1. November 1988
Ansprache von Kurt Malangré, Oberbürgermeister der Stadt Aachen, anlässlich der Verleihung des Internationalen Karlspreises an Staatspräsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl


Festliche Versammlung!

Am 22. Januar 1963 erklärten in Paris der Präsident der Französischen Republik, General de Gaulle, und der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, ihr Einverständnis zu dem Vertrag über die künftige Zusammenarbeit ihrer Länder und unterzeichneten ihn.

Im Januar 1988, 25 Jahre später, konnte Staatspräsident Mitterrand diesen Vertrag als die Charta der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland, als das Instrument ein und desselben Willens bezeichnen, und Bundeskanzler Kohl nannte ihn in seiner Regierungserklärung vom 5. Februar dieses Jahres das Manifest der Aussöhnung, das dem gemeinsamen Handeln einen festen institutionellen Rahmen und einen klaren programmatischen Auftrag gegeben habe.

Wir sind dankbar und hoch geehrt, heute beide als verantwortliche Träger dieses Vertrages, die in Worten und Taten ihn zum Segen ihrer Länder und zum Nutzen der gesamten Europäischen Gemeinschaft erfüllt und weiterentwickelt haben, als Karlspreisträger 1988 bei uns begrüßen zu dürfen: den Präsidenten der Französischen Republik, Exzellenz François Mitterrand und den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Dr. Helmut Kohl.

Einen herzlichen Gruß richten wir auch an seine Frau Gemahlin, Frau Hannelore Kohl.

Neben ihnen grüßen wir die Karlspreisträger früherer Jahre:

Den Karlspreisträger 1951, den ehemaligen Rektor des Europakollegs, Herrn Prof. Dr. Hendrik Burgmans, den Karlspreisträger 1963, den vormaligen Premierminister und Lordsiegelbewahrer Großbritanniens, The Right Hon. Edward Heath, M.B.E., M.P. Den Karlspreisträger 1967, den ehemaligen Minister für Auswärtige Angelegenheiten des Königreichs der Niederlande und vormaligen Generalsekretär der NATO, Herrn Dr. Joseph Luns, für die Karlspreisträgerin von 1969, die Kommission der Europäischen Gemeinschaften, den damaligen Vizepräsidenten Dr. Fritz Hellwig und Kommissar Dr. Hans von der Groeben, den Karlspreisträger 1977, den damaligen Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Walter Scheel, den Karlspreisträger 1979, Herrn Minister Emilio Colombo, die Karlspreisträgerin 1981, die erste Präsidentin des frei gewählten Europäischen Parlamentes, Madame Simone Veil, den Karlspreisträger 1982, Seine Majestät König Juan Carlos I. von Spanien und an seiner Seite Ihre Majestät Königin Sophia von Spanien, den Karlspreisträger 1984, den vormaligen Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Prof. Dr. Karl Carstens, und für den Karlspreisträger 1986, Seine Königliche Hoheit Großherzog Jean von Luxemburg und mit ihm Ihre Königliche Hoheit Großherzogin Josephine-Charlotte von Luxemburg.

Eine ganz besondere Freude bereiten uns mit ihrer Anwesenheit der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Herr Dr. Richard von Weizsäcker, und Freifrau von Weizsäcker.

Ich heiße willkommen den Doyen des Diplomatischen Korps, den Apostolischen Nuntius Erzbischof Dr. Joseph Uhac, die Herren Botschafter aller zwölf in der Europäischen Gemeinschaft vereinigten Länder sowie der Vereinigten Staaten von Amerika und Ungarns.

Ein herzliches Willkommen richten wir an die den Herrn Staatspräsidenten begleitende Delegation, an ihrer Spitze Herrn Außenminister Roland Dumas.

Unser Gruß gilt den anwesenden Abgeordneten des Europäischen Parlamentes, namentlich Herrn Vizepräsidenten Alber und unter ihnen dem Vorsitzenden der EVP-Fraktion, Herrn Dr. Klepsch, und dem Präsidenten der Pan-Europa-Union, Herrn Dr. Otto von Habsburg, sowie den Repräsentanten der Europäischen Institutionen und Vereinigungen.

Wir grüßen herzlich den Präsidenten des Deutschen Bundestages und Präsidenten des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung, Herrn Dr. Philipp Jenninger, und die anwesenden Damen und Herren des Deutschen Bundestages, unter ihnen den Bundesvorsitzenden der F.D.P., Dr. Otto Graf Lambsdorff, und den Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion, Herrn Dr. Dregger, die Herren Bundesminister Dr. Blüm, Dr. Warnke, Dr. Schneider, Prof. Scholz, Frau Dr. Wilms und die weiteren erschienenen Mitglieder der Bundesregierung.

Unseren besonderen Gruß richten wir an die Koordinatoren für die deutsch-französische Zusammenarbeit, Herrn André Bord und Herrn Dr. Rainer Barzel, und die weiteren Repräsentanten französisch-deutscher Kooperationen, unter ihnen den Deputé-Maire unserer lieben Schwesterstadt Reims, Herrn Jean Falala, und den Generalsekretär des Französisch-Deutschen Jugendwerkes, Herrn Groscolas.

Unser Willkommen gilt dem Generalsekretär der Nato, Herrn Dr. Wörner,

dem Generalinspekteur der Bundeswehr, Herrn Admiral Wellershoff, und dem Oberbefehlshaber der Französischen Streitkräfte in Deutschland, General Brette.

Für das Land von Nordrhein-Westfalen grüßen wir Herrn Minister Schwier und Frau Ministerin Brunn und die Damen und Herren Abgeordneten des Landtages.

Einen herzlichen Gruß entbieten wir dem Vorsitzenden der kolumbianischen Bischofskonferenz, Seiner Eminenz dem Kardinal Erzbischof Lopez Trujillo, Herrn Erzbischof Pedro Rubiano von Cali und dem Diözesanbischof von Aachen, Herrn. Prof. Dr. Klaus Hemmerle.

Wir sind geehrt durch die Anwesenheit so vieler weiterer, namhafter Persönlichkeiten. Ihnen allen, die Sie an diesem heutigen Ereignis teilnehmen, gilt unser herzlicher Gruß, und in diesen Gruß mit einbezogen sind alle, die jetzt mit uns durch Fernsehen und Rundfunk verbunden sind.

Aber zwei französische Bürger hier im Saale möchte ich noch besonders begrüßen: Monsieur Henri Deillac und Monsieur Pierre Weite. Diese beiden Herren haben im letzten Krieg in Aachen als Kriegsgefangene gearbeitet und hier mit ihrem Arbeitgeber Freundschaft geschlossen. Sie will ich dankbar erwähnen, stellvertretend für viele in unseren Ländern, die Zwist und Feindschaft in Freundschaft verwandelt haben.

Verehrte Anwesende! Vor 50 Jahren, 1938, wurde hier in unserer Region, entlang den Grenzen, der "Westwall" gebaut, ein Monument des Hasses und des furchtbarsten Bruderkrieges. Vor 25 Jahren, 1963, wurde in Paris der Vertrag über die Zusammenarbeit unserer Länder geschlossen, ein Dokument der Hoffnung, der Vernunft, der Versöhnung. Aus ihm hat sich auf segensreiche Weise das entwickelt, was Staatspräsident Mitterrand eine privilegierte Freundschaft genannt hat.

In der gemeinsamen Erklärung, die die Unterzeichner dem Vertrag voranstellten, formulierten sie ihre Absicht und bestätigten wörtlich, sie handelten „in der Überzeugung, daß die Versöhnung zwischen dem deutschen und dem französischen Volk, die eine Jahrhunderte alte Rivalität beendet, ein geschichtliches Ereignis darstellt, das das Verhältnis der beiden Völker zueinander von Grund auf neugestaltet" und sie seien geleitet von "der Erkenntnis, daß die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern einen unerläßlichen Schritt auf dem Wege zu dem vereinigten Europa bedeutet, welches das Ziel beider Völker ist". Heute, 25 Jahre danach, können wir in Dankbarkeit feststellen, daß beide Ziele, Versöhnung unserer Völker und Fortschritt auf dem Weg zum vereinigten Europa, nicht nur erreicht, sondern auf damals wohl ungeahnte Weise erfüllt worden sind. Die Aussöhnung ist zur "privilegierten Freundschaft" geworden, hat zu kontinuierlich vertiefter Zusammenarbeit unserer Regierungen geführt, hat Hunderttausende unserer Bürger im Jugendwerk, in den Städtefreundschaften sich begegnen lassen, und die Vereinigung Europas ist durch das Binnenmarktziel für Ende 1992 noch nie so nahe gerückt gewesen wie jetzt.

Wenn je ein Vertrag in Wortlaut und Sinn erfüllt wurde, den Völkern und unserem Kontinent zu größtem Segen gereicht, dann dieser.

Alle Regierungen unserer Länder, in wechselnden parteipolitischen Konstellationen, haben ihm gedient, ihn ausgebaut und vertieft.

Jean Monnet, dessen einhundertsten Geburtstag wir in neun Tagen begehen, hat 10 Jahre vor Abschluß dieses Vertrages, 1953, hier von dieser Stelle aus seine große Hoffnung beschworen, die, wie er dabei sagte, "im Begriffe ist, Wirklichkeit zu werden: das endgültige Verschwinden des jahrhundertelangen, zerstörerischen deutsch-französischen Gegensatzes" und die „Vereinigung der Völker Europas in ein und derselben Gemeinschaft".

Und Robert Schuman, der im Jahr des Vertragsabschlusses starb, rief uns hier im Saale 1958 zu: „Wir schulden es nicht nur unseren Ländern, alles zu überwinden, was uns trennt, sondern auch unserer europäischen Gemeinschaft, die in Frage gestellt wäre, wenn wir unsere inneren Probleme nicht lösen würden."

Und schließlich darf ich als letzten Konrad Adenauer zitieren, der an diesem Pult hier zu seiner Karlspreisverleihung sagte: „Vor allem dürfen wir aus der Verleihung des Preises an einen Franzosen im Jahre 1953 und an mich, einen Deutschen, im Jahre 1954, die Aufforderung an die Politiker und an beide Völker herauslesen, den zerstörerischen deutsch-französischen Gegensatz endgültig verschwinden zu lassen. Dadurch würde das letzte große Hemmnis der Einigung Europas beseitigt werden."

Es ist also ein und dieselbe Überzeugung, die die Väter unserer Gemeinschaft beseelte und die uns hier zusammengeführt hat, die General de Gaulle und Konrad Adenauer in der Kathedrale von Reims sich umarmen und die Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl auf den Gräberfeldern von Verdun sich die Hände reichen ließ.

Unvergeßliche Gesten im Leben unserer Völker, die aber im täglichen politischen Handeln eingelöst und mit Leben erfüllt worden sind, die ein unseliges Kapitel unserer Geschichte bindend abschlossen und ein neues, die Zukunft sicherndes begannen und bestärkten.

Stets haben die wechselnden, aber in der Vertragserfüllung treuen Träger dieses Werkes die gemeinsame Wohlfahrt unserer Länder und den weiteren Fortschritt der Einigung Europas als untrennbares Ganzes angesehen.

Heute, gleichsam am Vortag der vollendeten Öffnung des freien Marktes für alle 320 Millionen Gemeinschaftsbürger, der Zündung zu einer neuen dynamischen Entwicklung, der entscheidenden Teilstrecke auf dem Weg zur politischen Union, zum Bundesstaat Europa, heute dürfen wir in Dankbarkeit die Freundschaft Frankreichs und Deutschlands und gleichzeitig die Überwindung der Stagnation der ganzen Gemeinschaft auf ihrem Weg zueinander feiern.

Aber die Geschichte wird von Menschen bewegt, und die Geschichte der europäischen Einigung ist heute wie von Anfang an angewiesen auf Inhaber der Macht, die diese Macht nutzen, um die wahre Souveränität Europas wieder zu erringen in der vereinigten Stärke unserer Völker. Wie anders sollen wir unser eigenes Schicksal gestalten, uns selbst behaupten und gestaltende Kraft im Machtgefüge der Welt entfalten können, zumal in diesem Augenblick, in dem unter den jetzigen Weltmächten die Karten der Macht neu gemischt werden!

Es gehört zum Segen der jetzigen Situation Europas, daß gerade in diesem Augenblick die Inhaber der Macht in unseren beiden Ländern die Ohnmacht nationaler Einzelmühen erkennen und die gestaltende Möglichkeit europäischer Einheit mit überzeugender Kraft erstreben.

Präsident Mitterrand sagte es in seiner Rede vor dem Europäischen Parlament am 24. Mai 1984 mit den Worten: „Jetzt stehen wir vor der Alternative, entweder die Entscheidungen über das Schicksal aller Menschen, also auch über das unsere, anderen in oder außerhalb Europas zu überlassen oder aber alle Begabungen und Fähigkeiten, alle Kreativität, alle materiellen, geistigen und kulturellen Ressourcen, die Europa zu einer Zivilisation haben werden lassen, zusammenzufassen, damit es (...) endlich zu dem wird, was es ist. Unserer Entscheidung liegt ein einfacher Gedanke zugrunde. Keines unserer Völker, so reich seine Vergangenheit und so stark sein Lebenswille auch sein mögen, kann von sich aus die Gegenwart und die Zukunft der Menschheit entscheidend beeinflussen. Wir können es nur gemeinsam."

Verehrte Anwesende, oft haben wir es auch hier an dieser Stelle beklagt, daß europäische Festreden und politischer Alltag nicht übereinstimmten. Nun aber dürfen wir ebenso unsere Freude darüber ausdrücken, daß in Präsident Mitterrands und Bundeskanzler Kohls regierendem Handeln dieser Unterschied von europabejahendem Wort und europabauender Tat nicht besteht, daß beides vielmehr sich glaubwürdig entspricht. Beide haben es vielfältig bewiesen. Als mit Juni dieses Jahres die sechsmonatige Präsidentschaft der Bundesrepublik Deutschland im Europäischen Rat und im Vorsitz der Ministerräte zu Ende gegangen war, konnte anschließend Kommissionspräsident Delors in Straßburg feststellen, daß in diesen sechs Monaten der Präsidentschaft Helmut Kohls mehr die Einigung Europas fördernde Beschlüsse zustandegebracht worden seien, als in den zehn Jahren der Stagnation von 1974 bis 1984 insgesamt. Herr Bundeskanzler, für diese große europäische Leistung möchten wir gerne unseren dankbaren Respekt zum Ausdruck bringen.

"Europa ist unsere politische Zukunft", haben Sie in Ihrer Regierungserklärung vom 18. März 1987 gesagt.

Sie haben dieser Zukunft durch rastloses Mühen die Wege geebnet.

Und Frankreich hat Sie dabei wirkungsvoll unterstützt. Wir können nur hoffen, daß es Ihnen gelingt, aktuelle insulare Bremsversuche abzuwehren und die Zukunft der Elf nicht über die Eigenwilligkeit einer Einzigen stolpern zu lassen. Staatspräsident Mitterrand hat noch am 20. Oktober des vorigen Jahres hier im Saale uns alle gemahnt: "Wir müssen gemeinsam nachdenken, entwerfen und handeln (...). Unsere Völker haben eine historische Aufgabe, und es ist an uns, sie zu erfüllen."

Herr Staatspräsident! Wir sind uns der besonderen Auszeichnung bewußt, Sie hier in diesem Saale nach ihrem Besuch im Oktober des vorigen Jahres nun zum zweiten Mal erleben zu dürfen. Sie haben uns in diesem Saale aufgerufen, gemeinsam nachzudenken, zu entwerfen, zu handeln und unsere Zusammenarbeit als historische Aufgabe zu sehen. Sie selbst sind uns hierin vorangegangen, haben uns Beispiel gegeben. Wir haben allen Anlaß, Ihrer Mahnung, Ihrem Vorbild zu folgen. Unsere Zukunft hängt davon ab. Wir möchten Ihnen heute von Herzen danken für Ihre Freundschaft und Partnerschaft, für Ihr Mühen um die Gemeinsamkeit unserer Länder und den Fortschritt im Aufbau Europas.

Monsieur le Président! C'est pour nous un très grand honneur que de pouvoir à nouveau vous recevoir dans cette salle, à la suite de votre venue à Aix-laChapelle au mois d'Octobre, l'année passée.

C'est ici meme que vous nous avez appelés à réfléchir ensemble, à concevoir l'avenir et à agir ensemble, à voir dans notre collaboration une mission historique. Vous-meme nous avez précédé et ouvert la voie dans cet engagement, vous avez donné l'exemple.

Votre appel touche chacun de nous et tous, il nous faut l'entendre et le suive. Notre avenir en dépend. Nous aimerions en ce jour remercier de tout coeur en vous l'ami, le partenaire. Nous aimerions vous remercier pour votre engagement personnel, vos efforts en vue de parfaire l'entente entre nos deux pays et par là-meme d'oeuvrer pour la construction de l'Europe.

Diese heutige Versammlung, die gemeinsame Anwesenheit vier europäischer Staatsoberhäupter und so zahlreicher, verantwortungtragender Persönlichkeiten, ist in sich ein historisches und europäisches Ereignis von größter Bedeutung und Eindringlichkeit.

Sie, diese Versammlung, würdigt bereits durch sich selbst die französisch-deutsche Freundschaft als eine Voraussetzung der europäischen Einheit und verdeutlicht am nachdrücklichsten die Anerkennung des die Gemeinschaft fördernden Wirkens von Staatspräsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl. In demselben Sinne hat das Direktorium für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen einmütig beschlossen, Ihnen, Herr Staatspräsident, und Ihnen, Herr Bundeskanzler, den Karlspreis für das Jahr 1988 zu verleihen.


Quelle: http://www.karlspreis.de/preistraeger/1988/
rede_des_oberbuergermeisters_der_stadt_aachen_kurt_malangre.html