15. Mai 1983
Ansprache anlässlich der 35. Vertriebenen-Wallfahrt auf dem Schönenberg bei Ellwangen/Jagst


Lieber Herr Bischof,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
vor allem, liebe Heimatvertriebene,
und, besonders herzlich gesagt, liebe Kinder!

Die Tradition dieser Wallfahrt ist entstanden in der Stunde der bittersten Not unseres Vaterlandes nach dem Zusammenbruch.

Man nannte das damals die „Stunde Null". Und viele glaubten in jenen Tagen, es gebe keine Zukunft mehr. Nie gab es so viele Selbstmorde in unserem Land wie in der Zeit von Ende 1944 bis 1948. Und niemals war das Wort „Verzweiflung" so einprägsam wie in jenen Tagen.

Sie haben damals ein Beispiel gegeben. Sie sind hierhergekommen auf den Schönenberg, nach Ellwangen. Sie haben nicht aufgegeben, Sie sind nicht verzweifelt - auch nicht nach all dem, was Sie erleben mußten, was nicht wenigen von Ihnen angetan wurde. Es war die Sammlung im Gebet und es war die Sammlung im Geist des Friedens.

Mein Freund Herbert Czaja hat eben an diese Zeit erinnert: die Zeit, in der die Charta der Vertriebenen feierlich beschlossen wurde: Damit waren die Vertriebenen mit die ersten im freien Teil unseres Vaterlandes, die jenen die Hand des Friedens, die Hand der Versöhnung entgegenstreckten, die gerade auch aus ihrer eigenen Verblendung heraus Werke des Unfriedens getan hatten. Die deutschen Vertriebenen haben keinen Revanchismus aufkommen lassen. Sie haben die Rechnung Josef Stalins zerstört, der einmal meinte, daß die Millionen von Vertriebenen Triebkraft der Weltrevolution in Europa sein würden.

Sie haben neu begonnen. Sie haben eine neue Heimat gefunden, für sich, für ihre Kinder und jetzt für ihre Enkel. Ich kann das Wort Konrad Adenauers aufgreifen, hier vor Jahrzehnten gesprochen: Ohne die Vertriebenen und ihre Leistung, ihre Arbeit, ihren Idealismus und ihre Hingabe in der neuen Heimat wäre die Bundesrepublik Deutschland, unsere Republik, nicht möglich gewesen.

Ich begrüße in dieser Stunde auch jene Aussiedler, die in allerjüngster Zeit hierhergekommen sind und mit denen ich gleich - darüber freue ich mich besonders - eine Stunde der Begegnung haben kann. Lassen Sie uns hier vom Schönenberg unseren Mitbürgern überall in Deutschland zurufen: Wir wollen für diese Aussiedler unsere Tore und Türen öffnen. Gewiß, wir haben unsere persönlichen Sorgen, und es gibt auch mancherlei Not im eigenen Land. Aber wer von Solidarität spricht, wer an Brüderlichkeit denkt, wer das Wort vom Nächsten im Munde führt, der soll daran denken, daß aus der Einheit der Nation der Deutschen uns auch die Pflicht erwächst, für jene einzutreten, die irgendwo in Polen, in Rumänien oder in Sibirien leben und die nach Hause wollen in die deutsche Heimat. Ein herzliches Wort des Willkommens an alle Aussiedler, die zu uns nach Hause kommen.

Auch das, liebe Freunde, ist für uns ein Werk des Friedens. Und jeder spürt, wie sehr es um den Frieden geht.

Denn ohne Frieden kann nichts gedeihen. Wenn uns der Frieden nicht erhalten und nicht geschenkt bleibt, wird alles, was wir in diesen Jahrzehnten gemeinsam bewegen durften, umsonst gewesen sein. Deswegen ist der Frieden der erste und wichtigste Auftrag für unser Tun, für alle Politik.

Nur, liebe Freunde, wenn wir vom Frieden sprechen, dann meinen wir nicht irgendeinen Frieden, dann meinen wir den Frieden in Freiheit. Denn nur ein Volk, das in Frieden und Freiheit leben kann, kann wirklich zu sich selbst finden, kann wirklich seinen Beitrag leisten auch für den Frieden in der Welt.

Deswegen wollen wir diesen Frieden in Freiheit. Wir wollen ihn mit allen Völkern. Und wir wollen ihn ganz besonders mit allen unseren Nachbarn.

Ich werde morgen Mittag um die gleiche Zeit in Paris sein, und wir werden dort im Rahmen der deutsch-französischen Konsultationen über die zukünftige Zusammenarbeit und über die Fragen der Einigung Europas zu sprechen haben. Ich erwähne das, weil dies eines der großen Zeichen des Friedens in unserer Zeit war und ist: die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich. Ich selbst hatte noch in den Jahren meiner Grundschulzeit 1938/1939 ein Lesebuch vor mir liegen, in dem vom „Erbfeind" Frankreich die Rede war.

Heute ist das für die Kinder, die hier stehen, ganz undenkbar. Frankreich und Deutschland - das ist ein Kernstück Europas. Das ist eine großartige Leistung, ein Werk des Friedens der Gründer unserer Bundesrepublik.

Wir haben in klarer Kenntnis schwerer deutscher Schuld den Frieden und die Aussöhnung mit dem Volk und dem Staat Israel gesucht und gefunden. Wenn Jahr für Jahr viele, viele Zehntausende junger Deutscher aus eigenem Entschluß hinüberfahren nach Israel, das Land besuchen, die Menschen kennenlernen, die heiligen Stätten aufsuchen, so bedeutet das eine unsichtbare Brücke des Friedens.

Und wir wollen Frieden und Aussöhnung mit den Völkern in Mitteleuropa und in Osteuropa. Wir wollen Frieden und Aussöhnung auch mit den Völkern der Sowjetunion. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Wir wissen, liebe Freunde, daß es uns nicht weiterhilft, wenn Rechnung gegen Rechnung gesetzt wird. Wir wissen um das Schreckliche, was geschehen ist in deutschem Namen in Auschwitz und Treblinka und an anderen Orten. Und wir wissen um das Schreckliche, was dann später Deutschen widerfahren ist. Hier sind Tausende, die es erlebt haben: auf den Trecks, bei der Vertreibung in jener schlimmen Zeit 1945, 1946 und 1947.

Nur, schauen Sie die Kinder an, die hier stehen. Für sie müssen wir weiterdenken. Wir müssen lernen aus der Geschichte. Wir müssen fähig sein, andere um Vergebung zu bitten. Aber wir müssen auch fähig sein, selbst zu vergeben - um des Friedens und um der Nächstenliebe willen.

Daß dies geschah, und daß es an uns und durch uns geschah, liebe Freunde, dafür gibt es viele Zeugnisse. Seit Ausrufung des Kriegsrechts in Polen vor knapp zwei Jahren wurden in der Bundesrepublik Deutschland über die Kirchen, über die Pfarrgemeinden, über Jugendgruppen, über Studenten und viele andere, die sich bemüht hatten, über 300 Millionen DM gesammelt, die dort hinübergingen nach Polen und Not lindern halfen, die Säuglinge am Leben erhielten, die den Kranken Hilfe brachten. Das ist ein Werk des Friedens.

Auch das gehört in diese Stunde: dafür zu danken, daß nach all dem, was da war und was zwischen uns und dem polnischen Volk stand, diese Bereitschaft entstanden ist und daß sie nicht nachgelassen hat, ja daß sie gewachsen ist - die Bereitschaft, miteinander Werke des Friedens zu tun.

Wir wollen den Frieden, und wir wollen den Frieden in Freiheit. Aber, liebe Freunde, das fällt uns nicht als eine milde Gabe des Himmels zu. Wir müssen etwas dafür tun. Wir müssen auch bereit sein, Opfer zu bringen, um Frieden und Freiheit zu erhalten. Und wir müssen es tun, indem wir uns nicht feige wegducken vor den Unwettern der Geschichte, sondern unsere Pflicht erfüllen. Indem wir zum Beispiel eintreten für die Menschenrechte überall in der Welt. Wir sind auf keinem Auge blind. Ob ein roter oder ein brauner Diktator die Menschenrechte mit Füßen tritt, das läuft auf das gleiche hinaus. Die geknechtete, die versklavte menschliche Existenz muß uns herausfordern, wenn wir es ernst meinen mit unserem Christsein.

Aber - und das ist keine Einschränkung - es ist legitim, daß wir als Deutsche vor allem auch und zunächst einmal, wenn wir auf das Elend in der ganzen Welt schauen und Menschenrechte einklagen - in Asien, in Afrika, in Südamerika -, es auch tun für unsere eigenen Landsleute, für jene deutschen Familien, die seit 10, 15 Jahren ihre Anträge auf Aussiedlung gestellt haben und die zu uns kommen wollen. Wer zu uns will, muß zu uns kommen dürfen. Auch das gehört zu unserem Verständnis von Menschenrechten.

Und dazu gehört ebenfalls - der Gedanke liegt doch nahe in dieser Stunde, nach diesem Gottesdienst -, daß ein jeder seinen Gottesdienst nach seinem Glauben und in seiner Sprache erleben und feiern darf. Und es schließt natürlich ein das Selbstbestimmungsrecht aller Deutschen.

Wir haben nicht aufgegeben. Wir wissen, daß die Last der Geschichte auf uns ruht. Wir wissen ebenso, daß die Einheit unserer Nation nicht zerbrochen ist und daß diese Einheit, wenn wir, die Deutschen, an ihr festhalten, nicht zerbrechen wird. Es kommt auf uns an - darauf, wie wir zu unserem eigenen Vaterland stehen.

Liebe Freunde, wir wissen, hier liegt eine Durststrecke der Geschichte vor uns. Angesichts der Realitäten der Weltpolitik wird dies vielleicht Generationen dauern. Aber wir bleiben dabei: Wir bestehen auf dem Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, und wir bestehen auf der Einheit der Nation.

Wer wirklich Frieden in Europa will, der muß auch Ja sagen dazu, daß die Deutschen selbst darüber bestimmen, welchen Weg sie in der Geschichte gehen wollen. Mauer und Stacheldraht, Schießbefehl und Schikanen und Zwangsumtausch - das alles kann und darf uns nicht davon abhalten, uns zur Einheit unserer Nation auch praktisch zu bekennen, sie in der Praxis erfahrbar zu machen. Deswegen werden wir und werde ich alles tun, damit möglichst viele Menschen in Deutschland zueinander kommen können.

Die Alten und Älteren, damit sie sich nach einem vielleicht langen Leben wieder begegnen können, und die Jungen und die Jüngeren, damit sie wissen, daß dies alles Deutschland ist: die Wartburg in Eisenach und Weimar, Leipzig und Dresden und vieles andere, was hier zu nennen wäre. Das alles gehört für uns zusammen, und wir wollen es nicht vergessen.

Wir wollen für den Frieden und die Freiheit eintreten. Das heißt, liebe Freunde, daß wir in diesen kritischen Jahren alles tun, um zu wirklicher Abrüstung und Entspannung in der Welt zu kommen. Wir haben keine Freude an einer waffenstarrenden Welt.

Nur, meine Freunde, Abrüstung und Entspannung werden nur dann möglich sein, wenn beide Seiten danach streben. Wir wollen als Deutsche im freien Teil unseres Vaterlandes dazu unseren Beitrag leisten. Wir sagen dies unseren amerikanischen Freunden, und wir sagen dies unseren sowjetischen Gesprächspartnern: Wir wollen Abrüstung und Entspannung. Aber - und auch das gehört zur Wahrheit in dieser Stunde - das wird nur möglich sein, wenn vor allem auch die Sowjetunion endlich den Schritt zur Sicherung des Friedens tut, den wir so dringend in Europa brauchen.

Denn Abrüstung, die nur von einer Seite durchgeführt wird und die einen Zustand der Schwäche erzeugt, wird letztlich kein Werk des Friedens sein. Die Geschichte dieses Jahrhunderts zeigt, daß gerade eine Diktatur nur dann versteht, wie ernst eine Lage ist, wenn sie weiß, daß die Risiken, die sie vielleicht eingehen möchte, für sie nicht zu berechnen sind.

Unser Ziel ist klar: Wir wollen Frieden schaffen mit immer weniger Waffen. Aber, liebe Freunde, das wird nicht erreicht allein mit dem Bekenntnis zu friedfertiger Gesinnung. Ich habe großen Respekt vor persönlicher pazifistischer Überzeugung. Wir haben im Dritten Reich erlebt, daß junge Männer hingerichtet wurden, weil sie sich aus ihrer religiösen Überzeugung heraus weigerten, Dienst mit der Waffe in der Hand zu tun. Wie käme ich denn dazu, heute meinen Respekt jungen Wehrdienstverweigerern zu versagen! Wir haben als einziges Land der Welt das Recht auf Verweigerung des Kriegs- und Waffendienstes aus Gewissensgründen in unsere Verfassung aufgenommen - aus dieser geschichtlichen Erfahrung.

Aber auch das muß gesagt werden: Dies ist eine persönliche Gewissensentscheidung. Die kann man nicht anlernen, die kann man nicht von anderen eingepaukt bekommen, das kommt aus einer eigenen Überzeugung und verdient daher unseren Respekt.

Aber, liebe Freunde, das kann nicht die Position und die Grundlage des Handelns unseres ganzen Staates sein. Niemand von uns hat das Recht, unserem Staat und unserer ganzen Gesellschaft aufzuerlegen, waffenlos zu sein, weil das in der Welt, in der wir leben müssen, zugleich bedeutet, wehrlos zu sein.

Deswegen will ich auch ein Wort sagen zu den jungen Soldaten, die ich hier gesehen habe, die ihre Pflicht tun in unserer Bundeswehr, die damit einen Friedensdienst leisten, denn unsere Bundeswehr ist eine Friedensarmee.

Ich sage es noch einmal: Wir wollen Abrüstung und Entspannung, weil wir keine Freude haben an diesem Rüstungswettlauf und weil wir alle das Geld, das hier ausgegeben wird, gut brauchen können für Werke des Friedens im Innern und nach außen.

Wir haben mancherlei Not im eigenen Land. Aber wir haben Jahr für Jahr die bittere Bilanz der Vereinten Nationen, immer an Weihnachten, daß in Afrika, in Lateinamerika, in Asien 10, 12 Millionen Kinder an Hunger sterben.

Wenn wir von Christsein im Jahre 1983, liebe Freunde, und von Nächstenliebe sprechen, dann denken wir nicht nur an den Nächsten im Haus nebenan, im nächsten Dorf, in der nächsten Stadt; das ist in unserer Zeit auch jene junge Generation, die keine Zukunft vor sich sieht, in Lateinamerika, in Asien und in Afrika.

Und lassen Sie mich hinzufügen: Wer vom Frieden redet, der soll nicht so tun, als gäbe es eine Gesinnung, die gegen den Frieden gerichtet ist. Die Friedfertigkeit unseres Volkes demonstriert sich nicht in Massenkundgebungen, sondern in den Werken des Friedens im Alltag. Und wir sollten auch nicht zulassen, daß miteinander gestritten wird, wer mehr oder weniger für den Frieden sei. Man kann streiten, man muß streiten in einer freien Gesellschaft über die Wege, die dorthin führen. Das ist in Ordnung. Aber man darf dem anderen nicht die Gesinnung des Friedens absprechen.

Ich sage ganz klar: Ich brauche keine besondere Friedensbewegung. Für mich gehören alle Deutschen, die bei klaren Sinnen sind und aus der Geschichte gelernt haben, einer einzigen großen Friedensbewegung an. [...]

Wir haben die Lektion der Geschichte gelernt. Wir wollen den Frieden. Aber Angst ist schon im privaten Leben ein schlechter Ratgeber, und sie ist auch im Leben eines Volkes kein guter Ratgeber. Viele dieser Ängste sind ja entstanden als ein bitterer Preis für immer mehr Säkularisation unserer Gesellschaft. Ich sage es hier ganz deutlich und offen: Nicht wenige bezahlen jetzt mit Angst ihr Abrücken vom Glauben und von Gott. Hier kann die Politik nicht einspringen.

Deswegen rufe ich Ihnen ganz einfach zu: Stehen wir zusammen im Bewußtsein der großen Tradition und der geschichtlichen Verpflichtung unseres Volkes und unserer ganz persönlichen Pflicht zum Christsein. Dann haben wir eine gute Chance für den Frieden und die Freiheit unseres Vaterlandes, für seine glückliche Zukunft.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 173-180.