20. Juli 1984
Rede bei der Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag des 20. Juli 1944 in Berlin


Justitia fundamentum regnorum.

Niemals in der deutschen Geschichte ist der Satz, daß die Gerechtigkeit das Fundament der Staaten ist, schlimmer verletzt worden und mit schwereren Folgen, als durch die Nazi-Diktatur der Jahre 1933 bis 1945. Aber niemals in unserer Geschichte ist auch mit mehr Tapferkeit und Opfermut für die Gerechtigkeit gekämpft und gelitten worden als am 20. Juli 1944.

Heute, 40 Jahre danach, gedenken wir der Deutschen, die ihr mutiges Eintreten für Menschenwürde und Freiheit, für Recht und Wahrheit mit ihrem Leben bezahlt haben: Parlamentarier der Weimarer Republik wie Eugen Bolz oder Julius Leber, Männer und Frauen aus Gewerkschaften und Parteien, Beamte und Gelehrte, Geistliche und Laien beider christlichen Konfessionen wie Pfarrer Paul Schneider, Domprobst Bernhard Lichtenberg und Erich Klausener, junge Menschen wie die Geschwister Scholl, einzelne Widerstandskämpfer wie der erfolglose Attentäter Georg Elsner.

Und wir gedenken an diesem Tag vor allem derer, die die Tat des 20. Juli vorbereitet und gewagt haben: Ich möchte hier besonders erinnern an Claus Graf Stauffenberg, Generaloberst Ludwig Beck, Helmuth Graf Moltke, Dietrich Bonhoeffer, Pater Alfred Delp, Carl Goerdeler, Bernhard Letterhaus, Wilhelm Leuschner, Adolf Reichwein.

Wir tun es an dem Ort, wo für die Dauer weniger Stunden das andere, das bessere Deutschland sein Hauptquartier hatte.

Hier im Bendlerblock in Berlin, dazu in Kassel, in Paris und an wenigen anderen Orten gab es für eine kurze Spanne Zeit am 20. Juli die Hoffnung der rettenden Tat:

- die Diktatur zu stürzen,
- ihre Führer und verbrecherischen Helfer vor deutsche Gerichte zu stellen,
- das deutsche Ansehen vor der Welt wiederherzustellen,
- und die Deutschen und ihre Nachbarn vor der letzten und äußersten Katastrophe des totalen Krieges zu bewahren.

Letzten Endes lief die Verschwörung des 20. Juli darauf hinaus, die deutsche Geschichte und das deutsche Schicksal abzutrennen vom absehbaren Zusammenbruch des Nationalsozialismus, aber auch Deutschland zu bewahren vor den Teilungs- und Unterwerfungsplänen der Anti-Hitler-Koalition.

Für Deutschland und die Deutschen wollte der Widerstand das Recht auf die eigene Existenz, auf die eigene Geschichte und auf die eigene Zukunft verteidigen. Nach seinem Scheitern erst war das Reich hoffnungslos dem Ruin ausgeliefert.

Der 20. Juli 1944 war für die Deutschen Stunde der Wahrheit. Bis heute wirft er für jeden einzelnen von uns die Frage auf nach dem Preis der Gerechtigkeit und dem Wert des eigenen Lebens, aber auch die nach den Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland. Den Männern und Frauen des 20. Juli ging es um Recht und Menschlichkeit, um Nation und Religion.

Die gemeinsame Basis derer, die den Staatsstreich vorbereiteten, war ihre ethisch-moralische Überzeugung. In ihren Denkschriften und Programmen finden wir das Bekenntnis zu Menschenwürde, Glaubens- und Gewissensfreiheit, zum Schutz der Familie, zur Rechtsstaatlichkeit, zu sozialer Gerechtigkeit und zu friedlicher Zusammenarbeit der Völker in Europa. Die Idee und Tradition des deutschen Rechtsdenkens und die Verpflichtung gegenüber dem Rechtsstaat waren treibende Kräfte, die zum Handeln führten.

Die Chance des Erfolges war von Anfang an gering. Der Weg der Verschwörer drohte zum Opfergang zu werden. Aber sie waren bereit, die eigene Existenz preiszugeben: für die Gerechtigkeit und für die Zukunft des Vaterlandes. Es galt, vor aller Welt zu beweisen, daß die Deutschen kein Volk von Kollaborateuren Hitlers waren.

Als die Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie gelandet waren und in Italien auf Florenz vorrückten, und als die Ostfront vor dem Zusammenbruch stand, war das Ende des Krieges absehbar. In dieser Situation fragte Graf Stauffenberg den Generalmajor von Treskow bei der Heeresgruppe Mitte, ob das Attentat angesichts dieser hoffnungslosen Lage politisch und militärisch überhaupt noch Sinn habe. Treskow gab eine berühmte Antwort, die auf alle Zeit über dem Geschehen des 20. Juli stehen wird und die bis heute fortwirkt in der deutschen Geschichte und auf alle Zukunft:

"Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig."

Die Verschwörer haben das eigene Leben unter einen großen, jenseits ihrer Person und ihrer Zeit liegenden Zweck gestellt. Dieses Opfer ist nicht umsonst gewesen. Der 20. Juli hat es uns Deutschen möglich gemacht, unsere Würde zu bewahren. Winston Churchill hat schon 1946 im britischen Unterhaus erklärt, daß dieser Widerstand zum Edelsten und Größten gehört, was in der Geschichte aller Völker je hervorgebracht wurde: Ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaues.

Viele von denen, die am 20. Juli gegen Hitler aufstanden, gegen die Vernichtung der Juden und gegen den totalen Krieg, waren anfangs geblendet durch das Scheitern der Republik und durch vordergründige Erfolge der Diktatur. Es mindert aber keineswegs ihren Rang, daß sie Irrtümer korrigieren, ja, daß sie schmerzlich ihre Verstrickung in Unrecht eingestehen mußten.

Lange haben die deutschen Führungsschichten, und die ausländischen Diplomaten nicht anders, die Politik des Diktators mißverstanden als traditionelle Großmachtpolitik. Spät erst, zu spät begriffen die Nachbarn der Deutschen, daß die Unterdrückung im Innern Vorbereitung war für den Krieg nach außen und daß ihre Nachgiebigkeit gegenüber Hitlers Hegemonialstreben den großen europäischen Krieg geradezu heraufbeschwor.

Der Zerstörung des Rechts mußte die Zerstörung des Landes folgen. Seit Beginn des Krieges hat Hitler im Kreis seiner Vertrauten damit gedroht: Wenn die Deutschen nicht siegen könnten, dann sollten sie untergehen. Auch das Wissen um diese absurde Konsequenz des Diktators war ein Motiv für den Widerstand und die Bereitschaft zum persönlichen Opfer.

Widerstand gegen eine zum Äußersten entschlossene totalitäre Diktatur mußte einsam bleiben. Einsam, weil nur wenige hinreichend informiert waren, um zu wissen, wohin die Entwicklung ging. Einsam auch, weil in seinem Wirbel der Propaganda und des organisierten Jubels schon die Stimme des Zweifels als Verrat erschien. Einsam endlich, weil die Verschwörer sich in eine menschliche und politische Grenzsituation begaben, wo der Tyrannenmord gerechtfertigt und der Aufstand gegen die eigene Führung durch das Gewissen geboten war.

Innere Festigkeit und Mut fanden die Frauen und Männer des Widerstands in religiöser Bindung oder im sittlichen Ideal der Humanität; ihre Entschlossenheit erwuchs aus der verpflichtenden Kraft unserer Kultur- und Rechtstradition.

In der Verschwörung kamen unterschiedliche, historisch gegensätzliche Strömungen und Kräfte zusammen. Vier Motive vor allem waren es, die Gewerkschafter und Offiziere, Diplomaten und Geistliche zur gemeinsamen Tat vereinigte:

- die Zerstörung des Rechts, die Unterdrückung der Freiheit, die Verfolgung der Kirchen, die totalitäre Inbesitznahme von Geist und Gewissen;
- der Massenmord an den europäischen Juden, der jede Vorstellung des sittlichen Staates und traditioneller Politik sprengte;
- der Krieg, der durch seine Zielsetzung und die barbarische Art seiner Führung den deutschen Namen zum Schrecken der Welt machte und das Ende des Reiches heraufbeschwor;
- die Kriegsführung im Osten, die als Rasse- und Vernichtungskrieg angelegt war, wider alle Menschlichkeit und alle politische Vernunft.

Was immer die Verschwörer früher getrennt hatte, und was immer in friedlicheren Zeiten zwischen sie getreten wäre: gegen die Diktatur standen sie zusammen, wissend, daß der Sturz der Tyrannei nur ein Anfang sein würde, dem die Wiederherstellung des Rechts folgen muß. Das alles geschah im letzten Akt des Krieges, bereits im Angesicht der deutschen Niederlage. Aber wann und unter welchen Bedingungen diese Niederlage eintreten würde, wie viel noch zu retten wäre, und wie Deutschland und Europa überleben könnten, das alles war am 20. Juli 1944 noch in der Waagschale der Geschichte.

Die Diktatur, und darauf kam es an, sollte nicht das letzte Wort der deutschen Geschichte sein. Zeugnis solcher Demut vor der Geschichte und zugleich Beweis menschlicher Größe ist jenes Wort, mit dem Henning von Treskow am Tag nach dem Attentat vor seinem Tod Abschied nahm von einem Freund:

"Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland nicht vernichten wird."

Der 20. Juli 1944 endete in Leiden und Sterben. Wir wissen heute von mehr als 5000 Verhaftungen und über 200 Hinrichtungen. Es blieb ein Aufstand des Gewissens. Die Frage aber, wie wir zu den Ereignissen des 20. Juli stehen, ist bis heute Maßstab für die Überwindung der totalitären Versuchung. Im Geschehen dieses Tages liegt ein Anspruch an die nachfolgenden Generationen, und wir müssen uns fragen, ob wir diesem Anspruch gerecht werden. Der Widerstand gegen Hitler stellt die Deutschen bis heute vor die Frage nach der ethischen Verankerung von Staat und Politik.

"Wir sind gefährdet", so schrieb Eugen Gerstenmaier 1960 in einem Beitrag zum 20. Juli, "wenn die rüde Begehrlichkeit mit dem bloßen Anspruch an den Staat Pflichtbewußtsein und Selbstüberwindung zum leeren Wort in Deutschland machen. (...) Der 20. Juli bleibt der Ruf an die Deutschen, dessen eingedenk zu sein, daß die Freiheit vom Opfer lebt."

Es gibt keine Zustimmung zum freiheitlichen Rechtsstaat, der nicht auch historisch das Ja zur Tat des 20. Juli einbegreift. Das Recht, die Tyrannei zu stürzen, erwuchs aus der Grenzsituation des Christen, als die Obrigkeit nicht mehr von Gott war, des Offiziers, als die Führung den Weg ins Verderben befahl, und des Patrioten, als der Staat zum Instrument des Verbrechens geworden war.

Lassen Sie mich aber auch hinzufügen: Wer sich heute gegen die freiheitliche Demokratie des Grundgesetzes ein Recht auf Widerstand anmaßt, hat nichts begriffen vom sittlichen Ernst und vom moralischen Rang des deutschen Widerstands. Wer die Grundwerte und die Regeln des demokratischen Rechtsstaates mißachtet und dagegen mit Gewalt vorgeht, verrät Mangel an geschichtlichem Verständnis und an demokratischem Ernst. Der deutsche Widerstand hat die Diktatur nicht stürzen können. Der Diktator hat sich furchtbar gerächt an den Verschwörern, an ihren Familien, an ihren Freunden.

Der Krieg ging weiter, die Vernichtung schritt fort, und mit der weiteren Dauer des Krieges zerfiel die letzte Chance, Deutschland noch ungeteilt und als Subjekt der europäischen Politik zu erhalten. Die Alliierten wurden nicht auf die Probe gestellt, ob ihre Kriegsführung auf Hitler zielte oder auf die Deutschen. Die Hoffnung war zerstört, Deutschland könnte mithelfen, eine dauerhafte Friedensordnung in Europa zu schaffen.

Der Widerstand wurde geschichtlich wirksam nicht durch die Verwirklichung seiner Ziele, sondern durch das Drama seines Scheiterns, durch die Lauterkeit seines Wollens und durch das Zeugnis, das er ablegte von der Existenz des anderen, besseren Deutschland. In seiner Größe liegt auch seine Tragik beschlossen. Denn die Verschwörung wurde nicht Umkehr, sondern Opfergang, um der Gerechtigkeit willen und um des Vaterlandes willen. Das Vermächtnis des deutschen Widerstands, in allen seinen vielfältigen Ausdrucksformen von 1933 an, besteht vor allem in drei Maximen:

- Die politischen Grundströme unseres Volkes müssen in einem fundamentalen Wertekonsens miteinander verbunden bleiben.
- Die Verantwortung für Freiheit und Würde der Menschen ist unteilbar und bezieht die ganze Nation ein.
- Unser nationales Selbstverständnis hat seinen festen Grund im geschichtlichen Erbe unseres Vaterlandes mit seinen Belastungen, aber auch den großen Traditionen, aus denen wir gewissensbildende Kraft schöpfen.

Das Bekenntnis zum Widerstand des 20. Juli 1944 wurde zum Bestandteil einer neuen Selbstfindung des deutschen Volkes. Darin liegt die gesamtdeutsche Verpflichtung dieses Gedenktages. Der Widerstand gegen Hitler gehört dem ganzen deutschen Volk, nicht etwa nur einer Partei. Und hinzukommt, was Carl Goerdeler forderte, an dessen 100. Geburtstag wir uns am 31. Juli erinnern:

"Nach außen müssen wir für den Zusammenschluß der selbständigen europäischen Nationalstaaten und für die Zusammenarbeit aller Völker der Welt, die den Frieden wollen, wirken."

Auch eine wertgebundene Außenpolitik mit europäischer Perspektive gehört zum Vermächtnis des 20. Juli. Wesentliche Ziele der Widerstandskreise wie die besondere Stellung der Grundrechte, der freiheitliche Rechtsstaat, der Föderalismus und die Idee des europäischen Zusammenschlusses haben im Grundgesetz ihren Niederschlag gefunden. Maßgebende Gründerpersönlichkeiten der Bundesrepublik Deutschland hatten in Gefängnissen und Konzentrationslagern, im Untergrund oder in der Emigration das Terrorregime überlebt. Sie trugen dafür Sorge, daß wir die Lektion der Geschichte in unserem Grundgesetz und beim Aufbau unseres freiheitlichen Staates angenommen haben.

Wir haben das Glück, in einem Land des Rechts, der Freiheit und des Friedens zu leben. Dieses glückliche Schicksal aber fordert von uns, daß wir den Widerstand gegen die Tyrannei nicht vergessen, daß wir seine Ethik bewahren und seine Lehre beherzigen: Justitia fundamentum regnorum - Gerechtigkeit ist, was die Staaten erhält.

Quelle: Bundeskanzler Helmut Kohl: Reden 1982-1984. Hg. vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Bonn 1984, S. 489-496.