16. Mai 1997
Ansprache beim Staatsakt im Deutschen Bundestag zu Ehren des am 8. Mai verstorbenen Bundestagspräsidenten a. D. Kai-Uwe von Hassel


Sehr verehrte liebe Frau von Hassel,
liebe Familie von Hassel,
Frau Bundestagspräsidentin,
Herr Bundesratspräsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
Exzellenzen, meine Damen und Herren,

in dieser Stunde auch von mir ein herzliches Willkommen an die Regensburger Domspatzen, die Kai-Uwe von Hassel so viel bedeuteten!

Wir trauern um einen der Großen in der Geschichte unserer Bundesrepublik, um eine der prägenden Persönlichkeiten Deutschlands. Unser herzliches Mitgefühl, liebe Frau von Hassel, gilt Ihnen, Ihrem Sohn, der Tochter, Frau Barbara Weisse, und allen Angehörigen. Wir trauern mit Ihnen - wir, die wir in Jahrzehnten Wegbegleiter, Freunde und gute Kameraden waren, aber auch die vielen, die ihm nicht so nahestanden, ihn aber in seiner ganzen Persönlichkeit in dieser Zeit erfahren haben.

Kai-Uwe von Hassel hat sich um unser Vaterland verdient gemacht. Der Aufbau unserer freiheitlichen Demokratie, das, was wir mehr technisch und nicht sehr herzlich mit "föderaler Ordnung" bezeichnen, war für ihn wichtig; das war ein Stück seines Lebens. Die Erfolgsgeschichte der Christlich Demokratischen Union Deutschlands trägt auch seine Handschrift. Wir in der Union sind ihm zu besonderem Dank verpflichtet.

In dieser Stunde des Abschieds blicken wir auf sein reiches, auf sein erfülltes Leben zurück. Es war bestimmt von großem Engagement, von Pflichtbewußtsein, von der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, wo immer man ihn in Verantwortung gestellt hat. Es war im besten Sinne des Wortes ein Leben im Dienst für unser Vaterland. Vaterland, das waren für Kai-Uwe von Hassel immer die engere Heimat, das deutsche Vaterland und Europa.

Sein Leben war ein ungewöhnliches Leben. Ungewöhnlich war schon der Ort der Geburt. Er wurde im damaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, als Sohn eines Pflanzers und Hauptmanns der Schutzgruppe geboren. Er hat den Ort seiner Geburt nie vergessen. Die Eindrücke und Erfahrungen dieser Zeit waren in ihm, und bis ins hohe Alter sprach er mit Begeisterung davon. Afrika, der Kontinent, in dem er geboren wurde, blieb seinem Herzen nahe.

Zu den Sprachen, die er fließend beherrschte, zählte Kisuaheli. Allein dieses Beispiel zeigt, wie sehr seine frühen Jahre sein ganzes Leben geprägt haben. Er hat sich bis zuletzt ein tiefes Interesse, ja eine Zuneigung für Afrika, für diesen großen Kontinent bewahrt. Sein Engagement für die Entwicklungshilfe speiste sich nicht zuletzt aus seiner Lebenserfahrung in jungen Jahren.

Die Umbrüche der deutschen Geschichte haben ihn weiter geprägt. Als Kind erlebte er, wie seine Familie wegen des Ersten Weltkrieges interniert wurde, wie er mit den Seinen aus Afrika ausgewiesen wurde. Er fand mit seiner Familie in Glücksburg an der Ostsee eine neue Heimat; aber es zog ihn wieder zurück nach Afrika. Er suchte sein Lebensziel auf den Plantagen Tanganjikas. Und wiederum veränderte die Geschichte seinen Lebensweg. Er wurde interniert, ausgewiesen, kehrte nach Deutschland zurück. Als junger Leutnant erlebte er das ganze Grauen des Zweiten Weltkrieges.

Die Kriegsjahre haben ihn tief geprägt. Wenn er von Gewaltherrschaft sprach, wenn er von Krieg, von Not und Elend sprach, sprach aus ihm die Erfahrung seines Lebens. "Ich habe mich durchschlagen müssen", so hat er später formuliert, als er auf jene Zeit zurückblickte. Diese Erfahrung hat ihn geprägt wie viele andere auch, und sie formte seine Persönlichkeit zusammen mit dem, was er im Elternhaus empfangen hatte: einen tiefen christlichen, evangelischen Glauben. Aus diesem Glauben heraus war er immer bereit, Verantwortung zu übernehmen. Er verstand etwas vom Dienen, er verstand etwas von Pflicht. Aus all dem - das konnten wir oft spüren - erwuchs auch die Festigkeit seiner Überzeugung.

Er hat unmittelbar nach dem Krieg, 1945, begonnen, sich zu engagieren - nicht aus Gründen des Ehrgeizes, sondern weil es galt, in der Not am Ende des Krieges zu helfen. Er begann seinen politischen Weg in Schleswig-Holstein, dort, wo seine Familie Wurzeln geschlagen hatte und wo die Probleme besonders brannten.

Wer von uns Heutigen kann sich noch vorstellen, mit welch existentiellen Problemen die Menschen damals zu kämpfen hatten? Es ging zunächst darum, in einem Umfeld von Not und Elend, von Ungewißheit, ja Verzweiflung die elementarsten Grundbedürfnisse zu sichern, den Hunger zu stillen, ein Dach über dem Kopf zu finden, einen Arbeitsplatz. In 104 von 114 Gemeinden im Kreis Flensburg kamen damals auf hundert Einheimische mehr als hundert Heimatvertriebene.

50 Jahre später hat Kai-Uwe von Hassel über die Gründergeneration unserer Republik geschrieben - ich zitiere -:

Es war das erste der großen Wunder, daß sich in diesem Chaos Menschen fanden, die kühlen Kopf behalten hatten, die in dieses Chaos Ordnung zu bringen trachteten, die Menschen suchten, die ihnen gleich oder ähnlich dachten und bereit waren, das Wagnis zu unternehmen.

Er selbst zählte zu jenen, die das Wunder möglich machten. Dabei scheute er auch vor schwierigen und schwierigsten Aufgaben nicht zurück. So leitete er - man muß sich vorstellen, was das damals bedeutete - die "Schlichtungsstelle für Wohnungssachen" im Landkreis Flensburg. Es sagt sehr viel über ihn und seine Arbeit aus, wenn er - wie er selbst erzählte - von den über 7 000 Fällen, die er zu lösen hatte, keinen einzigen allein vom Schreibtisch aus entschieden hat. Er hat sich vor Ort ein Bild gemacht und hat mit den Menschen gesprochen.

Als evangelischer Christ fand er den Weg zur CDU. Es war ihm wichtig - das galt für sein ganzes politisches Leben -, für das politische Zusammenwirken von evangelischen und katholischen Christen einzutreten. Er war zutiefst davon überzeugt, daß es einer neuen politischen Kraft, die die Konfessionen zusammenführt, bedurfte, um Deutschland eine neue Chance zu eröffnen.

Er hat in all diesen Jahren und Jahrzehnten den Gedanken der Union leidenschaftlich gegen alle Bestrebungen verteidigt, die unterschiedlichen Konfessionen wieder auf getrennte politische Wege zu führen. Er selbst hat einen ganz maßgeblichen Beitrag geleistet, um die Integrationskraft in der Union über die Konfessionsgrenzen hinweg zu erhalten und zu stärken.

Wir verdanken ihm viel. Nicht zuletzt als Stellvertreter Konrad Adenauers im Amt des Parteivorsitzenden wurde er einer der herausragenden Sprecher der evangelischen Christen der Union. Auch in diesem Sinne bewahrte er das Vermächtnis des unvergessenen Hermann Ehlers, den er häufig zitierte und der sein großes politisches Vorbild war. Ich erinnere mich immer wieder daran, wie Kai-Uwe von Hassel uns Jüngere mahnte, die Reden und Aufsätze von Hermann Ehlers immer wieder zu lesen und zu studieren.

Kai-Uwe von Hassel hat auf allen Ebenen unseres staatlichen Gemeinwesens hohe Ämter bekleidet. Ungewöhnlich war auch diese Laufbahn: Er war Bürgermeister, er war Landtagsabgeordneter, er war Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Hier in Bonn wirkte er als Bundestagsabgeordneter, als Bundesminister, als Präsident und als Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Danach bekleidete er wichtige Funktionen in der europäischen Bewegung, der er sein Herz verschrieben hatte.

Er hat die ganze Breite politischen Engagements durchmessen, und überall hat er Maßstäbe gesetzt. Zu seinen ganz großen Verdiensten - das soll in dieser Stunde besonders hervorgehoben werden, weil wir es zu leicht vergessen - zählt der Beitrag, den er zur erfolgreichen Integration der Heimatvertriebenen leistete, zunächst in Schleswig-Holstein und später auch als Bundesminister für Vertriebene und Flüchtlinge. Dies war eine gewaltige Leistung, die gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Ohne sie, so glaube ich, hätte unsere Bundesrepublik Deutschland niemals zu ihrer politischen Stabilität gefunden.

Schleswig-Holstein, das damals als das "Armenhaus der Bundesrepublik" galt, verdankt Kai-Uwe von Hassel wichtige Weichenstellungen für die Zukunft. Er setzte sich unablässig für die Verständigung zwischen Dänen und Deutschen ein. So selbstverständlich, wie sich das Gelingen dieses Werks aus heutiger Sicht ausnehmen mag, war es damals keineswegs. Das freundschaftliche Miteinander, das heute Deutsche und Dänen als gute Nachbarn vereint, gehört zu dem Erbe, das uns Kai-Uwe von Hassel hinterlassen hat. Wir wollen es bewahren, und wir wollen es pflegen.

Aus der Sicht der großen Gründerpersönlichkeiten galt Kai-Uwe von Hassel bereits als Vertreter der "nächsten Generation". Als er 1954 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, war er mit 41 Jahren der jüngste Regierungschef eines Bundeslandes. Gelassenheit, Autorität und natürliche Würde strahlte er schon damals aus.

Er war ein selbstbewußter Mann. Konrad Adenauer hat ihn in hohem Maße geschätzt. Als es in einer schwierigen Zeit darum ging, wer Franz Josef Strauß als Bundesverteidigungsminister nachfolgen könnte, fiel Adenauers Wahl auf Kai-Uwe von Hassel. Er ließ sich in die Pflicht nehmen. Dies war kein Amt, nach dem er strebte. Er verließ das von ihm geliebte Schleswig-Holstein, um eines der schwierigsten Ämter in der Bundesrepublik zu übernehmen. Mit großem persönlichen Einsatz hat er in jenen Tagen die Stellung der Bundeswehr in unserer Gesellschaft und im Atlantischen Bündnis gefestigt.

Schließlich sehen wir ihn vor uns als den Präsidenten des Deutschen Bundestages. Er war - die Frau Präsidentin hat es sehr zu Recht gerühmt - ein Parlamentarier aus ganzem Herzen, zutiefst überzeugt von den Werten der parlamentarischen Demokratie. Er wußte um die Gefährdungen einer freiheitlichen Ordnung, und er ist nicht müde geworden, darauf hinzuweisen.

Unsere Parlamentarische Demokratie und der Deutsche Bundestag verdanken ihm wichtige Anstöße. Er hat sich in sehr kurzer Zeit hohes Ansehen über alle Parteigrenzen hinweg erworben. Er verstand das Amt des Präsidenten des deutschen Parlaments als ein ständiges Bemühen um die Menschen, um die Bürger in unserem Land.

Das war für ihn, meine Damen und Herren, nicht gleichbedeutend mit irgendeiner Form von Anbiederung. Im Gegenteil, Kai-Uwe von Hassel verkörperte durch sein Auftreten, durch seine ganze Persönlichkeit die Würde des Hohen Hauses. So bleiben nicht allein seine politischen Leistungen unvergessen, sondern ebenso der Stil, mit dem er seine hohen Ämter prägte: freundlich, vornehm, höflich, fair gegenüber jedermann. Wir erinnern uns mit Dankbarkeit an seine ruhige, besonnene Art, an seine Klugheit. Viele von uns - auch ich selbst - verdanken ihm manchen guten, wichtigen und freundschaftlichen Rat.

Wir denken an die Glaubenskraft und die Überzeugungsstärke, die er ausstrahlte, auch an die Disziplin, die er sich auferlegte. All dies half ihm auch, in schweren Tagen Schicksalsschläge zu überwinden, die er erfahren mußte: den Tod seiner ersten Frau, den tragischen Unfall seines Sohnes Jochen.

Ich selbst habe es so empfunden: Kai-Uwe von Hassel war in seiner Menschlichkeit, seiner Würde - ich sage eigentlich viel lieber: in seiner Noblesse - ein Vorbild für uns, und er bleibt es über den Tod hinaus. Gelegentlich konnte man lesen, seine Art sei als preußisch zu charakterisieren; das war nicht immer freundlich gemeint, da schwang ein geringschätziger Unterton mit. Darin kommt eine gefährliche Mißachtung der Tugenden zum Ausdruck, die gerade in einer freiheitlichen Demokratie unverzichtbar sind.

Meine Damen und Herren, mit einer einfachen Kennzeichnung wird man dem Wesen Kai-Uwe von Hassels nicht gerecht. Er vermochte ganz Unterschiedliches zu vereinen: Heimatliebe mit Weltläufigkeit, Prinzipientreue mit der Fähigkeit zum Pragmatismus, respektgebietende Zurückhaltung mit einer natürlichen Nähe zu den Menschen. Er war ein deutscher Patriot. Er war zugleich ein leidenschaftlicher Vorkämpfer für die europäische Einigung.

Ich glaube, von alldem, was sein Leben in den letzten Jahrzehnten bestimmte, war seine Überzeugung das wichtigste, daß wir jetzt und heute und nicht irgendwann das Haus Europa bauen müssen. Ob im Europäischen Parlament, im Europarat oder in der Westeuropäischen Union, in der Europäischen Volkspartei oder der Europäischen Union Christlicher Demokraten - überall hat er sich mit ganzer Kraft eingesetzt. Die Einigung Europas, das war für ihn ein Ziel, das in diesem Jahrhundert - das er kannte wie viele aus seiner Generation, im Auf und Ab der Geschichte, im Elend und im Leid - zu erreichen sei.

Noch die letzten Augenblicke seines Lebens standen im Zeichen der europäischen Idee. Der Tod ereilte ihn auf dem Weg zur Verleihung des Internationalen Karlspreises in Aachen.

Es lohnt sich nachzulesen, was Kai-Uwe von Hassel über unseren Weg in die Zukunft schrieb. Er formulierte es aus der Überzeugung meiner eigenen politischen Gemeinschaft: "Der Christliche Demokrat", so sagte er vor zwei Jahren in einem Aufsatz, "muß sich ... vor Augen halten, daß das Erreichte, so eindrucksvoll es ist, sich nicht von selbst erhält. Wenn wir uns nicht auch in Zukunft wie in den vergangenen 50 Jahren unablässig um den Staat bemühen - so wie es uns Hermann Ehlers immer und mit Nachdruck gesagt hat -, werden unsere Republik und seine Bürger in Not geraten." Er schrieb weiter: "Dazu gehört ... auch, darüber nachzudenken, was konservativ heißt. Es bedeutet nämlich das Bewahren des Bewahrenswerten und seine Entwicklung in die Zukunft. Dann bewältigen wir auch das nächste halbe Jahrhundert."

In diesem Geiste bleiben wir dem Vermächtnis Kai-Uwe von Hassels verpflichtet. Wir wollen sein Andenken in Ehren halten. Das heißt, wir wollen fortführen, wofür er gearbeitet hat. Kai-Uwe von Hassel wird uns unvergessen bleiben.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 39. 21. Mai 1997.