6. Juli 1997
Rede auf dem Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Evangelischen Akademie Tutzing


Herr Ministerpräsident,
Herr Landesbischof,
Frau Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
lieber Herr Dr. Greiner,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir haben uns heute morgen versammelt, um den 50. Geburtstag der Evangelischen Akademie Tutzing zu feiern. Zu diesem Jubiläum überbringe ich Ihnen die herzlichen Grüße der Bundesregierung. Vor allem, Herr Dr. Greiner, bin ich hierhergekommen, um mich bei all denen zu bedanken, die in 50 Jahren an dieser Akademie mitgewirkt haben. Ich habe mich noch einmal vergewissert: Es hat hier in den fünf Jahrzehnten 5000 Veranstaltungen gegeben. Viele namhafte Persönlichkeiten waren dabei. Man kann sich vorstellen, über welche Themen diskutiert wurde, wie viele Teilnehmer aneinandergeraten sind - im offenen Gespräch - und wie auch manche staatlichen und geistigen Obrigkeiten nicht immer Freude an dieser Diskussion hatten. Auch das gehört zum Bild von 50 Jahren Tutzing.

In diesen fünf Jahrzehnten ist hier ein Ort der Begegnung entstanden. Es gab die Möglichkeit zu Erfahrungsberichten, zum Austausch von Meinungen und auch die Chance, in vielen Bereichen Einfluß auf die Entwicklung unseres Landes und unserer Gesellschaft zu nehmen. Zu all dem gratuliere ich sehr herzlich. Was hier in fünf Jahrzehnten geleistet worden ist, verdient Respekt und Anerkennung. Von Tutzing sind vielfältige Impulse für das geistige und politische Leben in unserem Land ausgegangen.

Wenn man zu diesem Anlaß spricht, dann ist es gut, einmal zurückzuschauen und zu fragen: Was war das für eine Zeit vor 50 Jahren? Viele Erinnerungen gehen zurück in jene Zeit, als Deutschland in Trümmern lag. Viele setzten kaum mehr Hoffnung auf die Zukunft. Nie hat es eine so große Zahl von Selbstmorden in Deutschland gegeben wie Weihnachten 1947. Damals glaubten die allermeisten, daß die Einheit unseres Vaterlandes endgültig zerbrochen sei. Als 17jähriger hatte ich keine Chance, aus meiner Heimatstadt Ludwigshafen über den Rhein nach Mannheim zu kommen, denn das linke Rheinufer war französische, das rechte Rheinufer amerikanische Besatzungszone.

Es war eine Zeit, in der die Menschen bittere Not litten. Es gab Millionen und aber Millionen Flüchtlinge; Städte, Dörfer und Fabriken waren zerbombt. Erst im nachhinein ist deutlich geworden, daß dies eine Zeit einer noch viel größeren geistig-moralischen Not war. Die ganze Schande dessen, was in deutschem Namen über die Welt gekommen ist, was mit dem Schreckenswort "Auschwitz" verbunden war und verbunden bleibt, ist damals rund um die Erde gegangen. Es war die Stunde Null unseres Volkes.

In diesem Augenblick war es wichtig, Zeichen zu setzen. Ein großes und bleibendes Zeichen war damals die Rede von George Marshall in Harvard, die Verkündung des Marshall-Plans. Dies war eine der weitsichtigen politischen Entscheidungen, die dieses Jahrhundert ganz wesentlich beeinflußt haben. Hinzu kam hier bei uns der Wille vieler tapferer Frauen und Männer einer großartigen Generation, nicht unterzugehen.

"Es war das erste große Wunder" - so hat es der kürzlich verstorbene Kai-Uwe von Hassel einmal beschrieben - "daß sich in diesem Chaos Menschen befanden, die kühlen Kopf behalten hatten, die in dieses Chaos Ordnung zu bringen trachteten, die Menschen suchten, die ihnen gleich oder ähnlich dachten und bereit waren, das Wagnis zu unternehmen." Das ist ein gutes Wort - "das Wagnis zu unternehmen". Wir sollten dieses Wort nicht in der Zeit vor 50 Jahren stehenlassen, sondern in unsere Zeit mit hineinnehmen.

Es waren vor allem überzeugte evangelische und katholische Christen, die schon bald darangingen - gemeinsam mit anderen, die guten Willens waren -, unser Land aus Schutt und Asche wieder aufzubauen. Bei vielen setzte sich die Erkenntnis durch, daß die alten konfessionellen Gegensätze überwunden werden mußten, um gemeinsam totalitären Ideologien widerstehen zu können. Es waren die Erfahrungen des Kampfes gegen die NS-Ideologie, nicht zuletzt die Überlegungen der Männer und Frauen des Kreisauer Kreises, die dabei zum Tragen kamen.

Wenn wir über diese Zeit vor 50 Jahren sprechen, dann ist es einer meiner Geburtstagswünsche für den heutigen Tag, daß die Verantwortlichen in den Kirchen gelegentlich daran denken, wie das damals war, und daß ökumenisches Denken nicht an das Ende schlechter Zeiten gebunden sein sollte, sondern immer ein wichtiger Auftrag für die Zukunft ist. Nicht nur in der Politik, sondern in allen Bereichen der Gesellschaft könnten wir etwas mehr tun, um noch einmal ein neues, großes Aggiornamento - wie es Johannes XXIII. genannt hat - zu wagen.

Meine Damen und Herren, es ist wichtig, dies heute zu sagen, weil die Zeit weit vorangeschritten ist. 50 Jahre - das ist im Leben und in der Geschichte eines Volkes keine lange Zeit. Aber innerhalb von 50 Jahren werden Generationen geboren! Zwei Drittel der heute lebenden Deutschen sind nach dem Krieg geboren und aufgewachsen. Sie kennen den Ursprung und den Aufbau unserer Bundesrepublik nicht mehr aus eigener Anschauung. Darum ist es wichtig, daß wir gerade den jungen Menschen in unserem Land immer wieder sagen, welche Werte und Institutionen zum politischen und wirtschaftlichen Neubeginn ganz wesentlich beigetragen haben.

Es waren nicht zuletzt die Kirchen, die am Aufbau unserer freiheitlichen Demokratie von Anfang an aktiv mitgewirkt haben. So wurden wesentliche Grundsätze der evangelischen Sozialethik und der katholischen Soziallehre zu tragenden Fundamenten unserer Sozialen Marktwirtschaft. Ich betone das an diesem Tag ganz besonders, weil wir heute wieder eine Diskussion darüber erleben, ob wir eine Marktwirtschaft pur oder die Soziale Marktwirtschaft haben wollen. In Verteidigung Ludwig Erhards, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag hätte feiern können, möchte ich in Erinnerung rufen: Er und die anderen Männer und Frauen, die diese großartige Gesellschaftsform - nach meiner Überzeugung die beste einer freiheitlichen Ordnung - erdacht, vorangebracht und gestaltet haben, sprachen und handelten stets im Sinne einer "Sozialen Marktwirtschaft". Das hat seinen Urgrund auch in den christlichen Soziallehren.

Wenn ich über den Beitrag der Kirchen zum Neubeginn in unserem Land spreche, dann denke ich auch an die persönliche Hilfe, die Männer und Frauen der Kirche vielen Mitmenschen in der Zeit bitterster Not ganz konkret gegeben haben. Dazu gehört die Seelsorge für die Vertriebenen und für die vom Krieg allein Zurückgelassenen, dazu gehören die Unterstützung für die Bedürftigen und der Zuspruch für die Verzweifelten.

Vor allem auch die Gründung der kirchlichen Akademien war ein Signal der Hoffnung in schwerer Zeit. Diese Einrichtungen waren eine Antwort der Kirchen auf die Suche der Menschen nach Neuorientierung und Sinngebung. Sie waren ein weithin sichtbares Zeichen und ein klares Bekenntnis dazu, daß die Kirche mitten in der Welt steht, daß die Kirche natürlich einen transzendenten Auftrag hat, aber daß sie auch in der Welt - außerhalb der Kirchenmauern - ihren Auftrag hat.

Die Akademien wurden zu lebendigen Foren des Dialogs. Es waren von Beginn an Häuser des offenen Wortes, auch des kritischen Geistes. Hier gab es immer das Bemühen um Ausgleich, geprägt von einer Atmosphäre der Toleranz, um so aus christlicher Verantwortung Wege in eine gute Zukunft zu finden. Auf diese Weise haben die kirchlichen Akademien einen wesentlichen Beitrag zur geistigen und politischen Neubesinnung nach dem Krieg und zur Erfolgsgeschichte unserer Bundesrepublik Deutschland geleistet. Das gilt auch für das wiedervereinte Deutschland.

Im sowjetisch besetzten Teil unseres Vaterlandes kam die Arbeit der Akademien schon bald in Konflikt mit der sowjetischen Besatzungsmacht. Das offene Gespräch war nicht gefragt, das freie Wort wurde unterdrückt. Deswegen war es wichtig, daß gerade hier in Tutzing - an einem der schönsten Plätze unseres Vaterlandes - die Begegnung von Deutschen aus Ost und West gepflegt wurde. Man war immer offen für die Sorgen und die Anfragen aus dem - wie wir damals zu sagen pflegten - anderen Teil Deutschlands. Ich füge jedoch hinzu: Ich habe Tutzing auch immer als einen Ort empfunden, in dem die Idee der Einheit unseres Vaterlandes nie aufgegeben wurde. Das war in diesen 50 Jahren nicht selbstverständlich. Es gab nicht wenige, die im Laufe der Jahre die Idee der Einheit aufgegeben, die sich angepaßt haben. Es gab auch manche, die die Idee der Einheit verraten haben. Auch das sage ich in dieser Stunde mit Bedacht, weil heute gerade diese Leute häufig genug ihr Wort frech erheben - zu einem Zeitpunkt, da sie besser schweigen würden.

Seit der Wiedervereinigung Deutschlands gilt das besondere Augenmerk der Akademie der Vollendung der inneren Einheit. Das ist eine der entscheidenden Fragen für uns. Für mich steht fest, daß wir alle Chancen haben, um die materiellen Probleme der Deutschen Einheit zu lösen - nicht über Nacht, manches wird seine Zeit brauchen. Aber die eigentliche Herausforderung, vor der wir stehen, liegt im menschlichen Bereich: Gehen wir genügend aufeinander zu? Hören wir einander zu? Haben wir die Bereitschaft, die ganz unterschiedliche Vita des anderen zur Kenntnis zu nehmen? Oder - um es sehr hart zu formulieren - haben jene im Westen unseres Vaterlandes, die das Glück hatten, in Frieden und Freiheit aufzuwachsen und zu leben, genug Verständnis für diejenigen, die die gleichen Chancen nicht hatten? Ich werde nie vergessen, wie ich in Ostdeutschland einmal gefragt wurde: "Haben wir in Frankfurt an der Oder den Krieg mehr verloren als ihr in Frankfurt am Main?" Es ist ganz wichtig, daß es Stätten der Begegnung gibt, in denen all dies offen angesprochen und ausgetragen wird. Das gilt gerade auch in einem Moment, in dem die wirtschaftliche Situation schwierig ist.

In der Aufgabenbeschreibung aus den Anfangsjahren der Evangelischen Akademie Tutzing heißt es, sie " ... solle den einzelnen und den Gemeinden, den Berufen und Ständen dazu helfen, aus christlicher Verantwortung zu leben und zu handeln". Ich wünsche mir, daß am heutigen Morgen, am Sonntag, auf möglichst vielen Kanzeln aus dem gleichen Geist heraus das Wort Gottes verkündet wird. Die Zielsetzung der Akademie ist nach wie vor aktuell. Gerade in einer Welt, in der die Verunsicherung wächst und Bindungen abnehmen, ist es wichtig, jene Werte und Institutionen zu stärken, die den Menschen Halt geben. Eugen Biser hat in diesem Zusammenhang von der "Hoffnungsperspektive" des christlichen Glaubens gesprochen.

Heute müssen wir Deutschen dafür Sorge tragen, daß unsere gemeinsame Freiheit nicht in Orientierungslosigkeit umschlägt. Freiheit bedeutet heute mehr denn je Verantwortung, sonst ist es eine Freiheit, die in neue Formen der Abhängigkeit führt. Gelebte Verantwortung braucht die Besinnung auf den Mitmenschen, auf das Gewissen und vor allem auf Gott. Deshalb sind der christliche Glaube und die Stimme der Kirchen auch und gerade in einer säkularisierten Welt unverzichtbar.

Auch wer die Glaubenslehre der christlichen Kirchen nicht teilt, wird ihre herausragende Rolle in einer politischen Ordnung, die auf dem Fundament allgemeinverbindlicher Grundwerte ruht, anerkennen müssen. Ich kann nur all dem zustimmen, was der bayerische Ministerpräsident gerade in diesem Zusammenhang gesagt hat.

Natürlich ist es wahr, daß es eine Diskussion um die Kirchensteuer gibt. Es ist aber auch wahr, daß dies eine Diskussion ist, die zum Teil mit großer Heuchelei geführt wird; denn all jene, die die Abschaffung der Kirchensteuer verlangen, sind im Regelfall nicht bereit, die staatlichen Abgaben anzuheben, um etwa Krankenhäuser, Kindergärten oder Schulen auf staatlich-kommunaler Ebene zu betreiben. Im Falle einer Krankheit finden sich übrigens häufig gerade jene gern in freigemeinnützigen Krankenhäusern ein, die sich vorher besonders laut und intensiv gegen die Träger dieser Institutionen geäußert haben.

Wir sollten hier nicht zimperlich sein. Ich sage es so, wie ich es empfinde: Es ist eine freie Entscheidung, ob jemand Kirchensteuer zahlt oder nicht; das ist seine ganz persönliche Sache, und er steht dabei unter keinerlei Zwang. Diejenigen, die für den Erhalt des bisherigen Systems eintreten, das sich aus meiner Sicht aus vielen Gründen bewährt hat, sollten sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen. Vor Jahren sagte mir jemand, es sei sehr schwierig, als Deutscher zum Beispiel im Weltkirchenrat bei bestimmten Repräsentanten Verständnis für die Kirchensteuer zu wecken. Ich habe ihm geantwortet: "Das ist sehr einfach. Streicht doch die Zuwendungen dorthin; dann wird das Verständnis über Nacht enorm anwachsen."

Ich halte das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Staat und Kirche für einen Glücksfall in der Geschichte unserer Republik, und wir sollten alles tun, um es beizubehalten. Die Kirche hat dem Staat keine Weisung zu erteilen, und der Staat hat der Kirche keine Weisung zu erteilen. Erforderlich ist gegenseitiger Respekt. Ich habe nichts dagegen, wenn sich dieser Respekt zu einer freundschaftlichen Beziehung weiterentwickelt. Man braucht sich seiner Freunde nicht zu schämen. Das muß man klar und offen ansprechen!

Wenn sich die Kirche bei diesem oder jenem Kapitel der Gegenwartsprobleme zu Wort meldet, dann ist das völlig in Ordnung. Die Kirche muß jedoch wissen, daß sie, wenn sie in dieser Arena auftritt, gleichberechtigt behandelt wird. Das ist dann nicht das Wort von der Kanzel herunter, wo es keinen offenen Widerspruch gibt, sondern das ist ein Wort in der öffentlichen Debatte, in der Rede und Gegenrede stattfinden.

Inakzeptabel ist es, wenn mancherorts versucht wird, den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach aus den Schulen zu verdrängen. Ich bin strikt dafür, daß wir auch hier den Freiheitsraum erhalten. Wer für seine Kinder oder wer selbst den Religionsunterricht ablehnt, der kann das tun. Ich bin aber dagegen, daß wir von Staats wegen den Rahmen wegnehmen, der Kindern in ihren jungen Jahren eine wichtige Chance für ihr Leben gibt. Deshalb ist es entscheidend, daß die rechtlichen Grundlagen für den Religionsunterricht beibehalten werden. Auch das gehört zu unseren guten Traditionen. Heute, da wir auf 50 Jahre Evangelische Akademie Tutzing zurückblicken, ist es naheliegend zu fragen: Was ist bei uns eigentlich passiert, daß wir Erfahrungen der Geschichte heute wieder hier und da in den Wind schlagen?

Es ist die Aufgabe der Kirchen, in einer säkularisierten Welt die Frage nach einer den Staat und die Gesellschaft übersteigenden Wirklichkeit, nach der letzten Sinngebung menschlicher Existenz zu stellen. Auf diese Weise erinnern sie stets auch daran, daß irdischer Macht Grenzen gesetzt sind, die niemand überschreiten darf. Es gibt grundlegende sittliche Gebote, die auch die staatlichen Institutionen verpflichten. Es ist nicht etwa nur das Recht, sondern es ist die Pflicht der Kirchen, darauf immer wieder hinzuweisen.

Dieser Botschaft Gehör zu verschaffen ist in einer Zeit, in der religiöse und kirchliche Bindungen immer mehr zurückgehen, nicht einfacher geworden. Der pastorale Alltag eines Pfarrers am heutigen Sonntag irgendwo in Deutschland ist in vieler Hinsicht ein völlig anderer als vor 50 Jahren. Noch in den fünfziger Jahren bekannten sich fast alle Bürgerinnen und Bürger in der damaligen Bundesrepublik zu einer der großen Kirchen. Heute sind nur noch gut zwei Drittel der Bevölkerung entweder evangelische oder katholische Christen.

Im Osten unseres Landes wurde der Prozeß der Säkularisierung durch die Folgen der Unterdrückung kirchlichen Lebens unter der SED-Diktatur noch verstärkt. Teilweise wirkt auch die Verstrickung mit dem SED-Machtapparat nach, in die manche Vertreter der Kirchen geraten waren. Aber wenn man darüber spricht, muß man auch das andere nennen: Es gab zahlreiche Beispiele von Mut und Zivilcourage. Gerade unter den evangelischen und katholischen Pfarrern hat es viele gegeben, die sich dem kommunistischen Regime nicht angepaßt haben. Ich nenne ganz bewußt vor allem auch die evangelischen Pfarrer, weil in diesen Pfarrhäusern der Druck auf die Familie enorm war. Viele hochbegabte Kinder konnten nicht studieren, weil sich ihr Vater als Pfarrer und bekennender evangelischer Christ dem Regime nicht beugte. Wir vergessen das zu schnell. Nicht wenige von jenen Pfarrern haben Anteil an der friedlichen Revolution im Herbst 1989 gehabt. Der aufrechte Gang dieser Männer und Frauen, die damals mit dem Ruf "Wir sind das Volk" auf die Straße gingen, ist und bleibt ein großes Vorbild.

Mit Zweifel, Kleinmut und Larmoyanz läßt sich nichts gewinnen. Leider gefallen sich auch heute manche in unseren Kirchen bisweilen darin, Ratlosigkeit - oft auch Angst - statt Zuversicht zu verbreiten. Kirchliche Verkündigung sollte nicht nur Einsichten in Probleme vermitteln, sondern auch den Mut und das Vertrauen, daß wir den Herausforderungen gewachsen sind. Das ist angesichts der großen Aufgaben, vor denen wir stehen, von besonderer Bedeutung. Hier sind auch die Akademien gefordert. Sie können auf vielfältige Weise Anstöße für die großen öffentlichen Debatten in unserem Land geben.

Aber, meine Damen und Herren, bleiben Sie bitte nicht beim Hinterfragen stehen, sondern sagen Sie dann, wie es nach Ihrer Meinung weitergehen sollte. Das scheint mir besonders wichtig zu sein angesichts dramatischer Veränderungen in der Welt, in Europa und in Deutschland im besonderen. Wir müssen uns dem jetzt stellen; wir können nicht so weitermachen wie bisher!

Die Reformfähigkeit einer Gesellschaft setzt voraus, daß unter den Bürgerinnen und Bürgern in bestimmten Grundfragen Einigkeit herrscht. Wir alle tragen gemeinsam Verantwortung für die Bewahrung des demokratischen Grundkonsenses, wie er in unserer Verfassung zum Ausdruck kommt.

Es ist in den vergangenen Jahren zu Recht immer wieder gefordert worden, daß wir im härter werdenden internationalen Wettbewerb Konkurrenzfähigkeit zurückgewinnen müssen. Das "Ja" zum Wettbewerb bedarf aber stets der Ergänzung durch das "Ja" zum "Miteinander" und "Füreinander" in unserer Gesellschaft. Wie Freiheit und Verantwortung, so gehören auch Leistung und Gemeinsinn zusammen. Würden wir das eine zu Lasten des anderen vernachlässigen, gerieten wir sehr bald in eine Sackgasse. Auch deshalb ist der offene Dialog aller Gruppen und Schichten unseres Volkes, den die Akademien fördern, Voraussetzung für eine erfolgreiche Gestaltung der Zukunft.

Ich denke dabei zuallererst an die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Angesichts von über vier Millionen Arbeitslosen müssen wir in vielen Bereichen umdenken, nach innovativen Lösungen suchen und auf manch liebgewonnenen Besitzstand verzichten.

Ich weiß um die Befürchtungen und Ängste, daß dieser Prozeß zu Lasten der sozial Schwächeren gehen könnte. Ich nehme diese Sorge sehr ernst. Ich habe das Gemeinsame Wort der Kirchen zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland aufmerksam zur Kenntnis genommen. Aber die größte soziale Ungerechtigkeit ist es doch, daß Menschen, die arbeiten können und wollen, keinen Arbeitsplatz finden! Wenn wir den Arbeitslosen in unserem Land wirklich helfen wollen, dann kommen wir angesichts der veränderten Konkurrenzlage in der Welt nicht umhin, Kosten bei uns zu senken, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Arbeitsplätze gefährden. Hierzu zählen nicht zuletzt die im internationalen Vergleich außerordentlich hohen Sozialkosten. Schon heute wenden wir über ein Drittel unseres Bruttoinlandsprodukts für soziale Zwecke auf. Das ist ein Rekordwert! Angesichts dessen führt kein Weg daran vorbei, den Anstieg der Sozialquote zu stoppen und Sozialleistungen konsequenter als bisher auf die wirklich Bedürftigen zu konzentrieren. Das ist für mich ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit, nämlich neuer Chancen für die Arbeitslosen!

Selbstverständlich müssen und werden wir bereit sein, über die richtige politische Entscheidung in einer konkreten Situation leidenschaftlich zu streiten. Politik ist und bleibt immer auch eine Sache der praktischen Vernunft, des rechten Augenmaßes und des klugen Ermessens. Das erfordert oft sehr schwierige Abwägungen. Niemand soll sagen, die verantwortlichen Politiker würden es sich dabei zu leicht machen. Inakzeptabel ist daher die Selbstgerechtigkeit, mit der manche gelegentlich so tun, als seien sie für höhere Moral zuständig, während sich Politik sozusagen in den Niederungen des moralfreien Pragmatismus abspiele. Oft triumphiert dabei, um ein Wort von Hermann Lübbe aufzugreifen, die "Gesinnung über die Urteilskraft".

Auch wenn es mancher nicht gerne hört, erinnere ich daran, daß ich zu Beginn der 80er Jahre von bestimmten kirchlichen Kreisen den Vorwurf hörte, die von mir geführte Bundesregierung sei "friedensunfähig" und "raketensüchtig". Daß die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen Ende 1983 richtig war, hat die Geschichte hinlänglich bewiesen. Ohne diesen Schritte hätte es in der sowjetischen Führung keinen Zwang zu neuem Denken gegeben.

An bestimmte Merkmale der damaligen Debatte fühle ich mich heute in der Diskussion über Wirtschaftspolitik und Sozialstaat manchmal erinnert. Es geht nicht an, einen künstlichen Gegensatz zwischen wirtschaftlichen und moralischen Argumenten zu konstruieren - hier Wirtschaft, dort Moral. Eine Politik für Wirtschaftswachstum, die zu mehr Beschäftigung führt und damit die soziale Stabilität sichert, verbessert die Lage der Menschen. Darauf kommt es an!

Im übrigen wäre es auch falsch, das Streben nach Wohlstand pauschal als Ausdruck einer materialistischen Lebenseinstellung geringzuachten. Besser ist es, Menschen zu ermutigen, ihre Begabung, auch ihren Besitz zum Wohle anderer einzusetzen. Auch in diesem Zusammenhang gibt es bei uns ein beachtliches Maß an Heuchelei, vor allem beim Umgang mit Verbandsinteressen. Am meisten und am lautesten lamentieren diejenigen in unserer Gesellschaft über die Verbände, deren eigene Interessenvertreter gerade die besten Ergebnisse in die Scheune gefahren haben.

Wenn wir heute jungen Leuten klar machen wollen, daß es wichtig ist, das Leben auch im wirtschaftlichen Bereich durch den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen, dann hat dies genau den Grund, daß wir die natürliche Begabung des Menschen zugunsten des Ganzen nutzen wollen. Denn ohne eine neue Kultur der Selbständigkeit, ohne die Bereitschaft einer wachsenden Zahl junger Unternehmerinnen und Unternehmer, Arbeitsplätze für sich und andere zu schaffen, werden wir die Arbeitslosigkeit nicht wirksam bekämpfen können.

Meine Damen und Herren, es geht darum, die Fundamente für Frieden und Freiheit, für Wohlstand und soziale Sicherheit im 21. Jahrhundert zu sichern. In nicht einmal drei Jahren läuten die Glocken zum Jahr 2000. Wenn wir in das neue Jahrhundert, das dritte Jahrtausend gehen, ohne die neuen Herausforderungen zu begreifen - das ist wiederum eine Aufgabe für Akademien -, werden wir keine gute Zukunft haben. Die Entscheidungen sind auch nicht mehr zu vertagen. Man kann sich in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr damit begnügen zu sagen: Im September nächsten Jahres haben wir Bundestagswahlen. Zwei Wochen vorher sind Wahlen in Bayern; im Frühjahr 1998 finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und in Niedersachsen statt und im kommenden September bereits die Bürgerschaftswahl in Hamburg. Unter diesem Gesichtspunkt finden wir immer eine Ausrede zu sagen: Jetzt stehen Wahlen an, jetzt können wir nicht handeln. Das sind Gedanken, die in jeder Partei umgehen, aber wir können uns das jetzt nicht mehr leisten!

Ich bin der Meinung, daß die große Mehrheit der Bevölkerung dies längst erkannt hat. Angesichts der dramatischen Veränderungen müssen wir Entscheidungen treffen und auch durchsetzen, zumal ein Teil von ihnen erst in Jahren Wirkung zeigen wird.

Ich will das an zwei Beispielen deutlich machen - manchmal komme ich mir dabei ja schon wie ein Franziskaner-Prediger vor, der durchs Land zieht: Das erste ist die demographische Entwicklung. Es liegt für jeden einzelnen im Land deutlich auf der Hand, daß wir unser Rentensystem neuen Gegebenheiten anpassen müssen.

Die Änderungen haben wir gemeinsam in Deutschland vollzogen: Es ist die freie Entscheidung der Deutschen, daß wir neben Italien und Spanien das Land mit der niedrigsten Geburtenrate in der Europäischen Union geworden sind. Dies ist keine Entscheidung der Politik! Sie mögen darüber schmunzeln, aber wenn wir nur eine Minute nachdenken, werden wir unschwer erkennen, welche enormen Konsequenzen diese Entwicklung hat. Auf der einen Seite haben wir mit die niedrigste Geburtenrate, auf der anderen Seite einen starken Anstieg der Lebenserwartung - bei den Männern auf jetzt 74 Jahre, bei den Frauen auf 80 Jahre. In Deutschland leben gegenwärtig mehr als drei Millionen über 80jährige.

Es gibt noch ein ganz entscheidendes Signal, das seltsamerweise auch häufig verschwiegen wird. Dabei handelt es sich ebenso um eine freie Entscheidung von freien Bürgern, die ich hier gar nicht kritisiere: In den Jahrgängen, die traditionell in einem bestimmten Lebensalter heiraten und Kinder bekommen, findet heute eine Art Flucht oder Vereinzelung statt. Wenn in Westdeutschland 36 Prozent und in Ostdeutschland 30 Prozent aller Haushalte Single-Haushalte sind - in Großstädten wie München oder Frankfurt liegt der Anteil sogar bei rund 50 Prozent -, dann hat das enorme Folgen für die Gesellschaft. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was das für den Alltag von heute und erst recht von morgen und übermorgen bedeutet. Jeder muß das erkennen.

Zudem leisten wir uns in Deutschland den "Luxus", daß die jungen Menschen erst sehr spät in das Berufsleben einsteigen: Ein deutscher Hochschulabsolvent ist in der Regel fast 30 Jahre alt, wenn er seine berufliche Laufbahn beginnt. Wenn bei uns dann - bei steigender Lebenserwartung - noch ein wilder Streit darüber entsteht, ob man mit 62 oder mit 63 Jahren in den Ruhestand gehen kann, muß man dabei wenigstens nach den Grundrechenarten bedenken, was es heißt, daß - grob gerechnet - zwei Drittel des Lebens in Ausbildungs- und Pensionszeit gehen und nur ein Drittel für den beruflichen Ertrag zur Verfügung steht. Dies zur Kenntnis zu nehmen, ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Die Konsequenz lautet, daß das Rentensystem nicht so bleiben kann, wie es ist. Für die Rentner von heute brauchen wir es nicht zu ändern - Gott sei Dank. Es ist ein wichtiges Ziel, daß die Gründergeneration unserer Republik ihren Lebensabend genießen kann. Aber wegen der Rentner von morgen müssen wir Veränderungen vornehmen. Das gilt ebenso im Blick auf die heute Jungen. Niemand kann und darf ihnen eine Last aufbürden, die die Lust am Leben und die Chance auf wirtschaftliches Wohlergehen beeinträchtigt.

All dies muß doch beispielsweise auch Folgen für unser Gesundheitssystem haben. Wenn Sie in eine beliebige chirurgische Klinik gehen, werden Sie feststellen, daß in vielen Betten Patienten liegen, die über 65 Jahre alt sind und sich einer Bypass- oder Hüftoperation unterziehen. Natürlich muß die Solidargemeinschaft für diese Menschen bereitstehen und ihnen helfen. Es kann nicht unsere Politik sein, daß das Alter eines Patienten darüber entscheidet, ob eine medizinische Maßnahme durchgeführt wird oder nicht. Wir wollen nicht in eine Situation wie anderswo in der Europäischen Union kommen, daß jemand ab einem bestimmten Alter keine solchen Ansprüche mehr hat. Wir wollen, daß die, die Hilfe brauchen, wirklich Hilfe erfahren.

Aber gleichzeitig müssen wir zur Kenntnis nehmen - und das sage ich auch hier in Bayern, wo über dieses Thema ziemlich hart diskutiert wird, meine Damen und Herren -, daß sich im Bereich der Kuren Dinge entwickelt haben, über die man nur staunen kann: ein Ansteigen der Kosten in dramatischer Höhe in nur wenigen Jahren. Und das nicht in einem Land, das von einer Epidemie nach der anderen heimgesucht wird! In diesen Tagen brechen wieder viele Millionen von Menschen auf, um ihren Urlaub im Ausland zu verbringen - ich freue mich ja darüber. Aber offensichtlich schleppen sie sich dorthin, erholen sich, und wenn sie wieder zu Hause angekommen sind, sind sie kurreif - das ist doch absurd! Wir alle kennen doch die Beispiele. Wir müssen Front machen gegen das Trittbrettfahren in unserer Gesellschaft!

Das Gemeinwohl verbietet es, die Staats- oder Sozialkasse als einen Steinbruch zu betrachten, aus dem jeder seinen Teil herausreißt. Es kann nicht gutgehen, wenn sich die Einstellung breit macht: Ich habe so viel in die Sozialkassen hineingezahlt, jetzt will ich es mindestens wiederhaben und möglichst noch mehr. Das wird nicht funktionieren. Deswegen müssen wir uns ändern und Veränderungen vornehmen.

Edmund Stoiber sprach mit Recht von der Bugwelle der Globalisierung. Das ist keine verrückte Idee von uns, sondern es geht um Arbeitsplätze. Die phantastischen Männer und Frauen, die vor 50 Jahren unsere Republik neu begründeten, haben die Grundlage dafür geschaffen, daß wir die Nummer zwei im Export der Welt wurden, das wir sozusagen auf dem olympischen Treppchen mit ganz oben stehen. Um diese Position zu halten, müssen wir uns gewaltig anstrengen. Die deutsche Wirtschaft ist nicht schlechter geworden. Aber die anderen sind besser und vor allem zahlreicher geworden. Das gilt für Asien, aber das gilt in hohem Maße natürlich auch für unsere Nachbarn in Mittel- und Ost- und Südosteuropa.

Ich habe erst am Freitag in einer Diskussion bei der Alfred-Herrhausen-Gesellschaft in Berlin mit dem russischen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin darüber diskutiert. Die Sache ist doch eigentlich für jedermann verständlich. Wir haben jahrzehntelang gesagt - gerade in Westdeutschland -: "Wenn doch nur der Kommunismus zusammmenbrechen würde; wenn doch Mauer und Stacheldraht verschwinden würden. Dann wollen wir alles tun, daß unsere Nachbarn den Weg zu unserem Europa finden."

Meine Damen und Herren, nun ist das Gewünschte eingetreten. Das Geschenk ist da! Mit dem Geschenk der Deutschen Einheit ist auch die Freiheit für die Völker in Mittel-, Ost- und Südosteuropa gekommen. Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, es gibt jetzt namentlich die Russische Föderation. All diese Länder tun sich unendlich schwer. Überlegen Sie, was es bedeutet, daß die Menschen in Moskau, in Sankt Petersburg und anderswo in Rußland jetzt - nach 70 Jahren Kommunismus - eine Demokratie, einen Rechtsstaat, ein freies wirtschaftliches System und soziale Stabilität aufbauen müssen. Wenn man unsere Schwierigkeiten in den neuen Ländern bedenkt, die es trotz der vollen Unterstützung Westdeutschlands gibt, dann bekommt man eine Ahnung davon, was in jenen Ländern vor sich geht. Es muß unser Interesse sein, daß sie auf die Beine kommen, daß - ganz einfach gesagt - das Experiment Demokratie gelingt. Wir wollen, daß Boris Jelzin und seine Mitstreiter Erfolg haben, daß es kein Zurück, keinen Rückfall in alte Strukturen gibt - sicherlich nicht in kommunistische Strukturen alter Art, aber vielleicht in autoritäre Strukturen, oder was sonst drohen könnte.

Wir wollen nicht wieder so viel Geld für Raketen und Militär ausgeben, wir wollen Werke des Friedens tun. Jede Mark, die wir jetzt vernünftig als Hilfe zur Selbsthilfe - das ist die Voraussetzung - in diese Länder investieren, ist eine Abschlagszahlung auf eine friedliche Zukunft für uns alle. Auch das, meine Damen und Herren, gehört zu dem, was man mit Globalisierung benennt.

Wir müssen uns jetzt anstrengen und die notwendigen Entscheidungen für die Zukunft, für das 21. Jahrhundert treffen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, daß wir Deutsche die Kraft und die Fähigkeit besitzen, unsere wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen, wenn wir es nur wollen. Manches kann Jahre dauern, aber wir haben alle Chancen. Es wäre jedoch zu wenig, wenn wir uns dabei allein auf die materiellen Fragen konzentrierten. Von ganz entscheidender Bedeutung für die Zukunft unseres Landes wird sein, daß wir in unserer Werteordnung eine Grundlage haben, die im Wechsel der Zeiten Beständigkeit verbürgt.

Es wäre ein grundlegendes Mißverständnis, wenn die notwendigen Reformen im wirtschaftlichen und sozialen Bereich mit dem Abbau geistiger Fundamente und der Preisgabe von Werten einherginge, die für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft unverzichtbar sind. Bewahren und Verändern stehen nicht im Gegensatz zueinander! Vertrauen in die Zukunft kann sich nur dort entwickeln, wo es Vertrauen zwischen den Menschen gibt. Wenn jeder nur noch seinen eigenen Vorteil im Auge hat, dann ist lähmendes Mißtrauen allgegenwärtig.

Deswegen geht es auch nicht an, daß Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug und das Erschleichen von Sozialhilfe da und dort als Kavaliersdelikte gelten. Wenn dies weiter um sich greift, meine Damen und Herren, brauchen wir uns über die Werte gar nicht mehr zu unterhalten. Wir müssen dies klar aussprechen, und das ist sicher auch eine Sache für offene Diskussionen in Kirchen und nicht zuletzt in Akademien.

Wir dürfen nicht zulassen, daß in wichtigen Schichten unseres Volkes der Eindruck entsteht, nur die Dummen würden arbeiten, die Cleveren aber reguläre Arbeit verweigern und schwarzarbeiten, weil sie dabei mehr verdienen. Darüber wird zwar viel gelächelt, aber in Wahrheit ist das eine schlimme Entwicklung.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: Ich plädiere nicht für einen Staatsanwalt an jeder Ecke. Aber der "common sense" unserer Gesellschaft muß wieder deutlich machen, daß sich an dieser Einstellung etwas ändern muß. Von unseren Müttern haben wir einmal den Satz gelernt: "So etwas tut man nicht!" Als Kinder mögen wir darüber gelächelt haben. Aber ich bin im Laufe der Jahre immer mehr zu der Überzeugung gekommen, daß dies für die Entwicklung einer Gesellschaft ein existentieller Satz ist. Auf dieser Grundlage können wir für die Zukunft Modelle schaffen. Wir müssen versuchen, aus dem christlichen Menschenbild heraus den Gedanken des menschlichen Miteinanders wieder stärker zu betonen.

Wir reden von der sozialen Frage, und die meisten, die darüber sprechen, verstehen sie als eine Frage der materiellen Not. Die gibt es, und sie zu bekämpfen ist eine zentrale Aufgabe. Aber wir müssen uns auch Gedanken über immaterielle Fragen machen, beispielsweise die zunehmende Einsamkeit im Alter. Das ist doch angesichts der Entwicklung, die ich hier eben dargelegt habe, ein immer drängenderes Problem.

In diesem Zusammenhang beobachte ich eine erstaunliche Diskussion in unserem Land: Vor Gott und den Menschen sind zunächst die Eltern für ihre Kinder verantwortlich - die Lehrer sind es auch, aber die Reihenfolge muß stimmen. Aber, meine Damen und Herren, dazu gehört vor allem auch der zweite Satz, daß nämlich vor Gott und den Menschen die Kinder gegenüber ihren Eltern Verantwortung tragen. Wenn ich die Debatte und die Gesetzgebung zu diesem Thema in Deutschland betrachte, finde ich es schon ziemlich erstaunlich, wie wir uns hier in vielen Bereichen von dem entfernt haben, was einfachster Anstand oder Moral im besten Sinne des Wortes sind.

Ich nehme ein anderes Beispiel: Wie sollen wir reagieren, wenn junge Menschen sich in eine Scheinwelt der neuen Medien zurückziehen und Gefahr laufen, sich in ihrem Lebensumfeld von persönlichen Gesprächen und dem Bemühen um gegenseitiges Verständnis auszuschließen? Es ist für die Zukunft unseres Landes natürlich von allergrößter Bedeutung, ob der Sinn für die Gemeinsamkeit gepflegt wird oder nicht.

Und schließlich müssen wir auch fragen: Was geschieht mit jenen, die in unserer hochtechnisierten Welt die unerbittlichen Normen von Schnelligkeit, Anpassungsfähigkeit und analytischer Intelligenz nicht mehr erfüllen? Es wäre inhuman, wenn diese Männer und Frauen an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden.

Unter den über vier Millionen Arbeitslosen, meine Damen und Herren, gibt es rund eine Million Langzeitarbeitslose. Davon hat der größte Teil - das ist eine bittere Erkenntnis - keine abgeschlossene Berufsausbildung. Die Gleichung stimmt noch: keine abgeschlossene Berufsausbildung - große Gefahr der Dauerarbeitslosigkeit! Wir stehen jetzt mitten in einer Schlacht um Lehrstellen überall in Deutschland. Ich kann Sie nur einladen, dabei mitzumachen. Wenn es uns nicht gelingt, möglichst allen jungen Leuten, die danach streben, einen Ausbildungsplatz zu verschaffen, werden wir die Zahl der Langzeitarbeitslosen künftig noch weiter erhöhen.

In unserem Land gibt es einen großen Reichtum an Menschen, die über die Gabe verfügen, auf andere einzugehen, ihnen zuzuhören, ihnen Geborgenheit zu vermitteln. Wir müssen diese Menschen im besten Sinne des Wortes honorieren - nicht nur materiell. Wir sollten ihnen unseren Respekt und unsere Achtung entgegenbringen, damit sie ihre Fähigkeit einsetzen, denn auf Nächstenliebe kann unsere Gesellschaft nicht verzichten! Es ist wichtig, daß wir auch jene ermutigen, die beispielsweise ein Ehrenamt versehen, denn ohne Ehrenamt wird dieser Staat keine Zukunft haben.

Ich nehme noch ein ganz anderes Beispiel: Ich habe jeden Respekt vor der persönlichen Entscheidung einer verheirateten Frau, ob sie berufstätig sein will oder nicht. Das ist ihre Entscheidung, die sie mit ihrem Mann, mit ihren Angehörigen trifft; die habe ich nicht zu kritisieren. Aber ich habe etwas dagegen, wenn man dann bei Nichtberufstätigkeit von der "Nur-Hausfrau" oder "Nur-Mutter" spricht. Das hat eine abschätzige Bedeutung, die völlig fehl am Platz und die im übrigen auch dumm ist. Denn viele - auch hier im Saal - verdanken ihre Existenz einer solchen "Nur-Hausfrau" und "Nur-Mutter". Das sollte man gelegentlich einmal in Erinnerung rufen.

Meine Damen und Herren, wir haben heute andere Probleme als vor 50 Jahren, und es gibt sicherlich mehr Grund zu realistischem Optimismus als vor 50 Jahren. Lassen Sie die 5000 Veranstaltungen, die hier stattfanden, noch einmal Revue passieren, stellen Sie sich allein vor, welche Diskussion hier zur Zeit des Kalten Krieges stattgefunden hat, als es um elementare Entscheidungen der Außen- und Sicherheitspolitik ging. Und vergleichen Sie dies alles mit der Situation heute: Erst vor wenigen Tagen hat der Präsident Rußlands, Boris Jelzin, auf Bitte des amerikanischen Präsidenten die Besprechungen in Denver eröffnet. Dieses kleine Beispiel zeigt die Veränderungen, die inzwischen erfolgt sind.

Jetzt, an der Schwelle zum neuen Jahrhundert, haben wir die große Chance, Frieden und Freiheit, gute Partnerschaft und Freundschaft mit all unseren Nachbarn zu sichern, indem wir das Haus Europa bauen. Ich freue mich, daß hier in Tutzing vieles an Vorarbeiten dafür geleistet worden ist. Auch das gehört in das Bild Ihrer Arbeit in den vergangenen 50 Jahren.

Ich habe mich zum Beispiel gefreut, daß Sie erst kürzlich hier eine Veranstaltung zum "Euro" durchgeführt haben. Ich bin ganz sicher, daß Sie bei dieser Gelegenheit das gleiche sagen, was amtliche deutsche Politik ist. Wir wollen eine stabile Währung. Dies gilt um so mehr, als wir Deutsche in diesem Jahrhundert zweimal erlebt haben, was es bedeutet, daß die Ersparnisse breiter Bevölkerungsschichten durch den Verfall der Währung völlig entwertet wurden. Bald sind es 50 Jahre her, daß sich die Deutschen eine stabile Währung geschaffen haben - eine der besten in der Welt neben dem Yen und dem Dollar. Wir wollen und werden keinen Euro haben, der unseren hohen Anforderungen nicht entspricht. Wir halten uns an die festgelegten Kriterien und den vereinbarten Zeitpunkt.

Aber wir wissen, daß die Währung ein wichtiger Teil des europäischen Einigungswerkes ist, daß der Friede und die Freiheit Europas damit zu tun haben. Wir bauen dieses Haus Europa - wetterfest und groß genug für alle Völker in Europa, die darin wohnen wollen, und auch mit einem Dauerwohnrecht für unsere amerikanischen Freunde.

Wer zurück will, meine Damen und Herren, zum Nationalstaat alter Zeit, der versagt vor der Geschichte. Wenn wir Deutsche uns nach dem Geschenk der Deutschen Einheit auf die Einheit der Nation beschränken und die Zeichen der Zeit nicht erkennen, nämlich jetzt das Haus Europa zu bauen, dann versagen wir vor der Geschichte. Ich halte den Satz von François Mitterrand in seiner letzten Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg für absolut richtig: Der Nationalismus - das ist der Krieg. Wir wollen nie wieder zurück zu einem Nationalstaat mit seinen Gefahren, wir wollen den Frieden und die Freiheit für alle in Europa!

Niemand soll glauben, meine Damen und Herren, daß uns das so einfach in den Schoß fällt. Wenn ich hier vor wenigen Jahren gesprochen hätte, hätte auch niemand geglaubt, daß wir mitten in Europa im früheren Jugoslawien Zustände erleben müßten, die für völlig ausgeschlossen gehalten wurden. Heute leben unter uns 350000 Bosnien-Flüchtlinge, die von Haus, Hof und aus der Heimat vertrieben wurden - mitten in Europa, nicht in einem fernen Kontinent.

Deshalb ist dieser Aufbruch nach Europa so wichtig, und deswegen ist es auch keine Illusion, wenn wir von Visionen reden. Robert Schuman, Alcide de Gasperi und Konrad Adenauer, um nur diese drei zu nennen, hatten die Vision Europa. Heute wissen wir, meine Damen und Herren, daß die Visionäre von damals sich als die großen Realisten der Geschichte erwiesen haben. Die Gründergeneration handelte in vollem Bewußtsein der geistig-kulturellen Tradition, die alle Völker Europas miteinander verbindet.

Ich bin etwas traurig darüber, daß wir in der aktuellen europapolitischen Diskussion fast nur noch über Wirtschaft und Währung reden. All das ist natürlich ganz wichtig. Aber das, was uns vor allem in Europa zusammenschließt, ist die kulturelle und große christliche Tradition. Wir dürfen nie aus den Augen verlieren, daß wir in Europa vor allem eine Werte- und Kulturgemeinschaft bilden.

Deswegen wünsche ich mir beispielsweise, daß evangelische und katholische Christen noch stärker als bisher die neuen Chancen zum Dialog mit den orthodoxen Christen in Europa nutzen. Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung in Graz vor wenigen Tagen hat gezeigt, daß hier noch ein weiter Weg zurückzulegen ist. Unter der kommunistischen Diktatur konnte sich ein wirklich in die Tiefe gehender Dialog zwischen großen Teilen der orthodoxen Christenheit sowie evangelischen und katholischen Christen im Westen kaum entwickeln. Jetzt ist diese Chance gegeben.

Angesichts der bedrohlichen Zunahme des Fundamentalismus in manchen Teilen der Erde ist es für eine gute Zukunft unseres Kontinents ebenso wichtig, daß sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen - Judentum, Christentum und Islam - auf ihre gemeinsamen Wurzeln und Werte besinnen und vom Geist der Brüderlichkeit leiten lassen.

Sie sehen, es gibt für die Evangelische Akademie Tutzing in den nächsten 50 Jahren eine Vielzahl von Themen. Sie können hier ohne Schwierigkeiten weitere 5000 Begegnungen organisieren, und ich hoffe, Sie tun das. Diese Akademie ist eine anerkannte Stätte des Austauschs der Meinungen, des offenen und ehrlichen Dialogs. So soll es auch bleiben. Meine Gratulation und meine guten Wünsche für diese nächsten 50 Jahre möchte ich mit einem besonderen Anliegen verbinden, obwohl dies in Tutzing vielleicht weniger notwendig ist als anderswo: Es geht mir darum, daß wir bei den Entscheidungen, die jetzt anstehen, wieder mehr realistischen Optimismus ausstrahlen.

Man kann doch jetzt schon absehen, was passieren wird, wenn in zweieinhalb Jahren das Jahrtausend zu Ende geht. Dann werden viele Geschäftemacher auftreten und mit der Angst und Unsicherheit der Menschen Geld verdienen. Als vor 1000 Jahren das damalige Jahrtausend zu Ende ging, glaubten viele Menschen, um Mitternacht ginge die Welt unter. Die Beschreibungen sind sehr drastisch, wie zum Beispiel die Bürger in Augsburg ihre Stadt verlassen und draußen um null Uhr den Weltuntergang erwartet haben.

Das wird bei diesem Jahrhundertwechsel nicht so kommen. Es bleibt sogar zu hoffen, daß sich die deutschen Fernsehanstalten in ihrem Nachtprogramm darauf einstellen, daß dies nicht irgendein Ballyhoo sein wird, sondern ein Ereignis, das man auch entsprechend würdigen sollte. Aber, meine Damen und Herren, es wird sich gerade auch im Bereich der Sekten vieles tun. Die Wahrsagerei und ähnliche Metiers werden Urstände - aber nicht fröhliche! - feiern. Viele werden sich am Geschäft mit der Lebensangst beteiligen.

Ich habe vorhin dargelegt, wie die Zugehörigkeit zu den Konfessionen abgenommen hat; Edmund Stoiber hat in einem anderen Zusammenhang darauf hingewiesen. Natürlich muß damit nicht automatisch ein Rückgang von Glaube und Religiosität einhergehen. Aber wir erleben heute doch vor allem eine neue Form der Gleichung, die da lautet: Der Verlust an Glauben bedeutet ein Mehr an Lebensangst. Das spielt sich im Prinzip wie in einem System kommunizierender Röhren ab. Dem muß man - nicht nur als gläubiger Christ - entgegentreten. Wir müssen vor allem den jungen Menschen in unserem Land sagen: Ihr gehört einer Generation an, die mehr Chancen hat als jede andere Generation zuvor!

Vor zwei Tagen habe ich mit Ministerpräsident Tschernomyrdin in der Neuen Wache in Berlin vor der Plastik von Käthe Kollwitz gestanden. Sie hat diese zutiefst anrührende Darstellung einer Mutter mit ihrem gefallenen Sohn im Februar des Jahres 1943, nach dem Fall von Stalingrad, geformt, als sie die Nachricht vom Tod ihres Enkels Peter erhielt. Ich habe mit dem Ministerpräsidenten darüber gesprochen, wie diese Frau in ihrem Tagebuch beide Ereignisse beschrieben hat - den Tod ihres Enkels Peter und den Tod ihres eigenen Sohnes Peter im Ersten Weltkrieg. Und er hat mir dann spontan aus seiner Familie erzählt, wie sie den Krieg erlebt haben und wie nächste Familienangehörige gefallen sind.

Ich wünsche mir ganz einfach, daß in den nachfolgenden Generationen nie wieder Männer und Frauen über dieses Thema aus einer persönlichen Erfahrung reden müssen, daß das Glück des Friedens und der Freiheit uns erhalten bleibt. Deshalb ist es unsere Aufgabe, den Jungen, die heute aufwachsen, zu sagen: Dies ist euer Land, dies ist eure Chance; ihr habt keinen Grund zu Pessimismus. Sagt "Ja" zu eurem Leben und tut das mit der Fröhlichkeit des Herzens, die eine junge Generation mit solchen Chancen sehr wohl in sich tragen kann.

Das wünsche ich mir von den Kirchen, das wünsche ich mir auch von einer Akademie. Seien Sie ganz einfach so, wie die Landschaft hier in ihrer barocken Schönheit, in ihrer Offenheit und in ihrer Menschenfreundlichkeit. Kluge Gespräche, menschlich bedeutende Begegnungen, angenehme und bleibende Erinnerungen und vor allem auch das Ja zur Zukunft unseres Landes - dazu möchte ich Sie alle herzlich einladen. Der Akademie für die nächsten Jahrzehnte, für die nächsten 50 Jahre viel Glück und Gottes Segen!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 61. 17. Juli 1997.