15. und 16. Dezember 1989
Neufassung der Präambel zum zweiten Entwurf des Positionspapiers - Erneuerung und Zukunft. Positionen vom Sonderparteitag der CDU (Ost) in Berlin


Mitten in der tiefsten Krise unserer Gesellschaft und im Bewußtsein unserer Verantwortung für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres Volkes stellen wir uns als Mitglieder der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands den Herausforderungen und Aufgaben der Stunde.

Wir bekennen unsere Schuld an den Deformationen, unter denen wir mit allen Bürgern unseres Landes zu leiden haben. Zu viele von uns haben aus Angst, aus Resignation, aus Überheblichkeit gegenüber Mahnern und Kritikern nicht widerstanden, wo dies um der Menschen willen notwendig gewesen wäre. Nur im Bekenntnis dieser Schuld können wir die Glaubwürdigkeit erarbeiten, die wir brauchen, wenn wir für eine humane und demokratische Gesellschaft eintreten wollen, in der Grundwerte wie soziale Sicherheit, Gerechtigkeit für jedermann und Solidargemeinschaft nicht ver- lorengehen und Rechtsstaatlichkeit die tragende Basis des politischen Lebens ist. Wir sind für Pluralitat und geistige Weite, für die Entfaltung von Persönlichkeit und Kreativität in bewußt bejahter sozialer Bindung. Dabei knüpfen wir an den Gründungsaufruf der CDU vom 26. Juni 1945, an das Märtyrertum christlicher Antifaschisten sowie an das Erbe sozial fortschrittlicher und pazifistischer Bewegungen an.

  • Wir wollen eine CDU, die eine eigenständige und unabhängige Partei von Christen ist, eine Partei aller Bürger, die sich in ihrem Handeln zum Wohle der Gesellschaft von christlicher Ethik und christlich begründeten humanistischen Traditionen leiten lassen. Wir sind offen auch für Mitbürger, die von anderen uns nahen Moral- und Wertvorstellungen bestimmt sind. Wir verstehen die CDU als eine Volkspartei, deren oberste Ziele Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind.
  • Wir wollen eine CDU, die eine Partei der demokratischen Erneuerung ist. Wir stehen ein für Rechtsstaatlichkeit, für Wahrung der Menschenrechte und Grundfreiheiten, für strikte Gewaltenteilung zwischen Parlament, Regierung und Rechtsprechung. Wir treten ein für religiöse und weltanschauliche Freiheit, politische Meinungsvielfalt und öffentliche Willensbildung des Volkes.
  • Wir wollen eine CDU, die eine Partei für Europa ist. In den konföderativen Strukturen eines gemeinsamen europäischen Hauses erstreben wir die Einheit der deutschen Nation in den bestehenden Grenzen und unter Wahrung der Interessen unserer Nachbarn. Wir meinen: Abrüstung bis hin zur Entmilitarisierung und Überwindung der Militarblöcke kann Deutschland zur Brücke zwischen Ost und West sowie zu einem stabilisierenden Faktor der Sicherheit und Zusamenarbeit auf unserem Kontinent werden lassen.
  • Wir wollen eine CDU, die eine Partei des Friedens ist. Wir treten ein für die Freundschaft zu allen Völkern. Dem dient unsere Zusammenarbeit mit anderen demokratischen Parteien und Bewegungen. Wir setzen uns ein für den Abbau der Rüstungen und für die politische und militärische Entspannung in der Welt, für solidarische Lebenshaltung und wirtschaftliche Gerechtigkeit, vor allem gegenüber den Völkern der Dritten Welt. Wir stehen zur Schuld der Deutschen in der Geschichte, besonders gegenüber unseren europäischen Nachbarn und dem jüdischen Volk, und wenden uns konsequent gegen jede Form von Nationalismus, Faschismus und Antisemitismus.

(Als Diskussionsgrundlage vom Sonderparteitag bestätigt.)