3. Oktober 1997
Ansprache bei dem Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart


Herr Bundespräsident,
lieber Präsident George Bush, liebe Barbara Bush,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute wie vor sieben Jahren ist der 3. Oktober, der Tag der Deutschen Einheit, ein Tag der Freude und der Dankbarkeit. Das wird auch in Zukunft so sein.

Der Weg, den wir gemeinsam - die Deutschen in Ost und West - in den vergangenen sieben Jahren zurückgelegt haben, war gewiß nicht einfach. Niemand wird das bestreiten. Es bedarf großer Anstrengungen, die Lasten von vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft beiseite zu räumen. Vieles ist mühseliger und langwieriger, als wir alle gedacht haben.

Aber dies darf nicht den Blick darauf verstellen, worauf es wirklich ankommt: Entscheidend ist, daß wir Deutschen diesen Weg gemeinsam zurücklegen. Wir können gemeinsam - in Ost und West - in Freiheit zusammenleben. Wir können gemeinsam unsere Zukunft im 21. Jahrhundert gestalten. Dies ist und bleibt ein kostbares Geschenk der Geschichte, ein großes Glück für uns Deutsche. Wir haben allen Grund, uns darüber zu freuen und von Herzen dafür dankbar zu sein.

Dieser Dank gilt all jenen, die die Einheit Deutschlands möglich gemacht haben. Viele haben daran mitgewirkt. Ich denke an die Männer und Frauen, die zu Hunderttausenden in Leipzig, in Dresden und an vielen anderen Orten gegen die Diktatur aufstanden. Mit ihrer friedlichen Revolution haben sie die Macht des SED-Regimes erschüttert und schließlich zum Einsturz gebracht. Zugleich haben sie damit eines der großartigen Kapitel in der wechselvollen deutschen Geschichte geschrieben.

Vierzig Jahre DDR - damit verbindet sich eben nicht nur die Erfahrung von Repression und Willkür, sondern auch von mutiger Auflehnung und innerer Emigration, von nachbarschaftlicher Hilfe und harter Arbeit unter widrigsten Bedingungen. Vor allem denken wir in dieser Stunde an die Menschen, die Opfer der Diktatur wurden und die wir nicht vergessen werden. Die Geschichte der DDR steht nicht zuletzt als eindrucksvolles Beispiel dafür, daß der Freiheitswille der Menschen auch in Jahrzehnten nicht ausgelöscht werden kann.

Wenn ich von Dankbarkeit spreche, dann meine ich vor allem auch unsere Freunde, unsere Partner und Verbündeten im Ausland, die die Wiedervereinigung Deutschlands tatkräftig unterstützten. Ich denke an unsere Partner in der Europäischen Union und an die Ungarn, deren großherziges Verhalten wir Deutschen nie vergessen werden. Sie haben Menschlichkeit und Mut bewiesen. Ich denke an Michail Gorbatschow, ohne den wir diesen Tag der Deutschen Einheit nicht feiern könnten.

Und ich denke ganz besonders an George Bush und die Vereinigten Staaten von Amerika. Lieber George Bush, es ist eine große Ehre und Freude, daß Sie den heutigen Tag mit uns verbringen und zu uns sprechen werden. Die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit ist untrennbar mit Ihrem Namen verbunden. In den dramatischen Wochen und Monaten der Jahre 1989 und 1990 war es von unschätzbarer Bedeutung, im Weißen Haus einen so engen und zuverlässigen Freund zu wissen. Dies hat mir auch persönlich in schwierigen Stunden Kraft gegeben. Dafür danke ich ganz herzlich.

Wir Deutschen hätten die Einheit in Freiheit nicht gewinnen können, zumindest nicht so schnell, wenn nicht Sie, lieber George Bush, und mit Ihnen die Vereinigten Staaten von Amerika treu an unserer Seite gestanden hätten. Sie haben keine Sekunde gezögert. Dafür bin ich Zeuge. Für Sie stand von Anfang an fest, daß der gemeinsame Wille der Deutschen zu Einheit und Freiheit, daß das Selbstbestimmungsrecht des deutschen Volkes Vorrang haben mußte vor allen geopolitischen Theorien von Gleichgewicht und Machtbalance. Sie haben uns unterstützt, weil Sie Vertrauen zu den Deutschen hatten - und weil es Ihrer tiefen Überzeugung entsprach.

Damit stehen Sie in einer Tradition, die vor fünfzig Jahren Harry S. Truman und George Marshall begründet haben. Im Mai dieses Jahres haben wir in Washington den fünfzigsten Jahrestag der Verkündung des Marshall-Plans gefeiert. Mit dem Marshall-Plan bekannten sich die USA zu einer weitsichtigen Politik, die Verantwortung für Europas Schicksal übernahm und auf die Einheit und Freiheit der europäischen Völker zielte. Was damals angestrebt wurde, hat sich unter Ihrer Führung, lieber Präsident Bush, in einem Triumph der Freiheit erfüllt.

Für uns Deutsche kann ich sagen: Lieber George Bush, Sie haben nicht nur einen festen und herausgehobenen Platz in den Geschichtsbüchern unserer Nation, sondern auch in den Herzen der Menschen. So wie sich die Deutschen auf die Vereinigten Staaten von Amerika verlassen konnten - und können -, so hat auch Amerika jetzt und in Zukunft im wiedervereinten Deutschland einen zuverlässigen Freund und Partner.

Vieles hat sich in den vergangenen Jahren in und um Deutschland verändert. Die politischen Rahmenbedingungen haben sich tiefgreifend gewandelt. Die Achse unserer außenpolitischen Orientierung aber hat sich nicht verschoben. Auch für das wiedervereinte Deutschland bleiben die atlantische und europäische Partnerschaft von existentieller Bedeutung. Nach der Wiedervereinigung ist jetzt das ganze Deutschland - wie zuvor die alte Bundesrepublik - geistig und politisch ein unverbrüchlicher Teil des Westens.

Ich erinnere mich gut an die Fragen, die vor sieben Jahren gestellt wurden: Wird die Bundesrepublik Deutschland ihren bewährten europäischen Kurs beibehalten - oder kehrt sie zurück in die überkommenen Verhaltensmuster nationalstaatlicher Machtpolitik? Wie wird das vereinte Deutschland überhaupt mit seinem veränderten Platz in der Staatengemeinschaft zurechtkommen? Wird es - mit seinen 82 Millionen Einwohnern in der Mitte des Kontinents - nicht die Statik des europäischen Hauses sprengen? Solche Fragen - gleichermaßen im In- und Ausland gestellt - mußten im Blick auf die deutsche Geschichte ernstgenommen werden. Heute steht für jedermann fest: Sie haben sich allesamt als gegenstandslos erwiesen.

Was vielen in Deutschland so selbstverständlich erscheint, ist für Betrachter im Ausland ein Grund zu höchstem Erstaunen - und zur Anerkennung. Die Irritationen, die Erschütterungen, die nicht wenige von einem vereinten Deutschland erwartet haben, sind ausgeblieben. Deutschland hat nach der Wiedervereinigung seinen internationalen Platz gefunden und eingenommen.

Ich halte dies für einen der wichtigsten Erfolge deutscher Politik seit 1990. Es ist gelungen, das wiedervereinte Deutschland ohne Brüche, gleichsam ganz natürlich in die außenpolitische Tradition der alten Bundesrepublik Deutschland zu stellen. Deutschland ist international kein Faktor der Unsicherheit, sondern der Stabilität. Dies wird auch in Washington, Paris, London und Moskau so gesehen.

Zum ersten Mal ist Deutschland an allen Grenzen nur von Freunden und Partnern umgeben. Der Frieden unseres Landes ist sicherer denn je. Das ist die wichtigste Botschaft sieben Jahre nach der Einheit. Es ist zugleich das wertvollste Gut, das wir unseren Kindern und Enkeln mit ins 21. Jahrhundert geben können.

Aber es gibt auch neue, höhere Anforderungen an unser Land. Nicht nur die Teilung Deutschlands, die Teilung des Kontinents ist überwunden. Viele Menschen in den Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas richten ihre Hoffnungen auf ein vereintes Europa und ganz besonders auf Deutschland. Es ist im deutschen wie im europäischen Interesse, diesen Menschen eine Perspektive zu geben. Dabei kann und will Deutschland keine "Brücke zwischen Ost und West" sein - um einen Begriff aufzunehmen, mit dem unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ein damals populäres außenpolitisches Konzept bezeichnet wurde. Unser Land kann aber dazu beitragen, das Tor aufzustoßen, durch das die jungen Demokratien östlich von uns ihren politischen Weg in die Gemeinschaft der Europäer finden. Für mich steht fest: Die östliche Grenze Deutschlands kann und darf nicht auf Dauer die Ostgrenze von NATO und Europäischer Union bleiben.

Zu den neuen Herausforderungen gehört die Erwartung unserer Partner - und unsere moralische Verantwortung und Verpflichtung -, einen größeren Teil der Last beim Schutz des Friedens zu übernehmen. Dies kann eine schwere Last sein - wir haben es spüren müssen. Auch in diesem Augenblick setzen Deutsche bei internationalen Friedensmissionen - zur Zeit in Bosnien-Herzegowina - ihr Leben aufs Spiel. Erst vor kurzem mußten wir den Verlust von Menschenleben beklagen. Wir wissen aber auch, daß wir unsere gewachsene Verantwortung für den Schutz von Frieden und Stabilität in Europa annehmen müssen. Es war von Anfang an klar, daß das vereinte Deutschland sich nicht in eine Nische der Weltpolitik wegducken kann. Wir stehen zu unserer gewachsenen Verantwortung, und dies wird auch von uns erwartet.

In der Präambel unseres Grundgesetzes bekennt sich das Deutsche Volk zu der Aufgabe, "als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen." Diesen Auftrag unserer Verfassung nehmen wir ernst. Wir sind zu diesem Dienst bereit. Dazu gehört für uns in besonderer Weise auch der Bau des Hauses Europa. Es bleibt dabei: Deutsche Einheit und europäische Einigung sind wie zwei Seiten derselben Medaille. Die Deutsche Einheit ist vollendet - jetzt gilt es, mit ganzer Kraft die Einigung Europas voranzutreiben.

Die Europäische Währungsunion ist auf diesem Weg ein Schlüsselprojekt. Sie ist nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch von eminenter Bedeutung. Durch die Einführung des Euros wird die Europäische Union als Friedens- und Freiheitsordnung für das 21. Jahrhundert noch fester - und unauflöslich - zusammengebunden. Gerade wir Deutschen in der Mitte Europas müssen daran jedes Interesse haben. Vergessen wir nie: Frieden und Stabilität in Europa sind die entscheidende Voraussetzung dafür, daß wir auch die großen Herausforderungen im Inneren unseres Landes meistern können.

Der Tag der Deutschen Einheit ist immer auch ein Tag der Selbstbesinnung im Blick auf die innere Einheit unseres Vaterlandes. Wahr ist, daß es nach wie vor große Sorgen und Probleme gibt. Unerträglich ist vor allem die hohe Arbeitslosigkeit. Der Einsatz für neue Arbeitsplätze muß deshalb im Mittelpunkt all unserer Anstrengungen stehen. Wahr ist aber auch, daß wir seit der Wiedervereinigung weit vorangekommen sind. Wer sich zurückerinnert, wie die Situation in den neuen Ländern vor sieben Jahren war, wird bestätigen: Es ist ungeheuer viel geleistet worden. Darauf können alle Deutschen gemeinsam stolz sein.

Die Städte und Dörfer verändern sich: Straßen und Eisenbahnstrecken werden erneuert oder neu gebaut. Tausende Kilometer Telefonleitungen sind verlegt worden. Die Lebensbedingungen der Menschen in Ost und West - Löhne, Renten, Arbeitszeiten bis hin zum Freizeitverhalten - nähern sich einander an.

Bei allem, was noch unvollkommen ist, bei allem, was wir noch nicht erreicht haben - es gilt, diese Fortschritte nicht kleinzureden. Sie sind nicht von abstrakten Institutionen oder anonymen Verwaltungen erzielt worden; sie sind in erster Linie das Werk der Menschen in unserem Land, allen voran das Werk der Menschen im Osten Deutschlands. Was sie in sieben Jahren geleistet haben, wird weltweit beachtet und verdient größten Respekt. Dabei darf - gerade im Westen - nicht übersehen werden, unter welch schwierigen Bedingungen diese Fortschritte erzielt wurden. Die Menschen mußten sich auf eine völlige Veränderung ihrer Lebensumstände einstellen, sie mußten mit ungewohnten, neuartigen Anforderungen fertigwerden.

Die allermeisten von ihnen haben nicht geklagt, sondern angepackt und hart gearbeitet. Und umgekehrt stimmt auch, daß die allermeisten Deutschen im Westen aus Überzeugung "Ja" gesagt haben zur Deutschen Einheit und zu den solidarischen Verpflichtungen, die daraus erwachsen.

Mit großem Einsatz, mit viel Fleiß und Kreativität sind die Deutschen im Osten unseres Vaterlandes dabei, ihre Heimat neu zu gestalten. Dafür gebührt ihnen Anerkennung und Dank - und dabei haben sie Anspruch auf tatkräftige Unterstützung. Auf diese Unterstützung werden sich die neuen Länder weiterhin verlassen können. Jedem in Deutschland muß klar sein, daß der weitere Aufbau Ost auch in den nächsten Jahren eine enorme Kraftanstrengung erforderlich macht. Wir sind auf dem Weg zu dem Ziel, selbsttragende wirtschaftliche Strukturen in den neuen Ländern aufzubauen - aber wir haben das Ziel noch nicht erreicht.

Es gilt, zusätzliche Impulse zu setzen, damit sich die Kraft der Freiheit noch stärker in wirtschaftlicher Dynamik entfalten kann. Der Aufbau Ost und die Schaffung neuer Arbeitsplätze behalten für die Politik der Bundesregierung höchste Priorität. Ein Beispiel dafür ist auch die gemeinsame Initiative für mehr Arbeitsplätze in Ostdeutschland von Bundesregierung, Wirtschaft und Gewerkschaften, die im Mai dieses Jahres in Berlin verabschiedet wurde.

Meine Damen und Herren, ich bin überzeugt, daß wir alle Chancen haben, die wirtschaftlichen und sozialen Probleme zu lösen. Wenn wir von der inneren Einheit sprechen, geht es aber nicht allein um die materiellen Fragen. Es geht auch und gerade um das Immaterielle. Vier Jahrzehnte der Teilung können im geistigen und kulturellen Leben einer Nation nicht ohne Folgen bleiben. In dieser Zeit sind die Deutschen im Osten und im Westen ganz unterschiedlich geprägt worden; sie haben über Generationen hinweg Erfahrungen gemacht, wie sie verschiedener nicht hätten sein können. Dies läßt sich nicht über Nacht auslöschen - auch nicht in sieben Jahren. Es ist im übrigen auch gar nicht erstrebenswert. Die Erfahrungen und Erinnerungen eines jeden Menschen - ob angenehm oder schmerzlich - sind unauslöschlicher Bestandteil seiner Identität, und keine Biographie läßt sich im Nachhinein umschreiben.

Ich wünsche mir nach wie vor, die Deutschen im Osten wie im Westen unseres Vaterlandes wären sehr viel stärker bereit, sich mit den Erfahrungen des jeweils anderen einfühlsam auseinanderzusetzen. Die Menschen im Westen haben ihren Landsleuten in den neuen Ländern das Erlebnis und die Chance jahrzehntelanger Freiheit voraus. Umgekehrt können sie von den Deutschen im Osten neu lernen, daß Freiheit nichts Selbstverständliches ist, sondern ein hoher Wert, für den zu kämpfen und den zu bewahren sich lohnt.

Im Idealfall verbinden sich die verschiedenen Erfahrungen zu einem geschärften Bewußtsein staatsbürgerlicher Verantwortung, das unserem freiheitlichen Gemeinwesen nur guttun kann. Davon sind wir sicher noch ein gutes Stück entfernt. Die Unterschiede im Denken und Fühlen der Menschen sind bei vielen Realität. Aber sind sie deshalb auch ein Unglück? Rechtfertigen sie es, von einer "Mauer in den Köpfen" zu sprechen, wie es manche tun? Ich glaube das nicht! Zum einen bin ich der Meinung, daß wir das Wort von der "inneren Einheit" nicht überfordern sollten. Geistige und kulturelle Gleichförmigkeit kann nicht das Ziel sein, davon haben nicht zuletzt die Menschen in den neuen Ländern ein für allemal genug.

Die Vielfalt der Regionen und die Unterschiedlichkeit der Menschen entsprechen seit jeher deutscher Geschichte und Tradition, gerade daraus erwachsen auch die Kraft und die Vitalität unseres Vaterlandes. Ich kann nicht erkennen, warum es sinnvoll sein soll, zwischen den Menschen in den alten und den neuen Ländern Maßstäbe einer mentalen Eintönigkeit anzulegen, die uns etwa zwischen Hamburgern und Bayern nur absurd erscheinen würden. Zum anderen habe ich den Eindruck - ja, die feste Gewißheit -, daß sich die Deutschen in Ost und West bei aller Unterschiedlichkeit viel näher sind, als sie selber glauben. Wir brauchen dazu gar nicht die Umfragen zu bemühen - obwohl auch sie eindrucksvoll signalisieren, daß für eine überzeugende Mehrheit der Deutschen in Ost und West die wiedergewonnene Einheit vor allem ein Grund zur Freude ist.

Ich denke jetzt vor allem an die Erfahrungen dieses Sommers. Als die Menschen im Oderbruch von den Fluten des Hochwassers bedroht wurden, erfuhren sie Anteilnahme, Zuspruch und tatkräftige Unterstützung in einem ungeahnten Ausmaß. Aus allen Teilen Deutschlands reisten freiwillige Helfer an, um an den Deichen mit anzupacken. Binnen weniger Tage wurden Spenden in Millionenhöhe gesammelt - 130 Millionen D-Mark insgesamt. Viele meiner ausländischen Besucher haben mich auf diese beeindruckende Hilfe und Solidarität angesprochen. Allen, die an den Deichen geholfen haben, allen, die gespendet haben, will ich gerade auch heute, am Tag der Deutschen Einheit, meinen herzlichen Dank sagen. Ein besonderer Dank gilt unseren jungen Soldaten, die bis zur Erschöpfung gegen die Fluten gekämpft haben. Wir können stolz sein auf unsere Bundeswehr.

Meine Damen und Herren, die spontane Hilfsbereitschaft offenbarte einen Geist der Solidarität, den viele in unserem Land gar nicht für möglich hielten. Sie wurden eines Besseren belehrt. Es hat sich gezeigt, daß die Deutschen zusammenstehen können, wenn es darauf ankommt. "Ost" und "West" - das spielte im Angesicht der Katastrophe keine Rolle mehr, und von einer "Mauer in den Köpfen" sprach auf den Deichen im Oderbruch niemand. Wir sollten diese Erfahrung nicht so schnell vergessen. Mehr noch: Wir sollten uns gemeinsam bemühen, ein Stück von diesem Geist zu bewahren, wenn wir uns jetzt den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen.

Es gilt, unter den völlig veränderten Bedingungen einer globalisierten Wirtschaft den Standort Deutschland zu sichern und dafür zu sorgen, daß in unserem Land zahlreiche neue Arbeitsplätze entstehen. Wir müssen die sozialen Sicherungssysteme - allen voran die Alterssicherung - auf eine dauerhaft tragfähige Grundlage stellen. Wir müssen die Kriminalität entschlossen bekämpfen und den Schatz unserer Natur für die kommenden Generationen erhalten. Nicht zuletzt geht es darum, das gemeinsame Haus Europa zu errichten. In der gemeinsamen Arbeit an diesen Herausforderungen wird sich auch die innere Einheit Deutschlands vollenden.

Meine Damen und Herren, ein Großteil der Kinder, die in diesem Jahr eingeschult wurden, sind nach der Wiedervereinigung geboren. Sie wachsen im vereinten Deutschland auf und werden sich gar nicht mehr vorstellen können, daß unser Vaterland einmal geteilt war, daß durch unsere Hauptstadt Berlin eine Mauer gezogen war, daß es mitten in Deutschland Stacheldraht und Minenfelder gab, daß dort geschossen wurde und Menschen ihr Leben verloren. Die Schwierigkeiten, Mißverständnisse und Ressentiments, die zwischen Ost und West noch gelegentlich aufflackern, werden für diese Kinder keine Bedeutung mehr haben. Sie werden sie gar nicht mehr kennen - es sei denn, Ältere halten künstlich die Erinnerung daran wach. Statt dessen werden diese Kinder uns einmal fragen: "Was habt ihr getan, um Vorsorge für die Zukunft zu treffen - um die Herausforderungen zu meistern, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts unser Leben bestimmen?"

Ich wünsche mir - und es muß unser aller Ziel sein -, daß wir ihnen dann sagen können: "Wir haben uns diesen Herausforderungen erfolgreich gestellt - in gemeinsamer Solidarität, mit Mut, mit Entschlossenheit und Zuversicht." Wenn wir Deutschen in diesem Sinne zusammenstehen, haben wir alle Chancen auf eine gute Zukunft - in einem vereinten Vaterland, in einem vereinten Europa.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 80. 9. Oktober 1997.