2. September 1997
Ansprache anlässlich des Empfangs für die Mannschaft des 34. Internationalen Berufswettbewerbs in Bonn


Meine Herren Präsidenten,
lieber Herr Stihl,
lieber Herr Philipp,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

und vor allem geht mein Gruß an die Gäste, die im Mittelpunkt unserer heutigen Begegnung stehen: an die Mannschaft des 34. Internationalen Berufswettbewerbs. Ich begrüße Sie alle sehr herzlich hier im Palais Schaumburg, dem alten Bundeskanzleramt. Ich denke, daß die meisten von Ihnen bisher noch nie in diesen Räumen waren. Deshalb möchte ich ein Wort dazu sagen, warum der Empfang gerade hier stattfindet. Es gibt wenige Gebäude, die die knapp 50jährige Geschichte unserer Bundesrepublik Deutschland symbolisieren. Dieses Haus ist ein solches Beispiel - und vielleicht das beste. Als die Bundesrepublik Deutschland 1949 gegründet und Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler gewählt wurde, richtete man dieses Haus als Kanzleramt ein. Alle meine Vorgänger - Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Willy Brandt und Helmut Schmidt in der ersten Hälfte seiner Amtszeit - haben hier amtiert.

Ich habe Sie hierher eingeladen, weil ich Ihnen gerne einen Eindruck von der jungen Geschichte unserer Republik vermitteln wollte. Hier sind viele der wichtigsten Entscheidungen in den vergangenen Jahrzehnten getroffen worden - Entscheidungen, die das Leben unseres Volkes verändert haben. Hier wurde Politik gestaltet zu einer Zeit, in der unter äußerst schwierigen Bedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg unser Gemeinwesen neu aufgebaut wurde. In diesen Jahrzehnten waren beispielsweise alle amerikanischen Präsidenten - unsere wichtigsten Verbündeten - hier zu Gast, ebenso wie die wichtigsten Repräsentanten der Führung der damaligen Sowjetunion und viele andere mehr.

Hier in diesem Saal ist vor sieben Jahren auch der Vertrag über die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion unterschrieben worden. Dieses Gebäude hat viele bedeutende Stunden erlebt - und ich finde es gut und richtig, daß Sie heute hier zu Gast sind. Ich möchte Sie mit der Einladung in dieses Haus ehren - weil auch Sie für unser Land Ehre eingelegt haben.

In diesem Jahr haben auf der 34. Internationalen Berufsolympiade in St. Gallen 532 Kandidaten aus 30 Ländern um die Medaillen gekämpft. Viermal Gold, dreimal Silber und dreimal Bronze haben Sie für das deutsche Team errungen. Hinzu kommen zwölf Diplome für besondere Leistungen. Das deutsche Team hat mit dem fünften Platz sehr gut abgeschnitten. Insgesamt wurden 22 von 30 deutschen "Berufsolympioniken" ausgezeichnet.

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu dieser Auszeichnung. Sie können mit Recht stolz auf diesen Erfolg sein, denn dieser Erfolg ist Ihnen nicht zugefallen. Sie haben hart dafür arbeiten müssen. Sie wußten: Ein solches Ziel erreicht man nur, wenn man mehr tut als andere.

Das gute Ergebnis ist zugleich eine Auszeichnung für Ihre Ausbilder und Betreuer. Deshalb möchte ich sie alle, nicht zuletzt auch die deutschen Träger des Berufswettbewerbs, den Deutschen Industrie- und Handelstag und den Deutschen Handwerkskammertag, in diesen Dank und Respekt ausdrücklich einschließen.

In Deutschland haben wir durch die Jahrzehnte hindurch ein Berufsausbildungssystem entwickelt, das heute weltweit als das beste gilt. Unser duales System gewährleistet eine erstklassige Ausbildung, bei der fachliches Können und solide handwerkliche Fähigkeiten ebenso vermittelt werden wie die Erfahrung des menschlichen Miteinanders im Betrieb, die Fähigkeit, im Team zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Dieses System zeichnet sich aus durch Praxisnähe, Flexibilität und Qualität der Ausbildung. Das haben Sie mit Ihren Ergebnissen, mit Ihren Siegen und Auszeichnungen in St. Gallen einmal mehr eindrucksvoll bestätigt.

Man muß sich darüber im klaren sein, was es bedeutet, wenn rund 70 Prozent der Schulabgänger eines jeden Jahrgangs eine betriebliche Ausbildung anstreben. Dies ist, wenn Sie so wollen, ein gewaltiger Vertrauensbeweis. Deswegen ist es entscheidend, daß wir in Deutschland in diesem Jahr und in der vor uns liegenden Zeit genügend Ausbildungsstellen bereitstellen, damit jeder, der will und kann, die Chance zu einer beruflichen Ausbildung erhält. Ich muß jedoch hinzufügen - das wissen Sie auch -, daß wir nicht jedem eine Ausbildung in seinem Traumberuf garantieren können. Das gibt es in der ganzen Berufswelt nicht.

Ich bin sehr dankbar dafür - und sage das direkt an Sie gerichtet, lieber Herr Stihl und lieber Herr Philipp, an Ihre Hauptgeschäftsführer und Mitarbeiter der Kammern überall in unserem Land -, daß sich alle mit großem Engagement dafür einsetzen, genügend Lehrstellen zu schaffen. Wir sind noch nicht über den Berg. Aber wir haben gute Chancen, das Ziel zu erreichen.

Wir müssen erreichen, daß wir genauso viele Ausbildungsstellen wie Ausbildungsstellensuchende haben. Wir haben dabei in Deutschland regional ganz unterschiedliche Verhältnisse. In den neuen Ländern ist die Situation notwendigerweise schwieriger, weil beispielsweise die breite Basis von Ausbildungsbetrieben - etwa im Handwerk oder im kleineren Mittelstand - wenige Jahre nach der Deutschen Einheit noch gar nicht gegeben sein kann. Deswegen müssen wir uns nicht nur im Blick auf bundesweite Durchschnittszahlen um dieses Problem bemühen, sondern auch spezifische Lösungen für die jeweilige Region finden.

Wir haben in diesem Sinne enorme Anstrengungen unternommen; und wir müssen diese Anstrengungen fortsetzen, denn in den Jahren bis 2007 werden geburtenstarke Jahrgänge die Schulen verlassen. Im übrigen ist es ein Glück, daß wir solche geburtenstarke Jahrgänge haben - manch einer wird sich später mit Wehmut daran erinnern, denn in ein paar Jahren wird es wegen der geburtenschwächeren Jahrgänge einen ausgesprochenen Lehrlingsmangel geben.

Wir stehen in diesem Jahr erneut vor einer schwierigen Situation: Steigende Bewerberzahlen auf der einen und fortschreitender wirtschaftlicher Strukturwandel auf der anderen Seite stellen unser Berufsausbildungssystem - und alle, die dafür Verantwortung tragen - vor große Herausforderungen.

Deshalb hat die Bundesregierung frühzeitig gehandelt: Unser gemeinsames Ziel ist es, das Angebot an Lehrstellen so weit wie möglich zu vergrößern. Beispielsweise haben wir das Ausbildungsplatzangebot in den Bundesministerien um mehr als sechs Prozent gesteigert. Wir haben vor allem in den neuen Ländern ein Sonderprogramm zur Förderung von 15000 zusätzlichen Lehrstellen auf den Weg gebracht. Die Kollegen Rüttgers und Rexrodt haben in diesen Wochen 100000 - Sie hören richtig - Betriebe und Verwaltungen angeschrieben, um noch mehr Lehrstellen möglich zu machen.

Ich bin ganz sicher, daß all dies seine Wirkung nicht verfehlen wird. Es gibt viele ermutigende Zeichen. Ich höre zum Beispiel, daß viele Handwerksmeister sich jetzt trotz einer schwierigen wirtschaftlichen Lage sagen: "An sich wollte ich nur zwei Lehrlinge einstellen, aber angesichts der Lage werde ich vier Lehrlinge einstellen. Natürlich kann ich nicht garantieren, daß ich sie nach dem Abschluß der Lehre beschäftigen kann, aber ich stelle sie jetzt ein, damit sie eine gute Ausbildung erhalten." Es gibt auch hervorragende Beispiele bei deutschen Großunternehmen. Andererseits gibt es unter den großen deutschen Unternehmen auch einige, die nicht erkennen wollen, daß andere mehr tun als sie selbst. Das will ich in diesem Zusammenhang durchaus mit einer kritischen Note anmerken.

Bei all diesen Bemühungen geht es jetzt nur um ein Ziel: darum, daß junge Frauen und junge Männer in den entscheidenden Jahren an der Schwelle zum Berufsleben die Chance erhalten, das Beste aus sich zu machen. Deswegen nehme ich heute die Gelegenheit wahr, noch einmal an alle Beteiligten zu appellieren, ihre Anstrengungen zu verstärken: Es ist ganz wichtig, daß in der Lehrstellenfrage die gelebte Solidarität mit der jungen Generation unseres Landes deutlich wird.

Ich möchte ein persönliches Wort an Sie, liebe junge Gäste, richten. Sie haben - das Ergebnis von St. Gallen zeigt das - eine erstklassige Ausbildung erfahren. Sie haben sich hervorragend qualifiziert. Wenn Sie jetzt über Ihren weiteren

Berufsweg nachdenken, so sollten Sie auch einmal überlegen - diesen Rat will ich Ihnen geben, ohne in Ihre Entscheidung hineinreden zu wollen -, ob Sie sich nicht selbständig machen möchten. Mit Ihrer Ausbildung, mit Ihrem Können, mit dem Wagemut, der dazu erforderlich ist, und vor allem mit dem Glauben an sich selbst können Sie viel erreichen - für sich selbst und auch für unser Land.

Die Zukunft der Deutschen im 21. Jahrhundert hängt entscheidend davon ab, daß wir uns etwas zutrauen und daß wir mit Mut und Zuversicht nach vorn blicken. In den nächsten sieben oder acht Jahren werden rund 700000 mittelständische Unternehmer einen Nachfolger für ihren Betrieb suchen, darunter sind rund 200000 Handwerksbetriebe. Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, einmal in Erwägung zu ziehen, ob es nicht auch eine Sache für Sie wäre, die Chance zur Selbständigkeit zu ergreifen.

Wir haben einen dringenden Nachholbedarf auf diesem Gebiet. Nahezu zwei Drittel aller Arbeitnehmer in Deutschland sind in mittelständischen Unternehmen beschäftigt. Rund vier Fünftel aller Lehrlinge werden in mittelständischen Betrieben ausgebildet. Deswegen ist klar, daß wir gerade auch im mittelständischen Bereich - nicht zuletzt angesichts der zunehmenden, stärker und besser gewordenen Konkurrenz in Asien, in Lateinamerika und auch in Mittel-, Ost-, und Südosteuropa - einen Aufbruch brauchen, um die Zukunft unseres Landes an der Schwelle zum nächsten Jahrhundert zu sichern. Dazu gehört auch, was ich eben Wagemut genannt habe. Man kann es auch anders ausdrücken: Wir brauchen eine neue Kultur der Selbständigkeit.

Ich will Sie dazu ermutigen, Ihre Chance wahrzunehmen. Zu dieser Ermutigung gehört ganz gewiß auch die Unterstützung durch das "Meister-BAföG". Nutzen Sie diese Möglichkeit. Es wäre schön, wenn möglichst viele von Ihnen den Meisterbrief erwerben und später etwas von Ihren Kenntnissen und Erfahrungen, die Ihnen zuteil werden, an die nachrückende Generation weitergeben könnten. Unser Land wird nur dann eine gute Zukunft haben, wenn wir alle in diesem Sinne zusammenwirken.

Ich wünsche Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg von Herzen, daß Sie - bei allen Rückschlägen, die vielleicht kommen werden - Ihren Weg so weitergehen wie Sie ihn begonnen haben. In diesem Sinne viel Glück und Erfolg für Ihre Zukunft!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 76. 26. September 1997.