24. Juni 1983
Ansprache anlässlich der Ausstellung „Martin Luther und die Reformation in Deutschland" in Nürnberg


Meine Damen und Herren!

Ich freue mich, daß das Germanische Nationalmuseum diese geglückte Ausstellung zum 500. Geburtstag von Martin Luther zeigen kann. Ich freue mich besonders, daß die alte Reichsstadt Nürnberg auf diese Weise einem Mann ihre Reverenz erweist, der dieser Stadt besonders verbunden war.

Die Freie Reichsstadt, die Kaiserstadt des Mittelalters, wurde Vorort der Reformation und ein Zentrum ihrer Wirkung. Ein Ort des schaffenden Geistes seit 600 Jahren, ein Ort künstlerischer Blüte und humanistischer Studien und in zwölf dunklen Jahren auch ein Ort des verderblichen Mißbrauchs seiner Geschichte.

Luthers Wirken erfaßte, direkt oder vermittelt, das ganze Deutschland. Im thüringischen Eisleben wurde er vor 500 Jahren geboren. Dort starb er auch.

An der Universität zu Wittenberg war der Augustinermönch Professor und geistlicher Lehrer. Von dort ging die Weltwirkung der Reformation aus, der wir uns heute erinnern. Dort, in Wittenberg, hat Luther am längsten gelebt und gebetet, gepredigt, gelehrt und geschrieben.

Aber Luthers Leben und Wirken ging über Thüringen und Sachsen weit hinaus.

Auf der Wartburg bei Eisenach hat er dann als „Junker Jörg" die Bibel übersetzt: ein Fundament deutscher Sprachkultur auf Jahrhunderte und bis heute in ihrer geistigen Kraft ungebrochen. Man kann sagen, daß kein anderes Werk die Entstehung einer einheitlichen deutschen Hochsprache so gefördert hat wie diese Übersetzung. Obwohl sie in der Kontinuität christlicher deutscher Kultur stand, in der Kontinuität deutscher Bibelübersetzungen, sprengte die Treffsicherheit ihrer Bilder und die schöpferische Kraft ihres gewaltigen Wortschatzes die Grenzen der herkömmlichen Bibelübersetzungen.

„Dem Volke aufs Maul schauen", das hat Luther gewollt und getan. Er hat es in dem berühmten Sendbrief vom Dolmetschen auf der Veste Coburg geschrieben.

Zu den Wirkungsstätten Martin Luthers gehört Worms. Dort bekannte er sich im April 1521 vor Kaiser und Reichsständen zu seiner Lehre, „weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist". Das ist ein großes Wort zur Verteidigung der Gewissensfreiheit, aber auch Ausgangspunkt einer tiefen Spaltung.

Es war und ist bis heute Anlaß, sich sehr unterschiedlich auf Luther zu berufen und ihn entsprechend unterschiedlich zu interpretieren oder auch zu vereinnahmen. So wurde Luther für die einen ein Revolutionär und für andere ein Reformator, er gilt als Vordenker der Aufklärung und als ein Vordenker des deutschen Nationalstaates.

Das Lutherbild der Jahrhunderte hat alles dies in seinen tiefen Wandlungen widergespiegelt. Es ist wohl richtig, daß mit der Reformation in den Menschen die verschiedensten Geister aufwachten: der Bruch mit dem Historischen ebenso wie das Wiederaufleben von Häresien. Diese Erfahrung sollte uns warnen vor jeder falschen und voreiligen Inanspruchnahme Luthers durch die Politik.

In erster Linie war Luther ein Mann der Kirche, der sie bessern wollte. Darum ging es ihm - nicht um Revolution, Politik, weltliche Macht und irdischen Streit.

Und dennoch: der religiöse Ansatz seines Glaubens, seines Gewissens, seines Verständnisses vom Wort Gottes führte sofort hinein in die politischen Interessen, in die tiefen sozialen Spannungen seiner Zeit und in das Kräftespiel der europäischen Mächte.

Das alles hat sich vermengt und dem wortmächtigen Prediger aus Wittenberg eine weltgeschichtliche Wirkung verliehen, die er im Ansatz nicht suchte.

Luther war nicht ein Mann, der die Welt verändern wollte. Aber er hat sie verändert, gerade weil er nur die Religiosität der Menschen verbessern wollte. Gerade sein transzendentes Weltbild, das heute vielen als unmodern gilt, seine Suche nach der Gnade Gottes, seine höchst persönliche Erfahrung mit Sünde und Teufel, sie haben zeitenwendende Kräfte entfaltet.

Luther ist ein großes Beispiel dafür geworden, daß nicht nur materielle irdische Umstände das Bewußtsein prägen; sein Wirken zeigt, daß Bewußtsein, auch religiöses Bewußtsein, eine Macht des Geistes ist, die den Lauf der Geschichte stärker als alles zu beeinflussen vermag.

Was wollte Luther? Er wollte eine innere, spirituelle Erneuerung der Kirche, wie es oft schon vor ihm unternommen worden war. Er suchte die Wahrheit in der Heiligen Schrift.

Er wollte den Glauben und die Christenheit in seiner Wahrheit bewahren. Dafür war er das von Gott gebrauchte Werkzeug. Für ihn war Gott so übermächtig, wie er auf den Holzschnitten Dürers erscheint: der Mensch als Handelnder zwischen Gott und Teufel gestellt.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders" - das Wort auf dem Reichstag zu Worms will ernstgenommen sein: da ist kein Klassenkämpfer am Werk, kein Fürstendiener, kein ehrgeizgetriebener Theologe. Da steht ein Mensch, dem Gott die Wahrheit aus der Schrift aufgegeben hat, und koste es ihn die eigene irdische Existenz.

Es geht nicht um Theorie, nicht um Gelehrtenstreit, auch nicht um Politik. Es geht um das Leben selbst.

Die Spaltung der Kirche, die Spaltung des Reiches in Evangelische und Katholische wollte Luther nicht. Er hat sie dann, als dies die Bedingung der Verwirklichung seiner Wahrheit wurde, in Kauf genommen.

Luther war ein Zeitgenosse der Renaissance, der großen geistigen Erneuerung, der Vorbereitung der Moderne. Aber in seinem Selbstverständnis war er kein Vorkämpfer der Moderne, die eine Säkularisierung der Welt ankündigte.

Die Ablösung der politischen Herrschaft von Gottes Auftrag wäre ihm als Sünde erschienen, die Erhebung der Nation zur neuen Gottheit als Freveltat. Luther hätte in der Aufrichtung eines Staates ohne Gott nichts als die Auflehnung des Menschen gegen seine wesentliche Bestimmung gesehen, die über das Dasein hinausreicht.

Wir tun gut daran, das uns fremd Erscheinende in Luthers Denken und Streben ernst zu nehmen und unsere Existenz und die Maßstäbe unserer Welt daran zu prüfen. Dies gilt auch für die Frage „Luther und die Obrigkeit", die vor allem durch das Verhältnis von Konfession und Staat in den folgenden Jahrhunderten zu großer Bedeutung gekommen ist.

Die Herstellung des Friedens nach innen und außen durch den Staat ist eine elementare Voraussetzung für Kultur und menschenwürdiges Zusammenleben. Das Gewaltmonopol des Staates, eine Errungenschaft aus einer friedlosen Zeit, ist ein wichtiges Erbe, dessen wir uns gerade heute wieder erinnern und vergewissern sollten.

Was andere, spätere Zeiten, die Gott zur reaktionären Idee erklärten, daraus machten, hat mit Luther nichts zu tun und ist ihm nicht anzulasten. Für ihn war Obrigkeit von Gott. Das hieß aber vor allem: alle Obrigkeit stand unter Gottes Gebot.

Keine Diktatur des 20. Jahrhunderts kann sich auf Luther als Quelle ihrer Legitimation berufen; es soll sich aber auch keine Bewegung anmaßen, im Namen ihrer subjektiven Wahrheit Gewalt anwenden zu dürfen.

Zur Wirkung Luthers gehört auch, daß die katholische Kirche eine Erneuerung erfuhr und schon nach einer Generation und dem Tridentinischen Konzil nicht mehr dieselbe war, gegen die er sich gewandt hatte.

Zu dieser Wirkung zählt die Möglichkeit der Konfliktbegrenzung, der rechtlich gesicherten Toleranz, die im Augsburger Religionsfrieden von 1555 Gestalt gewann und nach der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges erneuert wurde.

Wenn heute überall in Deutschland, wie es seit 1555 möglich war, das Recht der freien Auswanderung nach Verkauf der privaten Güter erlaubt wäre, wären wir menschlicheren Verhältnissen ein gutes Stück näher.

Muß man aber Luthers Werk nicht vor allem in der Religiosität sehen? In Mentalität und Sprache? In der Bildung der Deutschen? Hat mit Luther nicht eine Bewußtwerdung begonnen, die bis heute die Auseinandersetzung um sein Erbe und um die deutsche Kultur bestimmt?

Für Luther war die Ordnung der Gesellschaft, des Staates und der Bildung Mittel zur Sicherung des Evangeliums, niemals Ziel. Was er wollte und was er predigte, hatte nicht zuletzt die irdische Ordnung im Blick. Und doch ist sein Beitrag zum Selbstbewußtsein des modernen Menschen als einem unverwechselbaren Individuum unbestreitbar.

Wer dieses individuelle Bewußtsein nur freischwebend und losgelöst sieht als etwas, das beliebig von Interessen oder Theorien geprägt werden könnte, der verkennt, daß der Individualitätsgedanke für Luther gebunden war an ein religiöses, christliches Verantwortungsstreben und Freiheitsbewußtsein. Dazu gehört die Freisetzung des Gewissens.

Hier wirkt auch Luthers Bibelübersetzung. Sie konfrontierte die, die lesen, und jene, die zuhören konnten, erneut und direkt mit dem Wort Gottes. Uns erscheint das fast selbstverständlich. Das aber zeigt nur die Länge des Weges, den wir zurückgelegt haben. Die Menschen der Reformationszeit waren erschüttert. Gott sprach zu ihnen. Gott würdigte jeden, zu ihm mit den Worten seines Alltags zu reden. Die Bibel wurde im Laufe weniger Generationen zum Hausbuch. Darin lag eine starke Antriebskraft für den Anspruch auf allgemeine Bildung.

Die Territorialisierung der deutschen Staaten-, Kirchen- und Universitätswelt hat in der Reformation nicht begonnen. Aber in Reformation und Gegenreformation ist sie neu begründet und verfestigt worden, als ein Stück Pluralismus und so auch als ein Element der Freiheit.

Im Föderalismus erkennen wir bis heute das Erbe dieser alten Tradition des Gegeneinander, das im Nebeneinander aufgehoben wird.

Der hohe Rang von Bildung, Schule und Hochschule in der deutschen Geistesgeschichte, die Bedeutung der Schule für Gesellschaft und soziale Mobilität - das alles hat nach der allgemeineuropäischen Grundlegung im Mittelalter tiefe Wurzeln in der Reformationszeit. Aber auch die Entstehung der großen Geistesströmungen - Pietismus, Aufklärung, Idealismus, Liberalismus, bis hin zum historischen, psychologischen und soziologischen Denken des 20. Jahrhunderts - alles dies ist von dieser Vielfalt des Bildungswesens geprägt worden.

Luthers Wirken hat gezeigt, wie Gewissensfreiheit möglich sein kann im kirchlichen Raum, wie sie gerade in Kirche und Gemeinde verankert hinauswirken kann in die menschliche Gestaltung des politischen, staatlichen, sozialen Bereichs.

Glaube und Bindung, auch konfessionelle Bindung, stehen nicht im Gegensatz zu Freiheit und Toleranz. Der lebendige Glaube des in der Gemeinschaft gebundenen religiösen Gewissens war die Garantie der Freiheit im geschichtlichen Raum.

Recht und Gerechtigkeit, die Sicherung der menschlichen Freiheit und der personalen Würde beruhen doch zuletzt auf der inneren Bindung und Ordnung des Glaubens, die Luther neu gefestigt wissen wollte.

Durch die Luther-Jubiläen der Jahrhunderte zieht sich wie ein roter Faden die Versuchung, Luther immer wieder zum nützlichen Zeitgenossen zu machen. Die Politik hat sich Luthers von Anfang an bemächtigt. Das war die Bedingung, unter der allein die Reformation sich durchsetzen konnte. Aber es lag darin auch eine Verweltlichung der Lehre und die Versuchung, sie als Instrument zu nutzen.

Der Reformator kann sich ideologischer Genossenschaft nicht erwehren, die ihm nicht nur in Wittenberg und Eisleben angetragen wird. Sein Werk muß es tun. Es wird Bestand haben gegen die politisch-ideologische Inanspruchnahme von heute und morgen wie gegen die von gestern und vorgestern.

In seinem politischen Manifest an den Adel deutscher Nation sagt Luther bündig: „Es ist noch nie eine christliche Sache von Menschen auf Erden gut geheißen worden, sondern alle Zeit ist der Widerstand zu groß und stark gewesen."

Das will ernstgenommen werden. Nicht als Verbrämungen von Resignation, sondern als wirkende Mahnung für die Christen. Auch als Mahnung an die Politik, die die christliche Lehre nicht als unentbehrliche und doch faktisch unverbindliche Quelle für Sinn verkleinern darf.

Wir haben im Lutherjahr allen Anlaß, nicht nur die direkten und indirekten Wirkungen von Reformation und Gegenreformation zu überdenken. Wir sollten uns vor allem an Luther selbst erinnern, an seine Lehre, und damit jene Fragen ernstnehmen, die er dem Menschen bis heute aufgegeben hat.

Luthers Frage war die nach dem fehlbaren Menschen und dem gnädigen Gott. Luthers Antwort lag in der Kraft des Gewissens und im Zutrauen in den Glauben. Er nahm den einzelnen in seiner Hinfälligkeit wie in seiner Würde ernst. Er tat das, indem er ihn unmittelbar auf Gott bezog, ihm Besserung abverlangte, Buße zumutete und indem er das Gewissen und Gottes Gebot als letzte irdische Instanz einsetzte.

Der zeitlos fromme Luther, der die Kirche reformieren wollte und den Boden der alten Frömmigkeit aufriß und erneuerte, steht heute nicht mehr zwischen den Konfessionen. Er ist in ihnen und über ihren Kreis hinaus ein geistiges Ereignis geworden: ein Aufruf zur Würde des Menschen, zur Freiheit seines Denkens und zur Verantwortung seines Handelns, zum bewußten Leben aus der festen Bindung des Glaubens.

Luther war ein deutsches Ereignis in seiner Zeit. Als Nationalsymbol hat er sich verweigert. Als Weltereignis wird er bleiben.

Die Überwindung der Daseinsangst und das Versprechen der Freiheit: das ist nach einem halben Jahrtausend unverjährbar und unverloren.

Als Christ und Politiker will ich den Ausspruch Jacob Burckhardts bekräftigen: „Wer sind wir eigentlich, daß wir von Luther und den übrigen Reformatoren verlangen könnten, sie hätten unsere Programme erfüllen sollen?! - Dieser und kein anderer konkreter Luther existierte; man nehme ihn, wie er gewesen ist."

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 240-247.