4. November 1997: Rede anlässlich einer Festveranstaltung zum 75. Geburtstag von Professor Wolfgang Engelhardt, Präsident des Deutschen Naturschutzrings, in Bonn


Lieber Herr Professor Engelhardt,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
verehrte Gäste,

der Deutsche Naturschutzring hat zu Ehren von Professor Wolfgang Engelhardt heute zu dieser Festveranstaltung eingeladen, und ich freue mich ganz besonders, daß zahlreiche Vertreter der Umweltdachverbände aus vielen Ländern der Erde dieser Einladung gefolgt sind. Ihnen gilt mein besonderer Gruß.

Verehrter Herr Professor Engelhardt, wir gratulieren Ihnen alle sehr herzlich zu Ihrem 75. Geburtstag. Die große Schar der Gäste bei diesem Symposium zeigt die besondere Wertschätzung und Sympathie, die Sie in der Wissenschaft, in Politik und Gesellschaft genießen. Wir alle sind hier zusammengekommen, um eine unverwechselbare Persönlichkeit zu ehren, die sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer wieder Neues zugetraut und es auch angepackt hat. Mit dieser Einstellung haben Sie Vorbildliches geleistet.

Als Wissenschaftler und als Ideengeber in der Umweltpolitik haben Sie Maßstäbe gesetzt. Sie haben sich große Verdienste um Natur und Umwelt erworben. Seit Jahrzehnten engagieren Sie sich mit unverwechselbarem und einzigartigem Gespür für das, was Sie als richtig und notwendig erkannt haben. Immer wieder hatten Sie dabei den Mut, ganz neue und unorthodoxe Wege zu gehen. Als treibende Kraft in den Umweltverbänden haben Sie - bei allem Engagement - nie das Maß für das tatsächlich Mögliche aus dem Auge verloren. Ich persönlich habe Ihnen für viele Anregungen, zahlreiche fruchtbare Gespräche und für Ihre ganz unverwechselbare Offenheit zu danken, mit der Sie mir stets begegnet sind.

Ihr Jugendtraum war es, Bauer zu werden. Dieses Berufsziel hat etwas zu tun mit dem Bodenständigen - mit dem Denken in Kontinuität und in Generationen. Das ist eine Sichtweise, die ich mir bei uns in Deutschland in vielen Bereichen stärker wünsche. Ein solches Denken hat Sie stets ausgezeichnet. Es hat auch mit dazu beigetragen, daß Sie immer mit beiden Beinen auf dem Boden standen und stehen. Sie sind immer wieder mit Herz und Verstand für den Schutz und den Erhalt der bedrohten Natur eingetreten. Die Art und Weise Ihres Auftretens und Ihr Sinn für das Machbare hat Ihren Überlegungen stets große Überzeugungskraft verliehen.

Meine Damen und Herren, eine zweite herausragende Eigenschaft unseres Jubilars, die sowohl in Wort und Schrift immer wieder zum Ausdruck gekommen ist, möchte ich hervorheben: Professor Engelhardt ist eine pädagogische Naturbegabung. Wie kaum ein anderer kann er seinen Zuhörern und Lesern die Augen öffnen für die Einzigartigkeit und Schönheit der Schöpfung. So wird in Beschreibungen von Professor Engelhardt aus einem Weiher ein faszinierender Mikrokosmos aus Tieren und Pflanzen.

Die Ehrfurcht vor der Schöpfung ist eine entscheidende Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt. Wer dann diese Welt mit Ihren Augen sieht, verehrter Herr Professor Engelhardt, der muß - allein um vor seinem Gewissen zu bestehen - versuchen, sein Verhalten zu ändern.

Ein von Ihnen konzipiertes Museum trägt den Namen "Mensch und Natur". Dies ist eine programmatische Aussage, nicht nur für dieses Museum, sondern für Ihren ganzen Lebensweg: Sie haben die Beziehung von Mensch und Natur immer in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit gestellt. Wir alle müssen lernen, diesen Zusammenhang stärker zu sehen. Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, wie sehr wir auf eine gesunde Umwelt angewiesen sind.

Dazu gehört auch die Fähigkeit, die wirtschaftliche und technische Entwicklung so zu gestalten, daß wir den Schatz der Natur, den wir geerbt haben, an die uns nachfolgenden Generationen weitergeben können. Diese ethische Dimension des Umweltschutzes verpflichtet uns, heute zu handeln. Dies gilt sowohl hinsichtlich der Aufgaben, die wir in unserem eigenen Land zu erledigen haben, aber auch hinsichtlich der globalen Herausforderungen. Sie, Herr Professor Engelhardt, haben sich auf beiden Feldern große Verdienste erworben. Diese reichen von Ihrem Engagement für die Seen in Ihrer bayerischen Heimat bis hin zu Ihrem Einsatz für den Schutz der Tropenwälder.

Meine Damen und Herren, das Eintreten für den weltweiten Klimaschutz und die internationale Umweltpolitik ist in jüngerer Zeit nicht einfacher geworden. Unser Engagement bleibt nur dann glaubwürdig, wenn wir den Umweltgipfel von Rio 1992 nicht als irgendein Ereignis sehen, sondern wenn wir gemeinsam immer wieder versuchen, im Geiste der Aufbruchstimmung von Rio zu vernünftigen Entscheidungen für die Überlebensfähigkeit der Menschheit zu kommen. Angesichts der wachsenden Weltbevölkerung kann kein Zweifel an der Dringlichkeit dieser Aufgabe bestehen.

Trotz aller Widerstände müssen wir immer wieder innehalten und überlegen, wie wir mit den begrenzten Ressourcen unserer Erde verantwortungsvoll umgehen. Es geht um die Frage, die sich gerade wenige Wochen vor der Klimakonferenz in Kioto so dringlich stellt: Wie finden wir einen verantwortbaren Ausgleich zwischen dem Bedürfnis der jetzigen Generation nach Wohlstand und sozialer Sicherung und den Ansprüchen künftiger Generationen an eine lebenswerte Umwelt?

Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte erzielt - bei der Reinhaltung der Luft und der Gewässer sowie in anderen Bereichen. Dies gilt insbesondere auch für die neuen Bundesländer. Nur wenige hatten im Jahre 1990 eine Vorstellung von der furchtbaren ökologischen Hinterlassenschaft des SED-Regimes. Heute haben wir in den neuen Bundesländern Kraftwerke mit modernster Reinigungstechnik. Die Beseitigung der Umweltschäden gehört zu den ganz großen Erfolgsgeschichten der Deutschen Einheit. Ich nehme gern die Gelegenheit wahr, dies noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Auch vor dem Hintergrund des verschärften internationalen Wettbewerbs bleibt der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen eine vorrangige Aufgabe. Ich glaube, daß die intelligente Verknüpfung von wirtschaftlicher Entwicklung und Umweltschutz eine der großen weltweiten Herausforderungen der kommenden Jahre ist. Deutschland gehört heute zu den weltweit führenden Anbietern von Umwelttechnik. Es gibt viele Belege dafür, daß sich Umweltschutz auch wirtschaftlich rechnet und daß auf diese Weise viele neue Arbeitsplätze entstehen.

Wir stehen wenige Wochen vor der Klimakonferenz der Vereinten Nationen in Kioto. Dort geht es um die Frage, wie wir gemeinsam die drohenden Gefahren für das Weltklima abwehren können. Ich sehe diesem Termin mit gedämpftem Optimismus entgegen. Erst im Sommer ist auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Denver deutlich geworden, wie schwer sich etwa eine Weltmacht wie die USA tut, notwendige Entscheidungen im eigenen Land durchzusetzen. Auch bei der Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen im vergangenen Juni in New York habe ich mich deutlich für die Verminderung der Treibhausgase eingesetzt. Die bisher vorliegenden Vorschläge zeigen, wie schwierig es ist, in dieser zentralen Frage einen gemeinsamen Nenner zu finden. Bundesumweltministerin Merkel hat bei ihrem unermüdlichen Einsatz meine volle Unterstützung. Die Bundesregierung wird alles tun, daß die Weltgemeinschaft in dieser zentralen Zukunftsfrage weitere Fortschritte erreicht.

Unsere Anstrengungen in Deutschland werden auch international anerkannt. Die Bundesregierung wird in Kürze einen Maßnahmenkatalog beschließen, mit dem ein weiterer wichtiger Schritt zur Verminderung der Treibhausgase unternommen wird.

Lieber Herr Professor Engelhardt, in den letzten Jahren haben Sie sich mit besonderem Nachdruck für den Schutz der Tropenwälder eingesetzt. Wenn man weiß, daß in den vergangen drei Jahrzehnten über die Hälfte der tropischen Regelwälder vernichtet wurde, kann man Ihr Engagement gar nicht hoch genug einschätzen. Den wenigsten bei uns im Lande ist bewußt, daß in diesen Wäldern gut die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten dieser Erde leben.

In Ihrem Buch "Das Ende der Artenvielfalt" dokumentieren Sie diese dramatische Entwicklung auf eindrucksvolle Weise. Es zeichnet Sie allerdings auch aus, daß Sie nicht bei der Analyse stehenbleiben, sondern auch über Lösungsmöglichkeiten nachdenken. Als Gründer und Motor der Stiftung "Oro Verde" setzen Sie und Ihre Mitstreiter Maßstäbe für den Schutz der Tropenwälder. Die Stiftung genießt aus gutem Grund national und international höchstes Ansehen.

Für die Bundesregierung und für mich ist der Schutz und der Erhalt der Wälder eine zentrale Aufgabe. Bei der VN-Sondergeneralversammlung im Juni haben wir durch unsere gemeinsame Initiative mit Brasilien, Südafrika und Singapur ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt. Auch das 1988 von mir initiierte und von Deutschland maßgeblich finanzierte Programm zum Schutz des Tropenwaldes hat Fortschritte gebracht und Maßstäbe gesetzt. Wir werden es auch künftig unterstützen - trotz der angespannten Haushaltslage. In diesem Jahr haben wir für das Programm zusätzlich 50 Millionen D-Mark zur Verfügung gestellt. Das haben wir ganz bewußt getan - auch auf die Gefahr hin, daß solche Entscheidungen gerade in Zeiten knapper Kassen von manchem, der seine eigenen Probleme als vordringlich ansieht, nicht immer verstanden werden.

Ich sehe in diesem Tropenwaldprogramm vor allem ein Zeichen der Ermutigung und wünsche mir, daß auch andere dabei mitmachen. Solche Fortschritte verdanken wir nicht zuletzt der Erkenntnis, daß wir die Natur gerade in diesen Regionen unserer Erde nur dann schützen können, wenn wir dies mit den Menschen tun, die dort leben - und nicht gegen sie.

Wir müssen das Streben der Menschen im Amazonasgebiet nach Verbesserung ihrer Lebensumstände ernst nehmen. Nur wenn wir uns gemeinsam mit ihnen um eine umweltverträgliche Entwicklung bemühen, kann der Schutz des Tropenwaldes auf Dauer gelingen. Für den Erfolg der Bemühungen sind enorm viel Überzeugungsarbeit und gegenseitiges Verständnis wichtig - zum Teil sind sie noch bedeutsamer als die Geldmittel. Denn wenn die Gesinnung und das Miteinander fehlen, kann auch das Geld nichts bewirken. Es geht darum, daß die unmittelbar Betroffenen vor Ort den Schutz des Waldes zu ihrer eigenen Sache machen.

In den vergangenen Wochen haben wir schreckliche Erfahrungen mit den Waldbränden in Indonesien gemacht. Diese Ereignisse haben gezeigt, wozu Brandrodungen und Raubbau an der Natur führen. Ich hoffe, daß diese Ereignisse zu einem stärkeren Nachdenken führen. Die Waldbrände dokumentieren überdeutlich, daß wir zu einer Waldkonvention mit international verbindlichen Regeln für eine dauerhafte Waldwirtschaft kommen müssen. Nicht zuletzt seit dem letzten Weltwirtschaftsgipfel in den USA weiß ich, wie weit wir davon entfernt sind. Es sind beinahe kulturelle Unterschiede, die in diesem Kontext deutlich werden - vom Verständnis des Privateigentums bis zu den verschiedenen Erfahrungen, die sich aus der jeweiligen Weite oder Enge eines Landes ergeben.

Meine Damen und Herren, eine umweltgerechte Entwicklung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt - frei nach Pestalozzi - mit der Erziehung der Kinder, den Erfahrungen im Elternhaus, in der Schule und auf dem Weg in das Erwachsenenleben. Sie beginnt in den Köpfen der Menschen. Jeder von uns muß lernen, sein Handeln an den begrenzten Kapazitäten der Umwelt auszurichten. Insofern haben die Umweltverbände eine ganz herausragende gesellschaftspolitische Aufgabe. Sie haben in entscheidender Weise dazu beigetragen, daß das Umweltbewußtsein in eine neue Dimension hineingewachsen ist.

Wenn ich dies als Bundeskanzler mit mehr als 15 Jahren Amtszeit und ehemaliger Ministerpräsident eines Bundeslandes sage, dann weiß ich natürlich, daß das Verhältnis von praktischer Politik und Umweltverbänden nicht einfach ist; es war natürlich nie frei von Spannungen. Das ergibt sich aus der Natur der Sache, und es wird auch in Zukunft so sein. Viele, die sich für den Schutz der Natur einsetzen, tun dies mit der Fähigkeit zum Kompromiß; aber nicht alle bringen diese Bereitschaft mit. Die Politik ist immer vor die Aufgabe gestellt, auch an die Fragen des Umweltschutzes mit Augenmaß heranzugehen und alle Erfordernisse gegeneinander abzuwägen.

Sie, lieber Herr Professor Engelhardt, sind seit 1968 Präsident des Naturschutzringes, des Dachverbandes der deutschen Natur- und Umweltverbände. Sie haben sich mit einer sehr persönlichen Handschrift in das Buch der Geschichte unseres Landes, der Entwicklung unseres Staates und unserer Gesellschaft eingetragen. Sie haben in diesen Jahrzehnten viel geleistet. Sie haben Ihre Positionen leidenschaftlich vertreten, aber Sie waren auch fähig, Brücken zu bauen zwischen den Umweltverbänden und den Verantwortlichen in der Politik. Ihre Stimme hat in einem ganz ungewöhnlichen Maß Gewicht, und das nicht nur in Deutschland. Ihre Kompetenz - das habe ich vielfach erfahren - ist international gefragt.

Ich vertraue darauf - und erhoffe für uns -, daß Sie noch viele Jahre so engagiert und konstruktiv für den Schutz von Natur und Umwelt arbeiten. Meinen Dank für diesen beispielhaften Einsatz verbinde ich mit den Wünschen für viele weitere glückliche und erfolgreiche Jahre und Gottes Segen.

Quelle: Bulletin der Bundesregierung. Nr. 6. 26. Januar 1998.