23. Mai 1998
Rede anlässlich der Eröffnung des Zentrums für Deutsche und Europäische Studien an der Brandeis-Universität in Waltham/Massachusetts, USA


Sehr geehrter Herr Präsident Reinharz,
sehr geehrter Herr Professor Burg,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

Herr Präsident, ich danke Ihnen für Ihre persönlichen Worte, die mich sehr berührt haben. Sie haben in Ihrer Rede die Geburtsorte Ihrer nächsten Verwandten genannt. Dabei erwähnten Sie auch meine Heimatstadt Ludwigshafen. Diese Stadt ist für mich mit Erfahrungen verbunden, die mich besonders geprägt haben. In Ludwigshafen habe ich als Heranwachsender den Zweiten Weltkrieg in seiner barbarischen Grausamkeit erlebt. Ich erinnere mich auch noch gut an die vielen besorgten Gespräche meiner Eltern, die aus ihrer christlichen, katholischen Überzeugung heraus jede Form von Intoleranz und Rassismus entschieden ablehnten.

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund bin ich froh, daß ich heute mit Ihnen gemeinsam das Zentrum für Deutsche und Europäische Studien an der Brandeis-Universität eröffnen kann. Dies ist vor allem natürlich für Ihre Universität, aber auch für die deutsch-amerikanischen Beziehungen und für den deutsch-jüdischen Dialog ein besonderer Tag. Ich bin sicher, daß das neue Institut - weit über den akademischen Bereich hinaus - in Amerika das Interesse am europäischen Kontinent stärken wird. Es wird die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen zwischen Amerika, Deutschland und Europa stärken. Auch die deutsch-jüdischen Beziehungen wird es fördern. Was Sie hier aussäen, wird noch Generationen später Wirkung zeigen.

Mit dem Ende des Kalten Krieges ist ein neuer geschichtlicher Abschnitt angebrochen. Auch wenn sich die Agenda im amerikanisch-europäischen Verhältnis - und damit automatisch auch in den amerikanisch-deutschen Beziehungen - auf beiden Seiten des Atlantiks verändert hat: Das transatlantische Verhältnis ist heute mindestens so wichtig wie in den Jahrzehnten zuvor. In ihm bleibt die Sicherheitspolitik von grundlegender Bedeutung. Wir Deutschen wünschen uns - und ich sage dies aus sehr prinzipiellen Gründen - auch in Zukunft die Präsenz amerikanischer Soldaten in unserem Land. Wir brauchen weiterhin eine enge sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit den USA. Daneben müssen und werden die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen an Gewicht gewinnen.

Deutsche und Amerikaner können viel voneinander lernen. Voraussetzung hierfür ist, daß wir einander kennen und verstehen. Das ist im übrigen die beste Methode, Vorurteile gar nicht erst aufkommen zu lassen. Dabei sind persönliche Begegnungen von herausragender Bedeutung. Erst vor wenigen Tagen habe ich mit Bill Clinton bei seinem Besuch in Deutschland darüber gesprochen, was wir tun müssen, um die guten Beziehungen zwischen unseren Völkern dauerhaft lebendig zu erhalten.

Mit dieser Zielsetzung sind von deutscher und amerikanischer Seite verschiedene Einrichtungen und Programme geschaffen worden, so auch das "Deutsche Programm für Transatlantische Begegnung". Es wird finanziert aus öffentlichen Mitteln, die mit Hilfe des Marshall-Plans erwirtschaftet wurden. Ich finde, dies ist eine besonders sinnvolle Art, das Andenken George C. Marshalls zu ehren. Aus diesem Programm stammt auch die deutsche Unterstützung für das neue Zentrum für Deutsche und Europäische Studien an Ihrer Universität.

Meine Damen und Herren, die Forscher, Lehrer und Studenten, die hier arbeiten werden, sind zu beneiden. An diesem Zentrum können Sie sich heute mit einer Entwicklung befassen, wie sie faszinierender kaum sein könnte. Als ich selber Student in Heidelberg war, brauchte ich noch einen Passierschein, um von einer Rheinseite auf die andere zu gelangen. Heute sind die Grenzen Europas offen. Das eröffnet phantastische neue Möglichkeiten.

Das alte Europa ist kaum wiederzuerkennen. Unser Kontinent ist im Umbruch. Zur Zeit meines Amtsantritts kursierte noch das Wort von der "Eurosklerose". Es verband eine schlimme Krankheit mit dem Namen Europas. Auf dem Gipfel der Europäischen Gemeinschaft 1982 in Kopenhagen - meinem ersten europäischen Gipfeltreffen - wurden meine europäischen Kollegen und ich von vielen Journalisten mit Spott und Hohn überschüttet, nach dem Motto: "Das wird nie etwas." Vor wenigen Wochen hat die Europäische Union beschlossen, daß für 300 Millionen Einwohner in elf ihrer Mitgliedstaaten bald die gleiche Währung gelten wird. Was wir in Europa bisher erreicht haben, hielten noch vor wenigen Jahren viele für unmöglich.

Deutschland ist dabei, die Folgen seiner jahrzehntelangen Teilung zu überwinden. Wenn jemand zu Beginn meiner Kanzlerschaft behauptet hätte, daß die Deutschen noch in diesem Jahrhundert ihre Einheit finden würden, hätte diese Äußerung als gänzlich unrealistisch gegolten. Auch ich habe zu jenem Zeitpunkt nicht an eine Möglichkeit zur baldigen Wiedervereinigung geglaubt. Heute wächst unser Land bei der Bewältigung gemeinsamer Aufgaben mehr und mehr zusammen.

Von Ihrem Institut aus können Sie sich die heutige Situation in Europa und Deutschland aus dem Blickwinkel der Geschichte, der Politik und auch der Literatur erschließen. Das ist eine grandiose Chance. Ich möchte alle, die an diesem Institutarbeiten, herzlich einladen, nach Europa und nach Deutschland - vor allem in die neuen Bundesländer - zu kommen, um sich persönlich ein Bild von den Veränderungen zu machen.

Es ist wichtig, sich mit dem noch längst nicht abgeschlossenen Prozeß der Umstrukturierung in Europa wissenschaftlich auseinanderzusetzen. Aber auch die Untersuchung der Formen und Inhalte, die die Partnerschaft zwischen Europa und den USA im neuen Jahrtausend bestimmen werden, ist von allergrößter Aktualität und Bedeutung.

Gemeinsam mit Präsident Clinton haben wir Deutschen in der vergangenen Woche in Berlin der amerikanischen Luftbrücke vor fünfzig Jahren gedacht. Die Versorgung einer ganzen Großstadt aus der Luft galt damals als technisch undurchführbar. Sie ist eine der großartigsten Taten der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Luftbrücke steht für politische Entscheidungs- und Durchsetzungskraft, für die Verwirklichung des scheinbar Unmöglichen. Der Anblick der Flugzeuge, das Wiedersehen mit den Piloten, die Berichte der Kinder von damals - all dies verdeutlicht uns Deutschen erneut, was es bedeutet, wenn eine große Nation ja zur Freiheit sagt.

Mit Bill Clinton war ich zuvor in Potsdam, am Grabe Friedrichs des Großen, der einen der ersten Verträge mit dem souveränen und freien Amerika abgeschlossen hat. Mit seiner toleranten, offenen Philosophie war Friedrich der Große seiner Zeit weit voraus. Er genoß in Amerika bereits zu Lebzeiten große Popularität. Das ist heute manchen gar nicht mehr bekannt.

Auch Eisenach haben Präsident Clinton und ich gemeinsam besucht. Diese Stadt vereint deutsche Geschichte und Gegenwart in besonders symbolischer Weise. In dem Haus, in dem Johann Sebastian Bach geboren wurde, konnten wir den weltweiten Spannungsbogen seiner Musik nachempfinden. Auf der Wartburg besichtigten wir die kleine Stube, in der Martin Luther die Heilige Schrift ins Deutsche übersetzt hat - jener Martin Luther, dessen Tun aus seinem Glauben heraus die Welt verändert hat. Wir waren in Eisenach aber auch in einem hochmodernen Automobilwerk. Es ist die größte amerikanische Investition im Osten Deutschlands. Im Ranking aller vergleichbaren Automobilbetriebe in Europa nimmt es den ersten Platz ein und widerlegt so die Fama, daß derartige Erfolge in den neuen Ländern nicht möglich sind.

Meine Damen und Herren, wenn Sie zu uns kommen, werden Sie erleben, wie intensiv Geschichte und Gegenwart in Deutschland und in Europa miteinander verbunden sind. Sie werden sehen, welche Spuren die Jahre der sozialistischen Diktatur in Deutschland, die zugleich Jahre der Trennung von Menschen mit der gleichen Muttersprache und mit dem gleichen historischen Hintergrund waren, hinterlassen haben. Sie werden aber auch spüren, welche Anstrengungen unternommen wurden und werden, um diese Trennung zu überwinden.

Die Menschen in Ostdeutschland haben in den letzten Jahren die völlige Umstellung ihrer Lebens- und Arbeitsverhältnisse gemeistert, und sie bewältigen täglich neue Herausforderungen. All diese Veränderungen zu verkraften, braucht jedoch seine Zeit. Wir alle haben lernen müssen, daß der Prozeß der inneren Einheit mehr Zeit benötigt als ursprünglich angenommen. Die Einheit in den Herzen und Köpfen der Menschen läßt sich nicht verordnen. Dazu braucht man Geduld.

Am Beispiel Deutschlands können Sie erahnen, was die Länder leisten, die nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums ihre Identität neu finden müssen. Was seitdem in den ehemals sozialistischen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas erreicht wurde - damit meine ich auch die mentalen Veränderungen -, ist beeindruckend. Nur durch weitere gemeinsame Anstrengungen werden wir den Frieden und die Freiheit in Europa im 21. Jahrhundert sichern können.

Meine Damen und Herren, wir haben beim Bau des Hauses Europa bereits viel erreicht, nicht zuletzt mit den Beschlüssen über die gemeinsame Währung. Dennoch dürfen wir nicht aufhören, uns zu fragen, wie wir das Europa der Zukunft gestalten wollen. Für uns Deutsche gilt als Richtschnur das Wort von Thomas Mann, daß wir deutsche Europäer und europäische Deutsche sein wollen. Wir wollen unter keinen Umständen ein zentralistisches Europa, einen Einheitsstaat, der alles bis ins Detail regelt und in dem Identität und Individualität verlorengehen. Wir wollen kein Europa, in dem unsere regionalen und nationalen Erfahrungen und Besonderheiten verschwinden.

Wir wollen vielmehr eine Europäische Union, die nach dem Prinzip der Einheit in Vielfalt gestaltet ist. Wir wollen natürlich auch ein Europa, das nach innen und außen handlungsfähig ist. Um die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen der Zukunft zu meistern, muß Europa seine Kräfte bündeln. Wir haben begriffen, daß Europa in dem immer schärferen Standortwettbewerb zwischen Staaten und Regionen nur mit der Wirtschafts- und Währungsunion bestehen kann. Die Einführung des Euro verbessert das Klima für Investitionen und mehr Beschäftigung. Auch der politischen Einigung des Kontinents wird sie einen kräftigen Schub geben. Für Amerika wird eine Europäische Union, die politisch und wirtschaftlich noch enger zusammenwächst und bald auch Staaten Mittel- und Osteuropas einschließt, ein noch wertvollerer Partner sein.

Wir stehen am Ende eines Jahrhunderts, das Europa in schrecklicher Weise zerrissen hatte. Es ist das Jahrhundert, das mit dem Holocaust eine nie dagewesene Dimension des Verbrechens erlebt hat. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien hat gezeigt, daß die Dämonen der Vergangenheit noch immer nicht endgültig gebannt sind. Aber die freien europäischen Nationen haben einen Weg gefunden, der Frieden und Freiheit im 21. Jahrhundert verheißt: An die Stelle machtpolitischer Rivalität ist die Zusammenarbeit, an die Stelle von Konfrontation ist die Integration getreten. Die Vereinigten Staaten haben diesen neuen Weg Europas von Anfang an mit Sympathie begleitet. Seit den Tagen von Harry S. Truman haben uns alle amerikanischen Präsidenten dabei ermutigt. Das zeigt ein Maß an Weitsicht, auf das das amerikanische Volk zu Recht stolz sein kann. Ich möchte mich für diese Unterstützung ausdrücklich bedanken. Auch für die Zukunft gilt: Europa braucht die Vereinigten Staaten, und ebenso brauchen die Vereinigten Staaten Europa.

Meine Damen und Herren, es ist wichtig, die neue "europäische Renaissance" zu studieren. Nur wenn wir das Wesen der europäischen Einigung verstehen, können wir zu ihrem Gelingen beitragen. Auf beiden Seiten des Ozeans müssen wir den Menschen Antworten auf ihre berechtigten Fragen geben. Wir müssen ihnen vermitteln, warum sich der Einsatz für die Einigung des europäischen Kontinents gelohnt hat und lohnt. Auch der Einsatz Amerikas für Europa hat sich gelohnt.

Die Einheit Deutschlands und Europas sind, wie schon Konrad Adenauer betonte, zwei Seiten einer Medaille. Die europäische Einigung bleibt ein herausragendes Ziel deutscher Politik. Gleichzeitig werden wir darauf achten, daß die feste Verankerung im Atlantischen Bündnis und die enge Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika gewährleistet bleiben.

Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich habe hier nur einige der Themen andeuten können, mit denen sich das neue Zentrum an der Brandeis-Universität befassen wird. Diese Universität verkörpert eine große akademische Tradition. Wer sie betritt, spürt ihren besonderen Geist und die Inspiration, die von ihr ausgeht. Dieser Ort erscheint mir besonders geeignet, um die Entwicklungen in Deutschland und Europa zu untersuchen. Die Brandeis-Universität verfügt auch über die notwendigen intellektuellen Ressourcen, um das Wissen über Deutschland und Europa mit der intensiven Kenntnis Israels und des Nahen Ostens zu verbinden.

Europa und Israel haben einander viel zu geben. Wie Sie wissen, hat die Europäische Union auf meine Anregung hin 1994 beschlossen, Israel den Status eines privilegierten Partners der Europäischen Union einzuräumen. Ich werde mich auch künftig dafür einsetzen, daß die besondere Beziehung zwischen Europa und Israel noch stärker mit Leben erfüllt wird.

Herr Präsident, Sie haben die Ansicht führender israelischer Politiker zitiert, daß die Amerikaner und die Deutschen heute die wichtigsten Freunde Israels seien. Diese Worte haben für uns Deutsche eine ganz besondere Bedeutung. Wir alle wissen, daß die entsetzliche Barbarei, die in deutschem Namen dem jüdischen Volk zugefügt wurde, durch nichts wiedergutgemacht werden kann. Wir können und müssen aus der Vergangenheit Lehren für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft ziehen. Die wichtigste Lehre lautet, daß der Friede zwischen Menschen und Völkern mit der unbedingten Achtung der Würde des anderen beginnt.

Meine Damen und Herren, von Ihrem Institut erhoffe ich mir wichtige Anregungen und Impulse für den Ausbau der wissenschaftlichen Beziehungen in dem Dreieck Amerika- Israel-Deutschland. Ich bin sicher, daß aus diesem Zusammenwirken viel Neues erwachsen wird - nicht zuletzt im wirtschaftlichen Bereich.

Herr Präsident Reinharz, Herr Professor Burg, Sie haben den bemerkenswerten, ja einmaligen intellektuellen Fundus der Brandeis-Universität als geistiges Startkapital für die Begründung dieses neuen Zentrums eingebracht. Hierfür gilt Ihnen unser Dank. Ich freue mich, daß die deutsche Bundesregierung zur Verwirklichung dieser großartigen Initiative beitragen kann. Ihr Projekt wird vielleicht nicht immer im Rampenlicht der Medien und der Öffentlichkeit stehen - doch das ist leider auch bei anderen wichtigen Dingen so. Aber sicher ist: Was Sie hier aufbauen, hat eine gute Wirkung auf lange Zeit.

Das Zentrum für Deutsche und Europäische Studien hat seine Arbeit im vergangenen Herbst mit einem hochinteressanten internationalen Symposium aufgenommen. Das zeugt von dem Pioniergeist und der Energie, für die die Brandeis-Universität weltweit Anerkennung genießt. Ich freue mich auf weitere zukunftsweisende wissenschaftliche Beiträge Ihres Instituts zum deutsch-jüdischen, europäisch-jüdischen und transatlantischen Dialog. Hiermit erkläre ich das Zentrum für Deutsche und Europäische Studien der Brandeis-Universität für eröffnet. Ich wünsche allen, die sich hier engagieren, eine erfolgreiche Arbeit, eine gute und friedliche Zukunft und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 46. 25. Juni 1998.