27. Oktober 1997: Rede anlässlich der Eröffnung des Auto-Industrieparks "Smartville" in Hambach/Lothringen


Sehr geehrter Herr Staatspräsident, lieber Jacques Chirac,
sehr geehrter Herr Bundesrat, lieber Flavio Cotti,
lieber Herr Hayek, lieber Herr Schrempp,
Exzellenzen, meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute ist ein guter Tag für alle Beteiligten: Das sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Auto-Industrieparks "Smartville", das ist das Unternehmen Micro Compact Car (MCC), das ist die Stadt Hambach, die Region Lothringen und alle drei beteiligten Länder - Frankreich, die Schweiz und Deutschland. Wir eröffnen heute eine hochmoderne Produktionsstätte für das Smart-Auto. Das ist eine einfache Botschaft, aber wenn man einen Moment innehält, erkennt man deren Bedeutung.

Dieses Werk ist ein Mosaikstein der tiefen und festen Freundschaft zwischen unseren Ländern. Die vielfältigen Kontakte und Begegnungen zwischen Franzosen, Schweizern und Deutschen belegen dies: In den letzten Jahrzehnten wurden 80 deutsch-schweizerische und 1800 deutsch-französische Städte- und Gemeindepartnerschaften geschlossen. Es gibt Tausende von Schulpartnerschaften und einen intensiven Jugendaustausch. Mehrere Millionen junger Menschen haben sich besser kennen- und verstehengelernt. Ich bin sicher, daß das Gemeinschaftsunternehmen MCC die Freundschaft weiter festigen und der Zusammenarbeit gerade hier im deutsch-französischen Grenzraum eine neue Qualität verleihen wird.

Das Smart-Auto schafft 2000 neue Arbeitsplätze allein hier vor Ort und insgesamt rund 10000 Arbeitsplätze in ganz Europa - in der Schweiz, in Frankreich und vor allem in Deutschland. Das Gemeinschaftsunternehmen ist ein gutes Beispiel für unternehmerischen Mut und Tatkraft. Es zeigt in eindrucksvoller Weise, daß die zunehmende internationale Verflechtung allen Beteiligten Vorteile bietet. Das Smart-Auto ist deshalb ein Ansporn, die Chancen der Globalisierung noch stärker für uns zu nutzen und neue Herausforderungen aktiv anzunehmen, statt in Mutlosigkeit und Verzagtheit zu verharren.

Meine Damen und Herren, entscheidend für wettbewerbsfähige Arbeitsplätze in der Zukunft sind Spitzenleistungen in Forschung und Technologie. Nur durch zukunftsweisende Innovationen in Wissenschaft und Wirtschaft können wir neue Märkte gewinnen und auf Dauer unseren Wohlstand sichern und mehren. Das Smart-Auto ist ein hervorragendes Aushängeschild für Hochtechnologie "made in Europe". Wenige Fakten zeigen dies: Die Fertigung des Smart-Autos erfolgt mit Hilfe eines neuartigen Montagekonzeptes. Hersteller und Zulieferer produzieren Hand in Hand unter einem Dach, dadurch reduziert sich die Montage eines Smart-Autos auf eine neue Rekordzeit von unter fünf Stunden. Der Smart-Diesel, dessen Produktionsbeginn im Jahr 1999 vorgesehen ist, wird das erste Drei-Liter-Serienfahrzeug der Welt sein. Darüber hinaus ist im Jahr 2000 die Einführung eines neuartigen Elektro-Antriebssystems vorgesehen, das den Betrieb des Smart-Autos weitgehend ohne umweltschädliche Abgase ermöglicht.

Das Smart-Auto zeigt in außergewöhnlicher Weise, daß Auto und Umwelt miteinander vereinbar sind. Wir wollen und brauchen beides. Das Auto ist nicht nur eine Quelle für Wachstum und Wohlstand in unseren Ländern, sondern auch ein Inbegriff für individuelle Mobilität, für persönliche Freiheit und Unabhängigkeit. Deswegen betone ich hier ein klares Ja zum Auto. Es ist und bleibt auf lange Zeit wichtigstes individuelles Verkehrsmittel. Zugleich bekenne ich mich auch zu einem klaren Ja zum Umweltschutz. Das Smart-Auto verbindet in intelligenter Weise Mobilität und Freiheit des einzelnen mit einer spürbaren Verringerung der Umweltbelastung für alle. Diesen Weg müssen wir konsequent weiterverfolgen. Eine Trendumkehr beim Kraftstoffverbrauch und damit bei den CO2-Emissionen ist unerläßlich, um den Klimaschutz zu verbessern.

Meine Damen und Herren, das Gemeinschaftsunternehmen MCC ist ein hervorragendes Beispiel für das wirtschaftliche Zusammenwachsen Europas. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg war die Vollendung des gemeinsamen europäischen Binnenmarktes. Seit dem 1. Januar 1993 existiert ein einheitlicher Wirtschaftsraum für mehr als 370 Millionen Menschen - ohne Grenzen für Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Auf diesem Weg ist es wichtig, daß wir in der Politik jetzt die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen - beispielsweise mit der weiteren Liberalisierung zukunftsweisender Märkte wie der Telekommunikation oder in der Förderung von Innovationen in Wissenschaft und Technik.

Eine der wichtigsten aktuellen Aufgaben der Politik auf europäischer Ebene ist ohne Zweifel die Vollendung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion. Der Euro als gemeinsame europäische Währung ist die notwendige Ergänzung zum gemeinsamen Binnenmarkt. Eine stabile Europa-Währung verbessert das Klima für Arbeitsplätze und Investitionen. Deswegen wollen wir, daß die Wirtschafts- und Währungsunion - wie vereinbart - pünktlich am 1. Januar 1999 beginnt. Und wir wollen, daß der Euro eine dauerhaft harte gemeinsame Währung wird.

Ich bin fest davon überzeugt, daß wir im 21. Jahrhundert kein Glück, keinen Segen und keinen wirklichen Frieden in Freiheit haben werden, wenn wir diesen Schritt jetzt nicht tun. Und ich füge hinzu: Wer die Wirtschafts- und Währungsunion verschiebt, verschiebt womöglich auf immer. Dann hätten wir vor der Geschichte unseres Kontinents versagt. Das ist die Botschaft, die wir uns vor Augen führen müssen. Die Politik der europäischen Einigung ist und bleibt die größte Erfolgsgeschichte unseres Kontinents. Das sollten wir nicht vergessen.

Die Produktionsstätte "Smartville" hier in Hambach liegt - mitten in Europa - in einer Region, die im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 und in beiden Weltkriegen mehr gelitten hat als viele andere Regionen. Vor 50 Jahren hätte niemand in Lothringen zu träumen gewagt, daß ein Tag wie dieser kommen würde, an dem die Vision einer Europäischen Union als Friedens- und Freiheitsordnung zum Greifen nahe ist. Was seit Jahrzehnten als richtig erkannt wurde, ausgehend von der Grundidee Winston Churchills in seiner berühmten Züricher Rede 1946, über Konrad Adenauer, über Robert Schuman, um nur diese wenigen zu nennen, ist unverändert gültig. Wir müssen jetzt den nächsten Schritt beim Bau des Hauses Europa machen und die Wirtschafts- und Währungsunion vollenden.

Ich wünsche den Eigentümern und der Belegschaft von MCC einen guten Start und wirtschaftlichen Erfolg für diese Produktionsstätte. Ich wünsche mir auch, daß in diesen Autos eine Generation junger Deutscher oder junger Franzosen fährt, die wissen, daß sie heute begründete Aussicht auf ein ganzes Leben in Frieden und Freiheit im gemeinsamen Haus Europa haben. Dieses Glück war in jüngerer Geschichte Deutschlands und Frankreichs keiner Generation gewährt. Ich wünsche dem Unternehmen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern allzeit Glück, Erfolg und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 89. 10. November 1997.