1. Mai 1997
Rede bei dem Abendessen, gegeben von Seiner Majestät Sultan Haji Hassanal Bolkiah im Palast Istana Nurul Izzah in Brunei


Majestät,

Königliche Hoheiten,

Exzellenzen,

meine sehr verehrten Damen und Herren,

für die Gastfreundschaft und den freundlichen Empfang, den Sie mir und meiner Delegation bereitet haben, danke ich Ihnen, Majestät, sehr herzlich. Ich bin besonders dankbar für das gute Gespräch, das wir heute hatten. Dabei haben wir in sehr freundschaftlicher Atmosphäre viele konkrete Ziele und Vorhaben besprochen.

Dies ist der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Brunei. Mein Besuch gilt einem jungen Staat und einem Königshaus mit einer Tradition von vielen hundert Jahren. Gleichzeitig ist er Anerkennung für die Aufbauleistungen in Ihrem Lande und Zeichen der Wertschätzung für das Verhältnis zwischen unseren beiden Völkern. Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Jahre 1984 haben unsere beiden Länder bilateral und im multilateralen Bereich vertrauensvoll und erfolgreich zusammengearbeitet.

Das Potential unserer bilateralen Beziehungen ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft, das hat unser heutiges Gespräch gezeigt. Wir können und wollen die Zusammenarbeit in vielen Bereichen intensivieren und ausbauen. Deshalb begrüße ich es sehr, daß wir heute in einer ganzen Reihe von Fragen Verträge abschließen und Abmachungen treffen konnten. Ich nenne hier nur den Investitionsförderungs- und -schutzvertrag. Dieser Tag gibt ein wichtiges Signal für die gute Freundschaft und Partnerschaft unserer beiden Länder.

Majestät, aus gutem Grund setzen sich Brunei und Deutschland für die Stärkung der Beziehungen zwischen Asien und Europa ein. Ein wichtiges Forum für dieses gemeinsame Ziel war das Europäisch-Asiatische Gipfeltreffen ASEM 1996 in Bangkok.

Gewiß, wir haben zum Teil unterschiedliche Regierungssysteme und Gesellschaftsordnungen, in manchen Fragen auch unterschiedliche Wertvorstellungen. Diese Auffassungsunterschiede dürfen uns aber nicht davon abhalten, nach Gemeinsamkeiten zu suchen und diese auszubauen.

Unser Ziel ist dabei die Stärkung des gegenseitigen Verständnisses und des Vertrauens zwischen Asien und Europa. Dies ist die beste Voraussetzung für eine fruchtbare Zusammenarbeit zum Vorteil aller Beteiligten.

Europa und der asiatisch-pazifische Raum formieren sich neu, stellen die Weichen für das 21. Jahrhundert. Gerade in dieser Situation ist eine vertrauensvolle und auf Dauer angelegte Partnerschaft zwischen Europa und Asien unverzichtbar. Wir sollten uns daher für einen offenen und umfassenden Austausch zwischen den Kulturen in beiden Regionen einsetzen. So können wir einander noch besser kennenlernen und die schöpferische Kraft der kulturellen Vielfalt zum Wohle der Menschen in unseren beiden Ländern nutzen. Ich freue mich daher besonders, daß wir ganz konkret über den Austausch von Studenten zwischen unseren Ländern sprechen konnten.

Zugleich freue ich mich, daß Sie meine im Auftrag des Herrn Bundespräsidenten ausgesprochene Einladung zu einem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland angenommen haben. Ich hoffe, daß wir bereits bei diesem Besuch Absprachen treffen werden, wie wir den Austausch junger Menschen voranbringen können.

Die Bundesregierung hat gerade in den letzten Jahren immer wieder deutlich gemacht, daß die Beziehungen zu Asien ein Schwerpunkt deutscher Außenpolitik sind. So ist es nicht zuletzt auch im Asien-Konzept der Bundesregierung verankert.

Wir wollen die Stärkung und Vertiefung des partnerschaftlichen Dialogs. Er muß Aspekte der Friedenssicherung, der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung, des freien Handels, der Umwelt und der Kultur umfassen.

Majestät, ich bin davon überzeugt, daß die Staaten Europas und Asiens einander viel zu geben haben. Eine der, wie ich denke, wichtigsten und erfreulichsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte sind die sich überall in der Welt bildenden neuen regionalen Zusammenschlüsse.

Aus diesem Zusammenschluß der Regionen ergeben sich neue Chancen, die es zu nutzen gilt. Auf unserem Kontinent sind wir dabei, das Haus Europa zu bauen, in Nord- und Südamerika schließen sich die Länder im Rahmen von NAFTA und MERCOSUR enger zusammen.

Hier, in Ihrer Region spielen ASEAN, das ASEAN-Regionalforum sowie APEC eine besondere Rolle. An diese Zusammenarbeit knüpfen sich viele Erwartungen - wirtschaftlich und politisch. Wir Europäer beobachten die Entwicklungen im asiatisch-pazifischen Raum mit besonderer Aufmerksamkeit und großem Interesse.

Wir wollen - als Deutsche und Europäer - die Intensivierung der Beziehungen mit dieser Region. Wir wollen diese Zusammenarbeit fördern, um gute Zukunftsperspektiven für die Menschen in unseren Ländern und überall auf der Welt zu eröffnen.

In diesen Tagen kann man sehr unterschiedliche Einschätzungen der Entwicklung in Europa lesen. Lassen Sie mich Ihnen an dieser Stelle versichern: Das Haus Europa wird jetzt gebaut. Die Wirtschafts- und Währungsunion wird planmäßig vollendet. Wir werden in wenigen Wochen in Amsterdam die Verhandlungen der Regierungskonferenz zur Vertiefung der Europäischen Union erfolgreich abschließen und Anfang nächsten Jahres die fünfte Erweiterung der Europäischen Union einleiten.

Majestät, angesichts der Globalisierung der Märkte und nicht zuletzt durch die moderne Informationstechnik rückt die Welt enger zusammen. Große Aufgaben müssen gelöst, Herausforderungen gemeistert, aber auch Zukunftschancen genutzt werden. Dies kann auf Dauer nur in enger Zusammenarbeit erfolgreich geschehen. Lassen Sie uns daher die neuen Möglichkeiten gemeinsam nutzen.

Ich wünsche dem Volk von Brunei Glück und Erfolg, Ihnen persönlich Wohlergehen und alles Gute für die Zukunft.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 54. 25. Juni 1997.