10. Mai 1996: Rede anlässlich des Festakts zum 75-jährigen Bestehen von Wüstenrot im Forum am Schlosspark in Ludwigsburg


Lieber Herr Dr. Bracher, lieber Herr Dr. Haller,
Herr Ministerpräsident,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
sehr verehrte Damen und Herren und vor allem
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Wüstenrot,

wir sind heute zusammengekommen, um Wüstenrot zu seinem 75jährigen Bestehen zu gratulieren. Auch im Namen der Bundesregierung möchte ich dazu meine herzlichen Glückwünsche übermitteln. 75 Jahre Wüstenrot spiegeln die letzten 75 Jahre der deutschen Geschichte wider. Mitunter gab es dabei Jahre, in denen das Unternehmen große Erfolge verbuchen konnte. Dagegen waren die Anfangsjahre nach der Gründung und während des Zweiten Weltkriegs für die Bausparkasse Wüstenrot schwierige Zeiten. Große Anerkennung gilt daher denjenigen, die Wüstenrot in all den Jahren mit unermüdlichem Fleiß und durch großartige Leistung nicht nur zur ältesten, sondern auch zu einer der erfolgreichsten privaten Bausparkassen in Deutschland gemacht haben. Zudem ist Wüstenrot über das traditionelle Bauspargeschäft hinaus ein modernes Finanzdienstleistungsunternehmen geworden.

Damals ­ vor 75 Jahren ­ hatte Georg Kropp den Verein "Gemeinschaft der Freunde" ins Leben gerufen. Es war der erste deutsche Zusammenschluß von Bausparern. Er basierte im wesentlichen auf dem Grundprinzip der Solidarität. Schon die Gründung einer "Gemeinschaft" zeigt, daß diese Menschen davon überzeugt waren, daß eine gesicherte Zukunft nur gemeinsam zu erreichen sei. Gemeinsames Engagement für das Bausparen machte es möglich, daß sich auch Familien mit nicht so hohen Einkommen eigene vier Wände leisten konnten. Wohneigentum bedeutete schon damals insbesondere für Familien mit Kindern ein Stück persönliche Freiheit und Sicherheit und war darüber hinaus ein wichtiger Baustein für die persönliche Zukunftssicherung.

Die ersten großen Erfolge konnte Wüstenrot nach Ende des Zweiten Weltkriegs verzeichnen. Unser Land lag zu dieser Zeit in Schutt und Asche. Die Generation der Nachkriegszeit hat damals mit Mut und Entschlossenheit einen Neuanfang gewagt und eine großartige Aufbauleistung vollbracht. Bei großer Wohnungsnot und Kapitalmangel war dabei der Bausparvertrag oft der einzige Weg, um wieder Wohneigentum und Vermögen erwerben zu können. Die Währungsreform 1948 hat dem Bauspargeschäft zusätzlichen Auftrieb gegeben. Viele Menschen erlebten damals innerhalb einer Generation die zweite Geldentwertung. Angesichts dieser Erfahrung konnte der Spargedanke zuerst wieder bei Sachwerten, wie Wohneigentum, Fuß fassen.

Der Bauspargedanke hat sich auch nach der Wiedervereinigung beim Aufbauwerk Ost besonders bewährt. Für die Menschen in den neuen Bundesländern steht nach 40 Jahren Unterdrückung und Enteignung das Tor zur Bildung von Vermögen und Wohneigentum nunmehr weit offen. Für das Engagement aller öffentlichen und privaten Bausparkassen möchte ich mich hier herzlich bedanken. Auch Wüstenrot ist in den neuen Bundesländern von Anfang an tätig gewesen. Insgesamt wurden in Ostdeutschland seit Einführen des Bausparens 1990 bereits knapp 20 Milliarden DM für den Wohnungsbau zur Verfügung gestellt.

Meine Damen und Herren, eine zukunftsgerichtete Wohnungs- und Baupolitik ist für die Bundesregierung ein wichtiges Anliegen. Dabei konnte sie immer auf die hilfreiche und konstruktive Unterstützung der Bausparkassen und ihrer Verbände vertrauen. Dafür danke ich ganz besonders. Im letzten Herbst haben wir die steuerliche Förderung von selbstgenutztem Wohneigentum neu geregelt. Dieses Gesetz unterstützt insbesondere Familien mit Kindern. Haushalten mit niedrigen und mittleren Einkommen wird der Schritt zum Eigenheim erleichtert.

Ein sichtbares Zeichen für den Erfolg dieses Gesetzes ist, daß sich das Bauspargeschäft bereits deutlich belebt. Wie ich höre, hat die Zahl der neu abgeschlossenen Bausparverträge im ersten Quartal 1996 gegenüber dem Vorjahresquartal bereits um ein Drittel zugelegt. Insgesamt erwarten die privaten Bausparkassen in diesem Jahr zehn bis 15 Prozent mehr Vertragsabschlüsse als im Jahr zuvor. 1996 steht ein neuer Auszahlungsrekord an Bauspardarlehen bevor.

Durch die neue Bausparförderung ist eine stärkere Bildung von Vermögen und Wohneigentum in breiten Bevölkerungsschichten möglich geworden. Dies ist auch wichtig vor dem Hintergrund, daß die Bevölkerung unseres Landes weniger Wohneigentum besitzt als in anderen westeuropäischen Ländern. Deutschland bildet mit einer Wohneigentumsquote von rund 41 Prozent in Westdeutschland und 26 Prozent in Ostdeutschland praktisch das Schlußlicht.

Die Bildung von Eigentum und Wohneigentum ist für mich auch wichtiger Pfeiler einer demokratischen Gesellschaft. Über alle juristischen und wirtschaftlichen Fragen hinaus bedeutet Eigentum immer auch ein Stück Freiheit und ein Stück Menschsein. Das eigene Haus oder die eigene Wohnung sind mehr als nur Sachwerte. Für viele Menschen bedeuten sie auch Bindung an die Heimat. Dies zeigt sich insbesondere, wenn in Familien im Laufe eines Lebens angespartes Vermögen oder Wohneigentum weitervererbt wird. Es schwingt dabei weit mehr mit als nur der bloße Eigentumsübergang von Haus und Grund.

Meine Damen und Herren, das Konjunkturtempo in Deutschland hat sich momentan spürbar verlangsamt. 1996 wird das Wachstum voraussichtlich nur +0,75 Prozent betragen. Von der Konjunkturschwäche ist besonders die Bauwirtschaft betroffen ­ vielen von Ihnen hier im Saal gegenüber muß ich das sicherlich gar nicht erst erwähnen. Hierbei ist allerdings auch zu sehen, daß die Bautätigkeit in den vorangegangenen sieben Jahren langanhaltend und ungewöhnlich stark zugenommen hatte. Allein im letzten Jahr wurden noch einmal über 600000 Wohnungen in Deutschland fertiggestellt. Mittelfristig wird die Nachfrage nach Wohnungen wieder zunehmen. Man denke nur an die Entwicklung bei den privaten Haushalten allein durch die zunehmende Zahl von Single-Haushalten. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen in ein Lebensalter, in dem sie eine Familie gründen und Wohneigentum bilden wollen. Weiteres Beispiel ist der zunehmende Wohnbedarf für Zuwanderer.

Alles in allem ist man sich in Expertenkreisen einig, daß ein baldiges Wiederanziehen der Konjunktur zu erwarten ist. 1997 werden wir voraussichtlich ein Wachstumsplus von 2 bis 2,5 Prozent haben. Die Voraussetzungen dafür sind günstig. Die Zinsen befinden sich in Deutschland auf historischem Tiefststand. Das ist gerade auch für den Wohnungsbau wichtig. Wir haben hierzulande faktisch Preisstabilität. Die Inflationsrate liegt derzeit bei ungefähr 1,5 Prozent. In der Tarifrunde 1996 zeichnen sich insgesamt moderate Abschlüsse ab. Fraglich bleibt allerdings, ob der Tarifabschluß im Baugewerbe den besonderen Anpassungsproblemen der Bauindustrie genügend Rechnung trägt. Der Welthandel zeigt einen soliden Aufwärtstrend, und die D-Mark-Aufwertung vom Frühjahr 1995 hat sich mittlerweile fast völlig zurückgebildet.

Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt jedoch, daß eine Belebung der Konjunktur nicht automatisch zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit führt. Vielmehr haben wir in den letzten Jahrzehnten gesehen, daß beim Wiederanziehen der Konjunktur der Sockel verbleibender Arbeitsloser jeweils höher war als vor der Rezession. Die Arbeitslosigkeit ­ derzeit nahezu an der Viermillionengrenze ­ ist in unserem Land unakzeptabel hoch. Und dies nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus menschlichen Gründen. Wir können nicht hinnehmen, daß eine solch große Zahl von Personen, die arbeiten können und wollen, keine Arbeit finden. Die Mehrheit der Menschen findet darin ihre Erfüllung, einem Beruf nachzugehen, etwas zu leisten und sich selbst etwas beweisen zu können. Mit Arbeitslosigkeit ist dagegen die Verschwendung von Fleiß und Talenten, der Ausfall von Beitragszahlern für unsere sozialen Sicherungssysteme und vor allem für den einzelnen der Verlust von Einkommen und gesellschaftlichem Halt verbunden. Gerade auch deshalb ist der Abbau der Arbeitslosigkeit größte und zentrale Herausforderung für die deutsche Innenpolitik.

Meine Damen und Herren, Deutschland steht mitten in tiefgreifenden Veränderungen in der Welt. Der Wettbewerb um Investitionen und Arbeitsplätze weltweit wird immer stärker. Dies hat auch Auswirkungen auf die Wirtschaft unseres Landes. Neue Konkurrenten in Asien, aber auch vor unserer Haustür in Mittel- und Osteuropa behaupten sich mehr und mehr am Weltmarkt. Zugleich unterliegen wir hierzulande einem dramatischen gesellschaftlichen Wandel. Zum Beispiel müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß sich der Altersaufbau unserer Bevölkerung verändert. Mit der Aufgabe, diesen Herausforderungen zu begegnen, steht Deutschland jedoch nicht allein da. Um zu sehen, wie andere Länder ihre Probleme meistern, lohnt ein Blick über die Grenzen zu unseren Nachbarn. Zum Beispiel wurden in Österreich und Italien die Altersgrenzen in der Rentenversicherung angehoben. In Österreich, Italien, Schweden und in den Niederlanden wurde eine Selbstbeteiligung der Kranken- und Pflegeversicherung eingeführt. In der Steuerpolitik ist ein klarer internationaler Trend zu erkennen, Unternehmen zu entlasten und Steuertarife zu senken. Konsolidierung in der Haushaltspolitik steht in vielen Industrieländern ganz oben auf der politischen Tagesordnung.

Deshalb haben Bundesregierung und Koalition klare und ehrgeizige Ziele ins Auge gefaßt. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, daß die Zahl der Arbeitslosen bis zum Jahr 2000 halbiert werden kann. Wir werden Arbeitsplätze von Lohnzusatzkosten entlasten. Dabei wollen wir die Beitragssätze zur Sozialversicherung bis zum Jahr 2000 auf unter 40 Prozent senken. Wir werden Steuern und Abgaben reduzieren. Der Spielraum hierfür wird durch die Senkung der Staatsquote auf 46 Prozent geschaffen. Und wir werden die sozialen Sicherungssysteme mit Blick auf künftige Herausforderungen und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit umbauen. Über all dies hat die Bundesregierung auch konstruktive Diskussionen mit Spitzenrepräsentanten von Wirtschaft und Gewerkschaften geführt. Vieles konnte dabei auf den Weg gebracht werden, ich denke nur an die Einhaltung der Lehrstellenzusage.

Dies ist ein großartiger Erfolg des dualen Systems der beruflichen Bildung in Deutschland. Nicht zuletzt unserem beruflichen Ausbildungssystem verdanken wir, daß nur etwa acht Prozent der Jugendlichen in Deutschland von Arbeitslosigkeit betroffen sind gegenüber rund 20 Prozent aller Jugendlichen in der gesamten Europäischen Union.

Meine Damen und Herren, in den letzten Monaten wurden für unser Land wichtige Entscheidungen getroffen. Das "Bündnis für Arbeit und Standortsicherung" vom 23. Januar 1996 ist und bleibt eine wichtige Grundlage für konkrete Maßnahmen zur Sicherung von Wachstum und Beschäftigung. Ende Januar hatte die Bundesregierung das

"50-Punkte-Aktionsprogramm für Investitionen und Arbeitsplätze" vorgelegt. Dies haben Bundesregierung und Koalition nun weiter konkretisiert und fortentwickelt. Vor zwei Wochen wurde das "Programm für mehr Wachstum und Beschäftigung" beschlossen. Die darin enthaltenen Maßnahmen werden wir jetzt Punkt für Punkt umsetzen. Zuversichtlich stimmt mich dabei, daß die Mehrheit der Menschen in Deutschland erkannt hat, wie wichtig diese Veränderungen für unser Land sind. Dies zeigt, daß wir den Weg in die richtige Richtung eingeschlagen haben. Es ist der Weg zu mehr Arbeitsplätzen und sozialer Sicherheit in Deutschland.

Bei der Diskussion um Wachstum und Beschäftigung müssen wir uns auch immer wieder daran erinnern, wo zusätzliche Arbeitsplätze vorrangig entstehen. Neue Arbeitsplätze können nicht im Öffentlichen Dienst ­ bei Bund, Ländern und Gemeinden ­ geschaffen werden. Das hat nicht etwa mit einer Geringschätzung der Arbeit von Beamten und Angestellten zu tun. Wenn wir aber sagen, wir wollen einen "schlanken Staat", muß das auch den Abbau von Personal zur Folge haben.

Auf absehbare Zeit sind zusätzliche Arbeitsplätze auch nicht in Großunternehmen zu erwarten. Diese müssen rationalisieren, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Neue Arbeitsplätze entstehen vielmehr durch den Aufbau neuer Betriebe im selbständigen Mittelstand. Bestes Beispiel dafür ist, daß zwischen 1990 und 1995 im Mittelstand knapp eine Million Arbeitsplätze geschaffen wurden, während die Beschäftigung in Großunternehmen in dieser Zeit zurückgegangen ist. Jeder Existenzgründer gibt im Durchschnitt vier weiteren Menschen Arbeit. Deshalb brauchen wir wieder ­ wie in den 50er und 60er Jahren ­ eine breite Gründerwelle von Unternehmern, die sich etwas zutrauen und neue Arbeitsplätze schaffen.

Viel zu wenig beachtet wird auch, daß in zahlreichen mittelständischen Betrieben in den nächsten zehn Jahren eine riesige Übergabewelle bevorsteht. Bis zu 700000 Mittelständler werden in diesem Zeitraum einen Nachfolger für ihren Betrieb suchen. Deshalb müssen die Startchancen für Existenzgründer und junge Unternehmer in Deutschland grundlegend verbessert werden. Die Bundesregierung sieht dabei zum Beispiel im Rahmen des Programms für mehr Wachstum und Beschäftigung vor, Existenzgründer steuerlich zu entlasten und kleinen und mittleren Betrieben einen besseren Zugang zu Wagniskapital zu verschaffen. Ebenso ist jedoch ein größeres Engagement der Geschäftsbanken sowie mehr Flexibilität auf dem gesamten Kapital- und Aktienmarkt erforderlich. Und durch eine höhere Flexibilität bei befristeten Arbeitsverhältnissen und beim Kündigungsschutz ist es für Klein- und Mittelbetriebe leichter, zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

Meine Damen und Herren, die Bereitschaft zum Aufbau einer eigenen Existenz kann jedoch nicht allein eine Frage von staatlichen Förderprogrammen, mehr Flexibilität in der Finanzwelt oder von neuen Gesetzen sein. Genausowichtig ist ein entsprechendes gesellschaftliches Umfeld. Wir müssen eine neue "Kultur der Selbständigkeit" erzeugen. Bei meinen regelmäßigen Besuchen von Meisterfeiern bei Handwerkskammern oder von Abschlußprüfungsveranstaltungen bei Industrie- und Handelskammern kann ich mich immer wieder davon überzeugen, daß eine ganze Reihe dieser jungen Menschen bereit ist, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Dagegen kommt aber bereits in Familie, Schule wie auch an Universitäten die Erziehung zu Eigeninitiative, Wagemut und Selbständigkeit zu kurz. Das Ergebnis einer jüngsten Studie ist erschreckend: Mehr als 50 Prozent aller Hochschulabsolventen streben in den Öffentlichen Dienst, aber keine 15 Prozent gründen ein Unternehmen. Dies zeigt, daß wir in unserer Gesellschaft viel stärker die Bereitschaft des einzelnen anerkennen müssen, der sich eine Existenzgründung zutraut und unternehmerischen Wagemut zeigt.

Zur Zukunftssicherung unseres Landes gehört auch, Unternehmen von Steuern zu entlasten. Dies soll kein Geschenk für Reiche sein. Es soll den Unternehmen vielmehr ermöglichen, Beschäftigung zu sichern und auszuweiten. Die Bundesregierung wird zum Beispiel Steuern, die die Substanz von Unternehmen verzehren, wie die Gewerbekapitalsteuer und die betriebliche Vermögensteuer, zum 1. Januar 1997 abschaffen. Die Gewerbeertragsteuer wird mittelstandsfreundlich gesenkt werden. Und wir werden den Solidaritätszuschlag senken. Darüber hinaus werden wir eine große Steuerreform mit deutlicher Senkung des Einkommensteuertarifs durchsetzen. Eine Kommission unter Vorsitz des Bundesfinanzministers wird bis Ende Oktober 1996 dazu Vorschläge vorlegen. Das Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende 1997 abgeschlossen sein. Dieser ehrgeizige Zeitplan soll sicherstellen, daß Bürger und Wirtschaft frühzeitig wissen, mit welchen Entlastungen sie rechnen und ihre Investitionsentscheidungen danach ausrichten können.

Dabei soll das Steuerrecht für Bürger und Wirtschaft zugleich transparenter und einfacher werden. Deshalb werden steuerliche Ausnahmeregelungen und Vergünstigungen gestrichen. Dazu gehört nicht nur der Abbau von Subventionen. Auch die Möglichkeiten für Steuerhinterziehung und Mißbrauch von Sozialleistungen müssen künftig drastisch verringert werden. Unser derzeitiges System bietet dem einzelnen oftmals die Möglichkeit, zahlreiche Schlupflöcher auszunutzen. Erschreckend ist daran vor allem, daß das Ausnutzen solcher Umgehungsmöglichkeiten in unserer Gesellschaft durchaus als legitim anerkannt wird. Dies muß sich wieder ändern. In unserer Gesellschaft müssen wieder Tugenden, wie Ehrlichkeit und Gemeinsinn, einen höheren Stellenwert erhalten.

Voraussetzung für Steuersenkungen ist, daß der Staat den Anteil seiner Ausgaben am Bruttosozialprodukt senkt. Wir haben bereits einmal bewiesen, daß wir dazu in der Lage sind. Zwischen 1982 und 1989 konnte die Staatsquote von über 50 Prozent auf 46 Prozent gesenkt werden. Dies wollen wir bis zum Jahr 2000 wieder erreichen. Gleichzeitig wurden in den Jahren 1982 und 1989 die Steuerzahler in mehreren Schritten um insgesamt rund 60 Milliarden DM entlastet. Die Folge waren über drei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch daran erinnern, daß die Staatsquote in den letzten Jahren vor allem durch den hohen Finanzbedarf im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung gestiegen ist. So wie die deutsche Einheit Geschenk für uns alle war, so war und ist sie auch für jeden von uns mit Opfern verbunden. Darüber waren wir uns damals alle einig. Klar ist: Hätte Deutschland nicht die Wiedervereinigung erlebt ­ und dies ist für mich nach wie vor das größte Geschenk ­, läge die Staatsquote heute nicht bei mehr als 50 Prozent, sondern lediglich bei 45 Prozent.

Auf den Prüfstand gehören auch die Höhe der Sozialausgaben und ihre starke Dynamik. Wir müssen immer wieder überprüfen, was dauerhaft finanzierbar ist, wo wir neue Prioritäten setzen müssen und auf welche Leistungen wir verzichten können. Im Interesse unserer gemeinsamen Zukunft können wir dadurch Arbeitkosten verringern, Einstellungshemmnisse abbauen und so Wachstum und Beschäftigung Vorrang geben. Dabei steht fest: Es geht nicht um den Abbau des Sozialstaats, sondern darum, Voraussetzungen für neue Arbeitsplätze zu schaffen und die finanziellen Grundlagen des Sozialstaats zu sichern. Die größte soziale Ungerechtigkeit ist, wenn arbeitswillige Menschen keine Beschäftigung finden. Der Umbau des Sozialstaats ist deshalb ein wirtschaftliches wie auch ein soziales Gebot.

Über viele Jahre hinweg haben in unserem Land Entwicklungen stattgefunden ­ darunter auch viele Fehlentwicklungen ­, über die wir offen sprechen müssen. Viele der Folgen können Wirtschaft und Gesellschaft auf Dauer nicht mehr tragen. Dazu rechne ich auch die Höhe der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sie muß neu geregelt werden. Deutschland ist weltweit das einzige Land, das eine 100prozentige Lohn- und Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall uneingeschränkt gewährt. Dies ist für unsere Unternehmen eine kostspielige Angelegenheit und belastet deshalb die Arbeitsplätze unseres Landes.

Meine Damen und Herren, Zukunftsfähigkeit müssen wir insbesondere auch damit beweisen, daß wir fähig sind, in der Rentenversicherung langfristig den Generationenvertrag zu sichern. Dies betrifft jedoch nicht die heutige Rentnergeneration. Ihre Renten werden zum 1. Juli 1996 erhöht und auch 1997 den Nettolöhnen der Beschäftigten folgen. Wir müssen aber unvoreingenommen darüber diskutieren, wie der jüngeren Generation eine verläßliche Perspektive für ihre Alterssicherung gegeben werden kann.

Dabei muß auch der dramatische Veränderungsprozeß im Altersaufbau unserer Gesellschaft berücksichtigt werden. Gegenwärtig sind rund 15 Prozent unserer Bevölkerung über 65 Jahre alt. Die heute 30jährigen werden 2030 zur Generation der 65jährigen gehören. Der Anteil der über 65jährigen wird dann auf nahezu 30 Prozent wachsen. Also wird sich auch das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenbeziehern drastisch verändern. Das ist die Realität, die wir zur Kenntnis nehmen müssen. Die Bundesregierung wird deshalb eine Kommission unter Vorsitz des Bundesarbeitsministers einsetzen, die bis Ende des Jahres Vorschläge erarbeiten soll, wie das bestehende System der Rentenversicherung fortentwickelt und den gesellschaftlichen Veränderungen angepaßt werden kann. Dazu wird sie den gesamten Sachverstand unserer Gesellschaft zu Rate ziehen. Das Gesetzgebungsverfahren soll bis Ende 1997 abgeschlossen sein.

Meine Damen und Herren, wir Deutschen haben vier Jahre vor Ende dieses Jahrhunderts allen Grund, mit Zuversicht nach vorn zu blicken. Die junge Generation hat eine hervorragende Chance, Zeit ihres Lebens in Frieden und Freiheit verbringen zu können. Wir haben die deutsche Einheit in Frieden und Freiheit und mit Zustimmung all unserer Nachbarn erreicht. Deutschland pflegt die besten Beziehungen zu Moskau, Washington, Paris und London. Wann je hat es dies in der jüngeren deutschen Geschichte gegeben? Das ist ein großes Glück für unser Land.

Jetzt haben wir die Aufgabe, die Zukunft Deutschlands im kommenden Jahrhundert zu sichern, indem wir die innere Einheit vollenden und die europäische Einigung voranbringen. Zu Recht hat schon Konrad Adenauer immer wieder betont, daß deutsche Einheit und europäische Einigung zwei Seiten derselben Medaille seien. Der Bau des "Hauses Europa" ist letztlich eine Frage von Krieg und Frieden im 21. Jahrhundert.

Wir haben die besten Chancen, wenn wir uns den vor uns liegenden Herausforderungen stellen und sie gemeinsam angehen. Wir haben allen Anlaß zu realistischem Optimismus. Dies hat auch die "Gemeinschaft der Freunde" bereits vor 75 Jahren dazu veranlaßt, sich mit Mut und Entschlossenheit an ihr Werk zu machen. Den Erfolg können wir heute mit Anerkennung und Stolz feiern. In diesem Sinne wünsche ich Geschäftsführung sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Wüstenrot weiterhin viel Erfolg und Ihnen allen für die Zukunft Glück und Gottes Segen!

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 44. 31. Mai 1996.