31. Dezember 1997
Neujahrsansprache im Deutschen Fernsehen


Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger,

die letzten Tage des Jahres sind eine kostbare Zeit. Sie geben jedem von uns die Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen und daraus neue Kraft zu schöpfen. Die Weihnachtsbotschaft hat uns daran erinnert, daß wir auf die Liebe Gottes zu den Menschen und seiner Schöpfung vertrauen dürfen. Diese Zuversicht bewahrt uns vor Lebensangst, unter der heute viele Menschen leiden.

Hinter uns liegt ein arbeits- und entscheidungsreiches Jahr. Vieles ist gelungen, aber nicht alle Aufgaben sind gelöst. Deshalb wird auch das kommende Jahr von leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um den richtigen Kurs unseres Landes geprägt sein.

Die Welt verändert sich weiterhin - und zwar dramatisch. Für Deutschland geht es um Aufbruch oder Abstieg. Um die Zukunft zu gewinnen, müssen wir den Weg der Erneuerung fortsetzen. Alle schöpferischen Kräfte müssen freigesetzt werden. Dann wird sich die deutsche Wirtschaft im scharfen internationalen Wettbewerb behaupten können. Für die Menschen in unserem Land ergeben sich dann neue Chancen auf Arbeit, Wohlstand und soziale Sicherheit.

Um der Zukunft willen müssen die notwendigen Veränderungen durchgesetzt werden. Wir dürfen die Arbeitslosen und ihre Familien nicht ihrem Schicksal überlassen. Jeder wird gebraucht. Jeder einzelne verfügt über Fähigkeiten, die er zum Wohle unserer Gesellschaft einbringen muß. Jeder einzelne kann seinen Mitmenschen helfen und Gutes tun.

Unsere Anstrengungen tragen Früchte. 1997 ist es gelungen, wesentlich mehr Lehrverträge als im vergangenen Jahr abzuschließen. Dies ist ein großer Erfolg, und ich danke allen, die dazu beigetragen haben. Junge Menschen sind unser größter Reichtum. Wir müssen auch im neuen Jahr alles in unseren Kräften Stehende tun, um ihre Zukunft zu sichern.

An der Schwelle zum neuen Jahr geben die wirtschaftlichen Daten Anlaß zu Zuversicht. Wir können mit einem Wachstum von zweieinhalb bis drei Prozent rechnen. Wir haben damit die berechtigte Hoffnung auf eine Trendwende am Arbeitsmarkt. Unsere Reformen zielen auf mehr wirtschaftliches Wachstum. Dies ist die Voraussetzung für mehr Arbeitsplätze. Ich erwarte von allen Verantwortlichen in Politik, Unternehmen und Gewerkschaften, daß sie die Chancen nutzen und nicht kurzsichtig verspielen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, die Zukunft unseres Landes wird nicht allein von materiellen Tatsachen bestimmt, so wichtig diese sind. Es kommt auf die geistige Verfassung unseres Landes an. Wohlstand und soziale Sicherheit sind auf Dauer nur zu bewahren, wenn jeder sich auch für das Ganze verantwortlich fühlt. Soziale Marktwirtschaft ist nur dort erfolgreich, wo sie mit Freiheit und Verantwortung untrennbar verbunden ist.

Erfindergeist, Gewissenhaftigkeit, Fleiß und Sorgfalt haben den weltweiten Ruf unserer Wirtschaft begründet. Sie sind und bleiben die besten Voraussetzungen für Investoren in Deutschland, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Wir setzen auf mehr Freiheit, wir wollen eine menschliche Zukunft im 21. Jahrhundert. Dazu bedarf es vieler, die bereit sind, nicht nur "Ich", sondern auch "Wir" zu sagen. Denen, die dieses Beispiel leben, gilt mein Dank.

Es sind Menschen, die im Beruf über das geforderte Maß hinaus ihre Pflicht erfüllen. Menschen, die sich in der Freizeit ehrenamtlich engagieren, in Kirchen, Vereinen und Parteien. Menschen, die für ihre Nachbarn da sind, ihnen in Krankheit und Not beistehen. Eltern, die mit Liebe und Sorgfalt den Lebensweg ihrer Kinder begleiten. Ich denke an alle, die Pflegebedürftige umsorgen.

Es gibt in unserem Land viele ermutigende Beispiele von Gemeinsinn und Zivilcourage, gerade auch unter jungen Menschen. Ich denke an unsere Soldaten und die vielen Helfer, die bis zur Erschöpfung im Oderbruch gearbeitet haben. An die Soldaten, die unter Gefahr für ihr eigenes Leben in Bosnien-Herzegowina mithelfen, den Frieden zu sichern. Diese Bilder stehen vor unseren Augen. Sie stehen für unsere Bundeswehr. Die Irregeleiteten, die radikalen Parolen folgen, wollen und werden wir dort nicht dulden.

Liebe Landsleute, die Eindrücke, die ich vor wenigen Tagen in Sarajewo gewonnen habe, bestärken mich in der Überzeugung: Nichts ist wichtiger als ein vereintes Europa, in dem Frieden und Freiheit gesichert sind. Wer die Geschichte kennt, weiß, daß Frieden und Freiheit nicht selbstverständlich sind. Die beste Garantie gegen Krieg und verantwortungsloses Machtstreben ist die europäische Einigung. Deshalb setze ich mich leidenschaftlich dafür ein, daß wir das Haus Europa vollenden. Es muß ein Haus für alle Völker unseres Kontinents werden, alle, die in Frieden und Freiheit leben wollen.

Auf der Tagung des Europäischen Rates in Luxemburg haben wir entscheidende Fortschritte erzielt und die Weichen für die Erweiterung der Europäischen Union nach Osten gestellt. Am Ende eines Jahrhunderts voller Katastrophen und voll menschlichen Leides wächst Europa über alle einstigen Gräben hinweg zusammen. Eine Vision wird Wirklichkeit. Ein neues Europa entsteht. Dieses Europa wird ein Kontinent des Friedens, in dem kommende Generationen in Freiheit leben können.

Zugleich wächst Deutschland, unser Vaterland, immer enger zusammen. Bei allen Schwierigkeiten, die es noch zu überwinden gilt, kommen wir der inneren Einheit unseres Vaterlandes Schritt für Schritt näher.

Im kommenden Jahr werden wir über die gemeinsame europäische Währung entscheiden. Der Euro wird nicht nur eine starke Währung sein, er wird auch die europäische und die deutsche Wirtschaft zum Wohle aller stärken.

Liebe Landsleute, handeln wir mit Mut und Entschlossenheit, im Geiste von Freiheit, Verantwortung und Nächstenliebe. Ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit und Erfolg im Jahre 1998. Gott segne unser deutsches Vaterland.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 1. 6. Januar 1998.