzählige hatten ihre Heimat verloren.

In wenigen Wochen werde ich die Ehre haben, in Washington aus Anlaß des 50. Jahrestages der Verkündung des Marshall-Plans eine Ansprache zu halten. Ich werde auch bei dieser Gelegenheit daran erinnern, was es damals für eine Zeit war. Weihnachten 1947 gab es in Deutschland die meisten Selbstmorde in der jüngeren deutschen Geschichte. Ein Gefühl der Aussichtslosigkeit, des Verlustes von Orientierung und Zukunftsperspektive war bei vielen spürbar.

Es war eine schwere Entscheidung, in einer solch verzweifelten Situation Verantwortung zu übernehmen. Viele haben es gleichwohl getan, ihnen gebühren in besonderer Weise unsere Bewunderung und unser Dank. Sie stellten sich einer gewaltigen Aufgabe - und leisteten schier Übermenschliches. Konrad Adenauer zählte zu jenen, die sich von Anfang an in der Pflicht sahen. Mit diesem Begriff "sich in der Pflicht sehen" verbindet sich eine Einstellung, die auch heute nichts Altmodisches hat. Sie ist für mich im Gegenteil die Voraussetzung für das Miteinander und die Zukunft eines Volkes. Konrad Adenauer machte sich mit einer Beharrlichkeit und Unerschrockenheit ans Werk, die sich aus einem tiefen Glauben speisten.

"Das Wichtigste ist der Mut". Dieses Zitat hat Anneliese Poppinga als Titel eines ihrer Bücher gewählt. Der Satz hat sich mir besonders eingeprägt - beschreibt er doch ganz knapp, was eigentlich immer, vor allem aber in Zeiten großer Umbrüche von der Politik gefordert ist. Wer vor der Größe der Herausforderungen verzagt, hat die Zukunft schon verspielt. Wer vor Schwierigkeiten und Widerständen zurückschreckt, versagt vor seiner Verantwortung. Es gilt, das als richtig Erkannte entschlossen durchzusetzen - und dabei auch den Mut zu haben, neue Wege zu gehen. Konrad Adenauer hat diesen Mut gehabt. Er war im besten Sinne des Wortes wertkonservativ. Er wußte, daß es wichtig ist, zu erhalten, was sich bewährt hat - auch wenn die Moden des Tages dagegen stehen. Er wußte aber ebenso, daß dies allein zu wenig ist. Es kommt auch darauf an, zu verändern, was sich nicht bewährt hat. Insofern war er zugleich ein Neuerer.

Für ihn war das gar kein Widerspruch. Viele der tiefgreifenden Veränderungen, die er in der deutschen Politik bewirkte, dienten aus seiner Sicht ja gerade dem Ziel, Deutschland wieder dauerhaft gültigen, christlich fundierten Werten zu verpflichten. Aus diesem Grund engagierte er sich in einer Partei, die für einen wirklichen Neuanfang stand - und die zugleich das "C" des christlichen Verständnisses vom Menschen zu ihrem Leitbild erhob. Konrad Adenauer wollte nicht zurück in den "Zentrums-Turm". Er strebte schon lange vor dem "aggiornamento" von Papst Johannes XXIII. an, daß katholische und evangelische Christen zusammenarbeiten und gemeinsam politische Verantwortung wahrnahmen. Aus diesem Geist entstand etwas völlig Neues in der deutschen Parteienlandschaft: die Union als eine Volkspartei, in der - auf einer gemeinsamen Wertgrundlage - Menschen aus den unterschiedlichsten Gruppen und Schichten, aus den verschiedenen Konfessionen und aus allen Regionen unseres Landes zu gemeinsamem Handeln zusammenfinden. Das ist und bleibt der Kern des Unionsgedankens.

Als erster Vorsitzender der bundesweiten CDU prägte Konrad Adenauer die neue Partei, und er trug entscheidend dazu bei, daß aus dem Experiment - als solches verstanden es ja viele - ein überragender Erfolg werden konnte: die stärkste politische Kraft in Deutschland. Neue Wege beschritt Konrad Adenauer auch, indem er Ludwig Erhards Konzept der Sozialen Marktwirtschaft unterstützte. Dieses wirtschafts- und gesellschaftspolitische Modell ist natürlich untrennbar mit dem Namen Ludwig Erhards verbunden - und zu Recht trägt Erhard den Ehrentitel "Vater der Sozialen Marktwirtschaft". Erst vor wenigen Monaten haben wir den 100. Geburtstag von Ludwig Erhard zum Anlaß genommen, seine überragenden Verdienste um die Entwicklung unseres Gemeinwesens angemessen zu würdigen. Aber es gilt, bei allem, was es auch an Kontroversen zwischen beiden gab: Der Erfolg Ludwig Erhards ist ohne Konrad Adenauer nicht denkbar - und umgekehrt. Konrad Adenauer trug dazu bei, Ludwig Erhard den Weg zu ebnen; er half, dessen Ideen zunächst in der Union und vor allem im Bundestagswahlkampf 1949 durchzusetzen.

Eine Wertentscheidung war auch dies - in der Sozialen Marktwirtschaft erblickte Konrad Adenauer das Ordnungsmodell, das seinem Verständnis von Freiheit und Verantwortung sowie seinem Bild vom Menschen am ehesten entsprach. Ich habe den Eindruck, daß diese Sichtweise in der heutigen Diskussion viel zu wenig zum Tragen kommt. Die Soziale Marktwirtschaft ist vor allem anderen eine wertgebundene Ordnung. Sie ist der Freiheit verpflichtet, der Freiheit des einzelnen Menschen, der zur Eigenverantwortung befähigt und berufen ist, der zugleich aufgefordert ist, das Gemeinwohl im Blick zu haben. Das heißt auch: Es geht nicht nur um den ökonomischen Erfolg - so wichtig dieser ist -, es geht immer auch darum, an jene zu denken, die die Solidarität der Gemeinschaft brauchen.

Die Wertentscheidung, die das Gesicht Europas am nachhaltigsten veränderte, war Adenauers Neuorientierung der deutschen Außenpolitik. Im Blick auf die Geschichte der vergangenen 200 Jahre war es eine Veränderung von revolutionärer Tragweite. Adenauer brach radikal mit den unseligen Traditionen einer deutschen Schaukelpolitik zwischen Ost und West. Er führte Deutschland auf einen neuen Kurs - Richtung Westen - und verankerte die Bundesrepublik Deutschland unverrückbar an der Seite der freiheitlichen Demokratien.

Genau so verstand Adenauer die außenpolitische Grundentscheidung: "Westbindung" war für ihn ein Begriff, der sich eher zufällig mit den geographischen Gegebenheiten deckte - unter den Bedingungen des geteilten Europas. In erster Linie verstand er unter dem "Westen" die Werte- und Kulturgemeinschaft der demokratischen Staaten, geprägt von den christlich-abendländischen Traditionen Europas, angeführt von den Vereinigten Staaten von Amerika. Adenauer wollte, daß Deutschland dort seinen festen Platz einnahm, wo es nach seiner Auffassung hingehörte - an der Seite jener Staaten, die sich zur Freiheit, zur Menschenwürde und zur Achtung des Rechts bekannten. Deutschland hat diesen Platz gefunden - und wir wollen und werden ihn nie wieder verlassen. Die Westbindung - so verstanden - gehört zum Selbstverständnis auch des vereinten Deutschlands - sie steht nicht zur Disposition.

Allerdings bezeichnet der Begriff "Westbindung" anders als früher keine Trennlinien mehr. Die ehemals kommunistisch regierten Völker in Mittel- und Osteuropa verstehen sich heute - und zu Recht - als Teil der westlichen Werte- und Kulturgemeinschaft. Es wird hohe Zeit, daß dies auch alle bei uns so verstehen und daß wir Konsequenzen daraus ziehen - bis in unsere Sprache hinein. Wir dürfen eben nicht zulassen, daß man gedankenlos davon spricht, Krakau liege in Osteuropa. Diese Länder sind ein integraler Bestandteil Europas, und auch alle unsere Partner im Westen Deutschlands müssen verstehen, daß Mittelmeer wie Ostsee europäische Meere sind. In diesem Sinne sind auch die Staaten östlich von uns politisch auf dem Weg nach Westen. Nichts anderes hat beispielsweise Václav Havel gemeint, als er während der Umbrüche der Jahre 1989/90 von einer "Heimkehr nach Europa" sprach.

Für Deutschland - zunächst für einen Teil, später für das ganze Deutschland - begann mit der Politik der Westbindung eine der glücklichsten Perioden, vielleicht sogar die glücklichste Periode der deutschen Geschichte. Wir haben alle Chancen, daß dies so bleibt, wenn wir an der Schwelle zum 21. Jahrhundert die richtigen Entscheidungen treffen.

Nur durch die unbeirrte Politik der Westbindung - verbunden mit persönlicher Integrität und Glaubwürdigkeit - konnte Adenauer das Vertrauen der westlichen Demokratien gewinnen. Die Westbindung war die Voraussetzung dafür, Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied in den Kreis der Staatengemeinschaft zurückzuführen. Sie schuf den Rahmen für die Sicherung von Frieden und Freiheit, für die Politik der Europäischen Einigung, für die Verständigung und Aussöhnung mit Frankreich.

Besonders dieses Friedenswerk wird auf alle Zeit mit dem Namen Konrad Adenauers - und dem seiner französischen Partner, allen voran Robert Schuman, Jean Monnet und Charles de Gaulle - verbunden bleiben. Die Freundschaft mit Frankreich ist für viele in unserem Land so selbstverständlich geworden, daß sie fast nicht mehr darüber sprechen, geschweige darüber nachdenken. Dabei kann man gar nicht oft genug sagen: Die Freundschaft mit Frankreich ist eines der kostbarsten Güter, das wir Deutschen besitzen; sie zu bewahren und zu pflegen bleibt eine der besten Möglichkeiten, Konrad Adenauer unseren Dank abzustatten.

Wenn wir über Adenauers Friedenswerk sprechen, dann gehören in dieses Bild auch noch andere Beispiele. Bereits in seiner ersten Regierungserklärung nach seiner Wahl zum Bundeskanzler 1949 hat er seine wichtigsten außenpolitischen Ziele formuliert. Darin findet sich etwa die Erkenntnis, daß ein sich einigendes Europa auf Dauer eine feste Partnerschaft und Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika eingehen muß. Ich rate Ihnen: Schauen Sie sich die neugestaltete Ausstellung an. Wenn Sie dort die sehr persönlichen Bilder sehen, auf denen Konrad Adenauer und John Foster Dulles gemeinsam abgebildet sind, dann können Sie förmlich spüren, was Adenauer in dieser Hinsicht bewirkt hat - und was bewahrt werden muß.

Ich will ein weiteres Beispiel nennen: die Verständigung mit Israel und die Aussöhnung mit den Juden, denen in deutschem Namen und von deutscher Hand so Entsetzliches angetan wurde. Adenauer hat klarer und früher als andere gesehen, daß wir Deutschen diese schreckliche Barbarei nicht wiedergutmachen können. Er hoffte aber darauf, daß eine Hand ausgestreckt würde, die wir ergreifen konnten. So ist es geschehen: David Ben Gurion hat die Hand ausgestreckt. So zählt auch die besondere Beziehung mit Israel zu den ganz wichtigen Verpflichtungen, die uns Konrad Adenauer hinterlassen hat.

In seiner ersten Regierungserklärung sprach Adenauer auch von den Beziehungen zu Polen. Heute sind wir Deutschen - jetzt in der Diskussion um die NATO-Erweiterung und ab dem Beginn kommenden Jahres auch in den Verhandlungen über die Erweiterung der Europäischen Union - die Hauptfürsprecher, ja, man kann sagen: die Vorkämpfer für den Beitritt Polens. Dies wird in Polen so gesehen. Auch in dieser Hinsicht ist, was Adenauer erstrebt und worauf er hingearbeitet hat, auf einem guten Weg. Dafür können wir dankbar sein.

Schließlich die Wiedervereinigung: Ohne die konsequente Politik der Westbindung wäre sie nicht möglich geworden. Der Weg an die Seite der westlichen Demokratien war zugleich der einzige, auf dem sich die Teilung unseres Vaterlandes überwinden ließ. Jede andere Politik hätte in eine völlig andere Richtung geführt und mit Sicherheit nicht zu einer Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit.

Adenauer hat das gewußt - aber viele haben es nicht wahrhaben wollen. Adenauer wurde für seine Überzeugungen kritisiert, beschimpft, verleumdet, ihm wurde vorgeworfen, die Einheit Deutschlands nicht wirklich zu wollen. Er hat sich nicht beirren lassen. Adenauer selbst hätte sich wohl kaum als visionären Politiker bezeichnet - ich glaube, er hätte bei einem solchen Begriff gezögert. Und doch war er einer. Seine Vision ist Realität geworden: Immer hat er daran geglaubt, daß die Chance der Einheit kommen würde, und er hat beharrlich darauf hingearbeitet.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Worte Konrad Adenauers auf dem CDU-Parteitag im März 1966 - Sie finden das Zitat auch in der Ausstellung. Ich war damals einer der Delegierten. Beschwörend rief er uns zu: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf: Eines Tages wird auch Sowjet-Rußland einsehen, daß diese Trennung Deutschlands und damit auch die Trennung Europas nicht zu seinem Vorteil ist. Wir müssen aufpassen, ob der Augenblick kommt. Aber wenn ein Augenblick naht oder sich zu nahen scheint, der eine günstige Gelegenheit bringt, dann dürfen wir ihn nicht ungenutzt lassen."

Der Augenblick kam - 24 Jahre später. Niemand konnte genau vorhersagen, wann er kommen würde - und auch nicht, wie lange er dauern würde. Heute wissen wir: Das Fenster der Geschichte stand nur für eine kurze Zeit offen. Aber - wie hat Konrad Adenauer gesagt: "... wenn ein Augenblick naht oder sich zu nahen scheint, der eine günstige Gelegenheit bringt, dann dürfen wir ihn nicht ungenutzt lassen." Wir haben ihn genutzt. Viele haben daran mitgewirkt - aber wir hätten es niemals geschafft, wenn wir nicht als unverbrüchlicher Teil der westlichen Wertegemeinschaft das Vertrauen und die Unterstützung unserer Partner und Freunde gehabt hätten, allen voran der USA unter Führung ihres Präsidenten George Bush. Wenn wir von der Wiedervereinigung sprechen - ich habe dies gerade vor wenigen Tagen beim Besuch des russischen Präsidenten Boris Jelzin getan - und dabei an die Weitsicht Michail Gorbatschows erinnern, dann gehört in dieses Bild immer und zuerst auch George Bush. Romano Guardini hat einmal gesagt: "Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens." Wenn wir dies vergessen würden - in der Politik wie im Privaten -, dann wären wir arme Menschen.

Konrad Adenauer hat für die Entwicklung zur Deutschen Einheit wichtige Grundlagen geschaffen. Er hat mit seiner Politik angelegt - und zwar ganz bewußt -, was am 3. Oktober 1990 seine Vollendung gefunden hat. Die Geschichte hat seine Kritiker widerlegt und Konrad Adenauer als das bestätigt, was er stets war: als großen Patrioten. Dieser Patriotismus bleibt für uns vorbildlich. Es ist nicht ein "Hurra-Patriotismus", es ist ein der Freiheit fest verpflichteter Patriotismus. Konrad Adenauer wußte, daß die Liebe zum Vaterland und die Liebe zur Freiheit in Deutschland nie wieder getrennte Wege gehen dürfen. Es war zugleich ein Patriotismus in europäischer Perspektive. Konrad Adenauer konnte sich ein vereintes Deutschland nicht anders vorstellen als in einem vereinten Europa integriert. "Ich bin Deutscher und bleibe Deutscher", so rief er schon 1946 in einer Grundsatzrede an der Kölner Universität, "aber" - so fügte er hinzu - "ich war auch immer Europäer und habe als solcher gefühlt."

In derselben Rede - einer bemerkenswerten Rede, die man sehr viel mehr zur Kenntnis nehmen sollte - führte Adenauer aus, daß - ich zitiere - "parallel laufende, gleichgeschaltete wirtschaftliche Interessen das gesündeste und dauerhafteste Fundament für gute politische Beziehungen zwischen den Völkern sind und immer bleiben werden". Wer für die Europäische Währungsunion und den Euro nach einer Begründung sucht - hier ist sie. Adenauer setzte hinzu: "Heute sind ganz andere Zukunftsmöglichkeiten für Westeuropa, für ganz Europa möglich ... ". Ich bin überzeugt: Die aktuelle Entwicklung der europäischen Politik, die Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion, die Vorbereitung der Politischen Union, die Erweiterung der Europäischen Union - all dies entspricht zutiefst dem Geist Konrad Adenauers.

Seine Politik der "wirtschaftlichen Verflechtung", wie er es nannte, war - ungeachtet ihrer ökonomischen Bedeutung - immer und zuerst Friedenspolitik. Sie war darauf ausgerichtet, einen Rückfall in nationalistische Rivalitäten, konfliktträchtige Gleichgewichtspolitik und gewalttätige Auseinandersetzungen unmöglich zu machen. Wir sollten das nie vergessen. Alles, was wir jetzt in der europäischen Politik anstreben - Währungsunion, gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, gemeinsame Bekämpfung der internationalen Kriminalität - steht letztlich im Zusammenhang mit dieser wichtigsten aller Aufgaben beim Bau des Hauses Europa: der Sicherung von Frieden und Freiheit.

Wir sollten niemals glauben, diese Aufgabe könnte sich irgendwann erledigen. In den vergangenen Jahren haben wir erleben müssen - ich denke an die Bilder aus dem ehemaligen Jugoslawien und jetzt aus Albanien -, daß die bösen Geister von Krieg und Gewalt nicht ausgestorben sind. Sie können immer wieder auftauchen. Deshalb bleibt es dabei: Das erste und wichtigste Ziel der europäischen Idee ist es, Frieden und Freiheit für die europäischen Völker zu sichern, nicht zuletzt für das deutsche Volk.

Genau um dieses Ziel geht es auch, wenn wir heute die Europäische Währungsunion verwirklichen. Der Euro, die gemeinsame europäische Währung, soll die Mitgliedstaaten der Europäischen Union als Schicksalsgemeinschaft noch enger zusammenbinden. Damit wird die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung auch für das 21. Jahrhundert gestärkt. So bleibt Konrad Adenauer für uns lebendig - in dem freiheitlichen Staat, in dem wir leben, in den Zielen, die wir anstreben, in der europäischen Vision, die wir zu vollenden suchen. Lebendig bleibt in unserer Erinnerung auch der Mensch. Dies allein ist schon ein Grund, die Ausstellung zu besuchen: diese hinreißenden Bilder von Konrad Adenauer. Wir sehen ihn vor uns:

den Charakterkopf, das markante Gesicht, die klugen, wachen Augen, der feine, manchmal spöttische Zug um den Mund, die jugendliche Frische, die seinem Alter zu spotten schien.

Kaum eine andere historische Figur ist auch als Persönlichkeit im Gedächtnis der Deutschen so präsent geblieben wie Konrad Adenauer. Das liegt natürlich vor allem an der Kraft und Faszination seiner Ausstrahlung. Gewiß hat es aber auch etwas mit dem Wirken derjenigen zu tun, die sein Andenken pflegen. Dafür will ich heute von Herzen Dank sagen - allen voran Ihnen, liebe Frau Dr. Wilms, und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus.

Die Stiftung leistet eine großartige Arbeit. Rings um das Wohnhaus Konrad Adenauers - dort, wo er im Kreis seiner Familie frische Kraft schöpfen konnte - wurde eine beispielhafte Gedenkstätte gestaltet. Zahlreichen Besuchergruppen wird Tag für Tag ein umfassender, anschaulicher, zugleich sehr menschlicher Eindruck von einer der größten Persönlichkeiten und einem der entscheidenden Abschnitte deutscher Geschichte vermittelt. Dieser Eindruck wird durch die Neugestaltung der Ausstellung sogar noch verstärkt. Ich wünsche mir, daß noch sehr viel mehr Besuchergruppen kommen, vor allem auch aus den neuen Ländern. Die Menschen in den neuen Ländern mußten ja über Jahrzehnte hinweg unter dem Eindruck einer Propaganda leben, die ein verfälschtes Bild dieses Mannes zeichnete. Jetzt haben sie die Chance, einen persönlichen Eindruck zu gewinnen, wenn sie die Ausstellung der Stiftung besuchen. Das Archiv und die daraus schöpfende "Rhöndorfer Ausgabe" bilden für Forscher aus aller Welt eine Fundgrube, die dazu beiträgt, unser Bild von Konrad Adenauer um immer wieder neue Facetten zu bereichern.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, gemeinsam sind wir dem Erbe Konrad Adenauers verpflichtet. Die Grundentscheidungen, die er traf, haben Bestand. Das Leben und Wirken dieser großen Persönlichkeit schlägt einen Bogen vom 19. bis ins 21. Jahrhundert hinein: Er war Oberbürgermeister bereits im kaiserlichen Deutschland, erlebte in bitteren Jahren die Barbarei der Nazis und übernahm dann Verantwortung für die neu entstandene Demokratie - in einem Alter, in dem viele Jüngere gesagt hätten, sie seien zu alt.

Dieser Mann hat Grundsteine gelegt und Wege gewiesen, die in eine gute Zukunft im 21. Jahrhundert führen. Er hatte zwei große Visionen: das vereinte Deutschland und das vereinte Europa. Wenn Sie im Bundeskanzleramt im Palais Schaumburg das wiederhergerichtete Arbeitszimmer Konrad Adenauers besuchen, dann sehen Sie dort auf dem Schreibtisch einige wenige Blätter: handschriftliche Notizen für seine Abschiedsrede im Deutschen Bundestag. Es ist jene Rede, auf die Eugen Gerstenmaler mit dem Satz antwortete: "Konrad Adenauer hat sich um das Vaterland verdient gemacht!" Auf den Manuskriptarbeiten im Palais Schaumburg können Sie sehen, wie er, mit seiner steilen Handschrift, seine beiden großen Visionen niedergeschrieben hat: das vereinte Europa und das vereinte Deutschland.

Das vereinte Deutschland haben wir erreicht - zumindest im staatsrechtlichen Sinn. Im Blick auf die innere Einheit bleibt natürlich noch viel zu tun. Die Deutschen haben sich in den Jahren der Teilung doch weiter auseinandergelebt, als viele - auch ich, dies räume ich ein - geglaubt hatten. Wir müssen jetzt mit ganzer Kraft und gutem Willen aufeinander zugehen. Wir müssen verstehen lernen, was die unterschiedlichen Lebensläufe bedeuten - je nachdem, ob man in Rhöndorf oder Frankfurt/Oder, in Ludwigshafen am Rhein oder in Leipzig gelebt hat. Es wird nicht einfach sein, die innere Einheit zu gestalten. Aber wir sollten nie vergessen, daß sich mit der Einheit Deutschlands eine großartige Chance verbindet. Es ist eine Chance, und es ist ein Geschenk. Dafür sollten wir dankbar sein.

Am Ende dieses Jahrhunderts haben wir eine weitere große Chance: für Adenauers zweite Vision zu arbeiten. Wir wollen das "Haus Europa" weiterbauen, das Dach festigen, so daß es auch Stürmen trotzen kann. Wir wollen, daß alle Völker Europas, die es wünschen, in diesem Haus einen Platz finden - und daß dort eine Hausordnung gilt, an die sich alle halten müssen. Sie soll dafür sorgen, daß alle Meinungsverschiedenheiten, Interessenkonflikte und Streitigkeiten immer nur friedlich und nie wieder kriegerisch ausgetragen werden. Indem wir daran arbeiten, nach der Wiedervereinigung auch diese zweite große Vision - die Vision des vereinten Europas - zu vollenden, erweisen wir Adenauers Leben und seinem Werk am besten unsere Reverenz und unsere Dankbarkeit. Dies ist für mich das Gebot dieser Stunde.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 34. 5. Mai 1997.